Premierenkritik: In welcher Welt leben wir eigentlich?

Badearzt Dr. Stockmann (Falilou Seck) kommt in Lukas Langhoffs Inszenierung von Ibsens „Volksfeind“ im Glitzerfrack auf die Bühne und spielt mit einem Klischee: dem des nur gebrochen deutsch sprechenden Migranten, der aber, „nix Heimreise!“, bleiben will. Doch schnell entwickelt sich seine Sprechfähigkeit und er rezitiert Heiner Müller. Das war es dann auch schon mit der Figurenentwicklung, der Rest der Personenführung ist und bleibt eindimensional: Redakteur Billing (Konstantin Lindhorst) trägt Vokuhila und man weiß: Der ist ein bisschen doof. Buchdrucker und Vertreter der Hauseigentümer, Aslaksen (Simon Brusis) macht seltsam große Schritte und man weiß: Der ist auch ein bisschen doof. Dr. Stockmanns Tochter Petra (Marleen Lohse) brüllt durchgehend und hat eine Vorliebe für Arbeiterlieder und Tocotronic, und Frau Stockmann putzt gerne. Mehr gibt es nicht zu erfahren.

Diese Eindimensionalität lässt Stockmanns Mitbürger nur ignoranter, nicht aber stärker erscheinen. Sein Scheitern ist daher nicht nachvollziehbar, sein Kampf um das saubere Bad wird auch viel zu schnell beendet, so scheint es. Warum fügt er sich so schnell? Was will uns das sagen?

Das wird klar in einer Rede, die Dr. Stockmann an seine Familie und an uns richtet: In welcher Welt leben wir, dass die Dummen über die Klugen bestimmen können? Die dumme Mehrheit überstimmt ihn, der die Wahrheit kennt, der weiß, dass verschmutztes Wasser schlimmer ist als die gefürchtete leere Stadtkasse. Falilou Secks Sprechweise ist einnehmend, leise trägt er seinen Monolog vor, doch wahnsinnig klar und differenziert und man denkt: Ja, wieso hat sie denn die Macht, die hirnlose Masse? Und plötzlich merkt man: Das, was man sich gerade gewünscht hat, ist schlicht und einfach ein faschistisches System. Man erschrickt über sich selber, und die schlichte Personenführung von Stockmanns Gegenspieler macht auf einmal Sinn.

Es ist schwer, diese Aufführung zu bewerten, das ist vielleicht das Interessanteste an ihr: Es wird mich noch lange beschäftigen, ob die Ausstattung nun „Stadtheater“ brüllt oder schlicht und einfach uneitel ihren Zweck erfüllt. Ist es nur ein bekanntes Regiemätzchen, in großen Lettern „Hartz IV“ an die Wand zu malen, oder ist die Existenzangst der Schlüssel zu diesem Werk? Ist Tocotronic („Aber hier leben, nein danke“) zu spielen nicht immer der billigste Weg, Stimmung zu erzeugen, oder ist hier der Mut zur Pathetik einfach genial?

Außer Zweifel steht hingegen die Wirkung der Übertitel: In einigen Szenen gibt es freiere Dialoge, aktuelle Ereignisse werden aufgegriffen (etwa das Relegationsspiel oder Wowereits Wankelmut) und man fragt sich: Was passiert hier? Ist das spontan? Oder pure Spiellust und Übermut? Wenn über dem Haupt der Schauspieler groß „Improvisation“ prangt, ist es nur der halbe Spaß. Überhaupt nehmen die Übertitel viel vorweg: Dialoge werden zerstört, indem die Antwort schon vorher eingeblendet wird. Sobald es lustig wird, sollte man sich die Augen lieber zuhalten, sonst wird einem alles im falschen Moment verraten.

Es gibt trotz der kurzen Spieldauer von zwei Stunden einige Längen an diesem Abend, vor allem in der ersten Szene, in der viele Menschen sich ein einziges Mikrofon teilen müssen, was mit der Zeit lähmend wirkt. Der Anfang ist überhaupt anstrengend: Am hintersten Bühnenrand steht der Tisch – in diesem Augenblick erwiesen sich die Übertitel dann doch als sehr nützlich, sonst hätte ich nämlich fast nichts verstanden.

Für den großartigen Schauspieler Falilou Seck, lohnt es sich für mich auf jeden Fall, in die Provinz, oder eben nach Berlin zu reisen. Bonn, ich komme!