Der Stückemarkt ist idiotische Zeitverschwendung!

Heute Abend werden die Preisträger des Stückemarkts bekannt gegeben. Dennis Kelly hat den Autoren schon in seiner Eröffnungsrede eine deftige Standpauke gehalten: Politisches Theater, das den Anspruch habe, die Welt zu verändern, sei idiotische Zeitverschwendung. Es wirkte wie eine jungväterliche Ermutigung an den Nachwuchs, trotz der Ignoranz der Welt, die sich partout nicht ändern wolle, weiter relevante und „wahre Stücke“ zu schreiben und nicht nur aus Karrieregründen „die letzten Tage von Sarkozy“ zu thematisieren. Sind die zum Stückemarkt eingeladenen Dramen denn politisch? Idiotisch? Zeitverschwendung? Eine Analyse.

Magdalena Fertacz: Kalibans Tod

Magdalena Fertacz’ Stück „Kalibans Tod“ wagt etwas, was man auf deutschen Bühnen von jungen deutschen Dramatikern nur selten sieht: eine unverschleierte Systemkritik, die Missstände brechtsch anprangert. Dass dieses explizit politische Theater keinem Ideologieverdacht ausgesetzt wird, weder gestrig noch naiv-weltverbessernd á la Sponti-Straßentheater wirkt, liegt am bitteren Humor und der genialen Idee, die das Stück trägt: Unter Slumbewohnern wird ein Wettbewerb ausgeschrieben, denn die westliche Welt will vom innovativen Baustil der Hüttendörfer lernen. Gleichzeitig wird in einer Galerie ein „gewöhnlicher Mensch“ vor die Wahl gestellt: er bekommt nur sein dringend benötigtes Spenderherz, wenn er zulässt, dass der dunkelhäutige Spender öffentlich erniedrigt wird.

Spannend wird heute Abend vor der Preisverleihung sicher die szenische Lesung von „Kalibans Tod“, weil Fertaczs Stück am aktuellen politischen Diskurs des diesjährigen Theatertreffens andockt und in die Blackfacing- und Rassismus-Diskussion eingreift. Wie wird der Regisseur Dominic Friedel mit dem Text umgehen, in dem ein Dunkelhäutiger mit weißer Schokolade eingerieben wird? Die Hautfarbe wird in Fertacz’ Stück als arbiträres Einteilungskriterium in zwei Menschenrassen dargestellt, eine scheinbar naturgemäße Setzung, mit der der Mensch umgehen muss, die ohne besonderen Grund bei Geburt über Leben des Individuums hereinbricht.

Auf der ersten Seite von „Kalibans Tod“ heißt es: „Dieses Stück wurde des Geldes wegen geschrieben“. Diese Aussage lässt den Leser in seiner Zweideutigkeit ratlos zurück: Hat Fertacz das Stück nur geschrieben, um Geld zu verdienen, oder wird eine derartige Systemkritik überhaupt nur „des Geldes wegen“ nötig? Dieses Dilemma bestimmt auch die Figuren im Stück, denn sie perpetuieren mit ihren Aktionen nur den Status quo, den sie kritisieren, genauso wie man mit einem Stück „gegen das Geld“ eben doch Geld verdient. Es gibt eben kein richtiges Leben im Falschen.

 Julia Holewińska: „Fremde Körper“

Adam ist „geboren im falschen Körper“ und geboren im falschen politischen System. In Julia Holewińskas „Fremde Körper“ werden gar gleich zwei politische Diskurse miteinander verbunden: Die Kämpfe der polnischen Opposition im Untergrund und der persönliche und gesellschaftliche Umgang mit Transsexualität. „Fremde Körper“ erzählt einfühlsam vom persönlichen Schicksal des Transsexuellen Adam, später Eva, erzählt einen Lebensweg psychologisch aus. Julia Holewińska nimmt sich die Zeit und ihre Figuren ernst, sie gönnt ihnen und den Zuschauern Szenen, die nicht von einem Konflikt getrieben sind, die es einfach erlauben, die Figur der Eva näher kennenzulernen. Die teilweise Abkehr von der Konfliktdramaturgie zeitgenössischer Dramatik ist wohltuend, man hat das Gefühl, „Fremde Körper“ ist nicht um des Stückes willen geschrieben worden, sondern um einer Figur gerecht zu werden. Es ist das dokumentarische Material, das aus jeder Seite zu sprechen scheint: Julia Holewińskas Text arbeitet sich an einem realen Vorbild ab, hat sich dem „Gerechtwerden“ einer Sache verschrieben. Das ist es, was Kelly in seiner Rede als Merkmal eines guten Dramatikers ausmacht: „Dienen wir der Sache, oder dient die Sache uns?“.

Wolfram Höll: „Und dann”

Plattenbau, zwei Kinder, ein Vater und die Mutter irgendwie weg: eigentlich ist die Figurenkonstellation und das Setting in Wolfram Hölls „Und dann“ die perfekte Ausgangsposition für eine Hartz IV-Reportage auf einem Privatsender oder sozialrealistisches Projekttheater. Wie oft hat man in den letzten Jahren plattenbaunaturalistische Stücke gelesen, wie oft ist die systemische Desintegration der DDR, die auf das Private übergreift, schon beschrieben worden? Und jetzt dem Ganzen noch etwas Neues abgewinnen? Wolfram Höll ist klug, umgeht das drohende Betroffenheitstheater und begegnet dem Thema mit einer starken ästhetischen Setzung: er erschafft eine lyrische, hermetisch abgeschlossene Sprachwelt, mit der aus einer Kinderperspektive wortgewandt die Familiensituation umkreist wird. Manchmal wirkt es so, als müsse sich die Kunst, die Sprache, förmlich gegen die Rührseligkeit der Plattenbautristesse stemmen, als arbeite die kunstvolle Sprache gegen die Betroffenheitsperspektive des Kindes an. Höll erzählt die Geschichte eines Verlustes, des privaten wie des systemischen, der auf ein unschuldiges Kind, eine Gesellschaft unvorbereitet hereinbricht, und es scheint, ganz wie Dennis Kelly es auch in seiner Rede formulierte, als erhebe hier jemand seine einzigartige Stimme im Dunkeln, und sagte: „Ich sehe es so“. Die sprachlich überformte Perspektive des Kindes auf die Dinge machen das Politische an diesem Stück aus, das sich auf die Subjektivität des kleinstmöglichen Rads im Getriebe einer Gesellschaft zurückzieht, um von dort einen neuen, frischen Blick auf diese schon hundert Mal erzählte Plattenbaugeschichte zu finden.

Pamela Carter: „Skåne“

Pamela Carters Stück „Skåne“ ist vordergründig wohl das unpolitischste Stück der diesjährigen Auswahl. Die rückwärts erzählte Geschichte eines gescheiterten Fremdgehversuchs, der Schicksale zweier Familien mutet auf den ersten Blick wie ein Rückzug ins Private an. „Skåne“ steht formal tatsächlich im besten Sinne in der Tradition des „well-made play“: ein dialogisches Stück mit psychologischen Figuren, eben ein auf die Bühne zugeschnittenes Stück, das auf formaler Ebene erfrischend wenig wagt (ausgenommen der Erzählreihenfolge). Der Verzicht auf ästhetische Kniffe und Winkelzüge macht den Blick frei für die Beziehungen der Figuren untereinander und deren Scheitern an den von der Gesellschaft und den selbst gestellten Erwartungen.

„Skåne“ thematisiert glücklicherweise nicht den Wahlkampf in Frankreich, wie Kelly polemisiert, sondern das Politische an Carters Stück liegt in der „Wahrheit“, im emotionalen Kern des Stücks: Die aufblühende und unschuldige Liebe der Kinder, die ungemein plastisch vor dem Auge des Lesers entsteht, wird kontrastiert mit den gescheiterten Beziehungen der Eltern, die ungeheuer trostlos „wegen der Kinder“ zusammenbleiben müssen. Mit einer unmanierierten Sprache, die den Figuren dient und sie als reale Menschen hervortreten lässt, zeichnet Carter auf mikroskopischer Ebene die Ratlosigkeit über das eigene Leben: „Man liebt sich ja eigentlich“, heißt es da, man bleibe natürlich zusammen, wolle sich zusammenreißen der Kinder wegen – aber warum dann das Fremdgehen? Und warum überhaupt Zusammenbleiben? Es gibt Dinge, die passieren scheinbar einfach so. Ohne Erklärung, ein Hereinbrechen von Leerstellen in das geordnete Leben. Carter tastet, wie Kelly vorschlägt, mit ihrem Stück nach der Wahrheit: Die Art und Weise, wie die Kinder ihre Liebe entdecken, ist „wahr“ – im Gegensatz zu den „falschen“ Entscheidungen der Erwachsenen (sind es überhaupt Entscheidungen? – in „Skåne“ scheinen die erwachsenen Protagonisten merkwürdig entmündigt). Die Offenlegung dieser Diskrepanz zwischen wahr und falsch, macht das Politische von „Skåne“ aus.

Michel Decar: „Jonas Jagow”

„Jonas Jagow“ ist wütend, verdammt wütend. Jung und wild ist er – und er will Berlin zerstören. Diese Setzung der destruktiven Kraft an sich, ohne genau benennen zu können, woher sie kommt, formuliert eine ähnliche Ratlosigkeit der Gegenwart gegenüber wie Pamela Carter in ihrem Stück. Manche Gefühle sind einfach da, wie Dennis Kelly in seiner Rede sagt, die sich nicht durch Argumente erklären lassen. Auch Jonas Jagows Motivation bezeichnet eine Leerstelle, die auch in Richtung des „Leck mich“ verweist, von dem Dennis Kelly gesprochen hat und das sich Michel Decar beim Schreiben von „Jonas Jagow“ scheinbar prophylaktisch zu Herzen genommen hat: Bewusst bricht er mit allen Drama- und Theatertraditionen, der Text jongliert mit Versatzstücken und Zitaten, übertrifft in der Unspielbarkeit sogar Christian Grabbes „Hannibal“. „Leck mich“ eben.

Bei der Stückemarkt-Lesung musste man durch den Hauptdarsteller den Eindruck gewinnen, das Stück ziehe sich hinter die Ironie zurück und ironisiere in einer pubertären Anti-Haltung nur die Theatertradition – dass diese Jonas Jagow innewohnende destruktive Kraft neben der Gewitztheit des Textes aber doch irgendwie ernst gemeint sein könnte, dass wirklich etwas mit der Welt, mit Berlin, wie wir es kennen, nicht in Ordnung sein könnte, dieses Gefühl beschleicht einen lediglich beim Lesen des Textes. Das „Warum?“ der Aggression bleibt unausgefüllt, lässt sich mit individuellen Bedeutungen aufladen – jeder hat seinen eigenen Grund, Berlin zu zerstören, vor allem, wenn Berlin als Metapher verstanden wird.

In Decar hat Kelly übrigens einen dankbaren Abnehmer für seine Rede gefunden: „Wenn ich nicht die Welt retten wollen würde, dann könnte ich gleich aus dem Fenster springen hier – ja, natürlich das meine ich ernst, natürlich.“

Eine These wäre, dass die diesjährigen Stücke insofern politisch sind, als dass sie alle mit Leerstellen und Nicht-Erklärungen operieren und das „Warum?“ des Scheiterns, des Konflikts, der Zustände auf dieser Welt vorenthalten werden. Das Fehlen dieses „Warums“ ist der Motor, der diese Stücke antreibt und sie relevant macht. Die Stücke befragen die Welt, so wie sie subjektiv und ungenügend vorgefunden wird, befragen zum Teil auch Theater-Ästhetiken neu, und hinterlassen einen rauschenden Resonanzraum für die Antworten, die Bedeutungen, ja, für die „Wahrheit“, wie Dennis Kelly es nennt, die der Zuschauer im Kern der Stücke selbst entdecken muss.