Der TT Künstler-Gipfel: Das maßlose Schaffen

„Ich weiß nicht, wer eure Darlings sind, aber wäret ihr nicht heuchlerische Schweine, wenn ihr ihnen das Leben nehmt?“ Signa Köstler von SIGNA eröffnete am Donnerstag den TT Künstler-Gipfel mit ihren „36 Punkten zum maßlosen Schaffen unserer Werke“. Unter dem Motto „Don`t kill your Darlings“ diskutierten Theaterleute, TT Talente-Alumni und Interessierte einen Nachmittag lang über die Frage nach der Möglichkeit und Notwendigkeit von Leidenschaft im Theater.

Signa Kösler hält die Eröffnungsrede beim TT Künstler-Gipfel im Haus der Berliner Festspiele. Foto: Piero Chiussi.

Punkt 16 „Es müssen 53 Handlungen gleichzeitig geschehen, zwar miteinander verbunden, aber nicht gleichzeitig wahrzunehmen“ nahm das Geschehen der nächsten Stunden vorweg: An zehn Tischen debattierten über hundert Teilnehmer, jeder konnte an zwei Runden teilnehmen.

Punkt 22„Wir müssen das Publikum betasten und auch manchmal schlagen.“
Ich entschied mich zuerst für den Tisch von Regisseurin Anna Bergmann, an dem unter dem Thema „Kunst geht nach Brot. Wie weit muss ich mich als Künstler im Stadttheater nach den Wünschen des Publikums richten?“ schließlich diskutiert wurde, ob man die armen, bösen, trägen Abonnenten nun leben lassen oder eben killen sollte aufgrund ihres vermeintlich konservativen Einflusses. Fazit: Sie dürfen leben, bloß das Argument „abonnentenfreundlich“ darf nicht ausschlaggebend sein.

TT Künstler-Gipfel im Haus der Berliner Festspiele. Foto: Piero Chiussi.

Punkt 10 „Wir müssen alle Aspekte des Werkes in seiner Produktion und Präsentation kennen und unseren Einfluss gelten lassen.“
In der zweiten Runde wählte ich den Tisch von Grete Götze, Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau zum Thema „Theaterkritik mit Gefühl?“. Besonders interessant für mich, da sie letztes Jahr ebenfalls für den Theatertreffen-Blog schrieb. Wir sprachen über die „Gefühligkeit“ von Kritiken, über die Problematik der „Daumen hoch – Daumen runter“-Besprechungen und erfuhren von einer aus Holland stammenden Dramaturgin, dass Kritiken in den Niederlanden generell emotionaler und persönlicher seien als in Deutschland.

Drei „Flaneure“ begleiteten die Gespräche, hörten hier und da mal rein, um aus der Vielfältigkeit der Themen und Diskussionen ein Resumée filtern zu können. Andreas Jüttner von den Badischen Neusten Nachrichten, Jury-Mitglied Vasco Boenisch und Anna Pataczek, freie Journalistin, fassten ihre Beobachtungen zum Schluss auf dem Podium noch einmal zusammen:

Die „Flaneure": Andreas Jüttner, Anna Pataczek, Christiane Kühl (Moderation) Vasco Boenisch. Foto: Piero Chiussi.

Die Zusammenfassungen von Andreas Jüttner:

„Kunst geht nach Brot“ heißt die These am Anna-Bergmann-Tisch, bei dessen Diskutanten es schnell darum geht, dass man nach wie vor manche Dinge an manchen Häusern nicht machen kann, weil sonst der Intendant die Abokündigung fürchtet. Mal sorgt das Zubauen einer Sichtlinie für Ärger, mal die Vergewaltigung von Luise in der Briefszene von „Kabale und Liebe“. Mal wird aber auch einfach das Publikum, das so etwas tolerieren könnte, nicht erreicht, weil das Marketing nicht funktioniert (Zitat: „Es reicht nicht, dass ein Theater zentral in der Stadt steht und zwei Mal im Jahr ein Banner hisst“).

– Aber wie schlimm wäre die Abo-Kündigung? Am Philipp-Löhle-Tisch „Tötet das Publikum!“ findet man den fehlenden Mut, die Leute auch mal gehen zu lassen, schlimmer, und fordert, das Abo abzuschaffen („Tötet das Abo!“). Eine der Alternativen sei das Erobern anderer Räume. Beispielsweise indem man als Tanzcompagnie die Zusammenarbeit mit einer Jazzband nutzt, um auf einem Jazzfestival aufzutreten (die Abo-Leichen können währenddessen ins Kino gehen).

– Am Nicole-Oder-Tisch „Wir machen Volkstheater, darling!“ geht es um ein Stadtteiltheater, das dezidiert kein Abo hat, weil es mit unterschiedlichen Künstlern thematisch klar profilierte Projekte anbietet, sehr unterschiedliche Bevölkerungsgruppen anzieht und somit die Leute immer neu gewinnen muss. Ästhetischer Ansatz hierbei kann Klarheit und Reduktion sein (Zitat: „Das ist auch Magie, wenn auch ein Zwölfjähriger in einem Podest erst ein Hochhaus, dann einen Tisch und dann ein Bett sieht“). Und am Signa-Köstler-Tisch „Das preiswerte Schaffen der Maßlosen“ geht es unter anderem um die Magie der unzerbrechlichen Fiktion, in die der Zuschauer gestellt wird. Zu deren Entstehung sagt Signa einen Satz, der eigentlich für alle Theaterleiter (und besonders bei Angst vorm Gehenlassen) passt: „Im Idealfall ist es so, dass wir ein Gebäude haben und dann das Konzept dazu schreiben.“

Die Zusammenfassungen von Anna Pataczek:

Lasst doch diese ewige Metapher der Grenzüberschreitung! Das schränkt ein.

Maßlosigkeit ist der Wunsch zum dionysischen Theaterrausch zurückzukehren. Maßlosigkeit ist ein Wunschtraum der Bürgerlichkeit. Maßlosigkeit ist, wenn Verabredungen gebrochen werden. Maßlosigkeit ist, wenn man sich nicht erklärt.

Her mit dem Mittelweg! Zwischen Diskurs-Textflächen und Wellmade-Play braucht es ein neues, erzählerisches Theater. Angedockt an die Gegenwart. Keine Essays, keine Selbstbefindlichkeiten. Jemand dagegen? – Nein!

Die Zusammenfassungen von Vasco Boenisch:

Der Tisch von Alan McKendrick
Der britische Autor und Regisseur schilderte das offenbar gängige Verfahren bei Übersetzungen von Dramen ins Englische: Erst übersetze ein Fremdsprachenstudent das Werk Wort für Wort, dann würde ein Autor daraus einen Dramentext fertigen – sprich: Es handele sich im Endergebnis weniger um Übersetzungen als um Adaptionen. Mitunter würden sogar Inhalte oder Dramenschlüsse umgeschrieben (wie zum Beispiel bei Dennis Kellys Übertragung von Kleists „ Prinz Friedrich von Homburg“). McKendrick appellierte, solche Unschärfen sollten deutlich gemacht werden. Außerdem kritisierte er generell, dass bei Übersetzungen sprachliche Subtilitäten verschwinden würden – und provozierte damit Widerspruch: Eine Übersetzung könne mit dem Original schlichtweg wenig gemein haben. Eine Teilnehmerin berichtete von ihren Problemen, gute Übersetzer zu finden. Eine weitere Teilnehmerin wies auf die erschwerenden Umstände in einem Land wie Japan hin, in dem nicht nur sprachliche, sondern auch kulturelle Unterschiede bei Dramenübersetzungen überwunden werden müssten. Hier fände man in der Regel entweder einen Akademiker, der ein Stück übersetzen könne, oder einen Landeskundigen, der die Kultur des jeweiligen Dramatikers kenne – selten aber beide Kompetenzen in einer Person.

Der Tisch von Jen Christian Lauenstein Led
Der Meinungs- und Erfahrungsaustausch, der viele Teilnehmer anzog, formulierte einige Probleme, die ein Kinderwunsch im Theatersystem mit sich bringt: die Probleme, nach beziehungsweise bei der Kindererziehung der ersten Jahre wieder zurück in den Beruf zu finden; die Egoismus-Vorwürfe der Lebenspartner (à la: Du verwirklichst dich im Theater, aber trägst finanziell kaum was zur Familie bei.); die Tatsache, dass bestimmte Theaterleiter für gewisse Positionen bewusst darauf achten würden, keine Bewerber mit Kindern zu engagieren; die individuelle Wahrheit, dass eine Entscheidung für Kinder auch ein bequemer Rückzug ins Private darstellen könne; und so weiter. Eine Teilnehmerin mit Kindern sprach von einer fortwährenden Zerrissenheit zwischen der Familie (verbunden mit keinen Rückzugsmöglichkeiten für sich selbst) und der Kreativität des Berufs (der mit Familie einem permanenten Coitus Interruptus gleichkäme). Es wurden die Themen Kinderbetreuung für Berufstätige am Abend besprochen, die Forderung nach einer Elternzeit-Pflicht für Väter, die Verantwortung und Verpflichtungen des Staates, aber auch ein Appell an die Selbstverpflichtung des Theatersystems, familienfreundlichere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Am Ende stand die Wunschvorstellung eines Theateralltags, in dem Kinder auf Proben selbstverständliche Gäste sein sollten und das eintretende Chaos Teil des künstlerischen Prozesses werden müsste.

Der Tisch von Grete Götze
Die Theaterkritikerin fragte nach den Vor- und Nachteilen individuell-emotionaler Äußerungen und Bekenntnisse von Rezensenten in deren Texten. Teilnehmer aus der Schweiz und den Niederlanden äußerten den Wunsch, Kritiker sollten ihre individuellen Gefühle stärker einbringen, ihre eigene Persönlichkeit im Text deutlicher durchscheinen lassen. Die Gegenargumente zielten in die Richtung, dass in solchen Fällen, eine Art Komplizenschaft entstehe, in der der Leser nur feststellen könne: Entweder spricht mir der Kritiker aus dem Herz, oder ich fühle mich ausgegrenzt, da seine gefühlsbasierte Bewertung nicht mehr transparent und nachvollziehbar ist. Dem wiederum folgte der Widerspruch, dass gerade eine eher abgeklärte, rein kunstrichterlich argumentierende Rezension die Leser ausgrenze, weil diese im Fall einer abweichenden Meinung als dumm und unqualifiziert dastünden. – Generell gab es den Hinweis, dass überregionale Theaterkritiken in anderen Ländern, wie zum Beispiel den Niederlanden, wesentlich deskriptiver und direkter geschrieben seien als die eher sprachverliebten Rezensionen in Deutschland.

Der Tisch von Jonas Zipf
Das Thema Stadttheater versus Freie Szene schien sehr wenige Teilnehmer zu interessieren. Es wurde die Durchlässigkeit beider Systeme diskutiert auf Basis eigener Erfahrungen. So engagierten die Stadttheater zwar zunehmend auch Gruppen aus der Freien Szene; doch wie sähe diese Zusammenarbeit tatsächlich aus? Entweder das Stadttheater wolle jeden Verweis auf den Off-Kontext in der Außendarstellung tilgen und die Künstler gewissermaßen eingemeinden; oder die freien Gruppen erhielten doch nur wieder separiert die Außenspielstätte zur Verfügung, und es erfolge kein Austausch etwa mit dem eigenen Stadttheaterensemble. Es gebe aber, zum Beispiel in Jena, auch Modelle, in denen aktiv darauf geachtet werde, dass bei Kooperationen sogar das technische Personal aller beteiligten Partner (Stadttheater, Off-Gruppe etc.) gemischt werde, um eine stärkere gegenseitige Identifikation zu erzielen. In manchen Städten – wie München – habe die Freie Szene allerdings über die Jahrzehnte ein in sich geschlossenes System geschaffen, in dem sie zwar mittlerweile die Besetzung der Jury, die die Vergabe der Fördergelder vorschlägt, aus den eigenen Reihen bestimme, aber dadurch gewissermaßen inzestuös nur nach dem Solidaritätsprinzip agiere, statt nach Qualitätskriterien der eingereichten Projekte (so die These).

Mein Fazit des diesjährigen Künstler-Gipfels: „Lasst euch von euren Darlings heimsuchen und lächerlich machen! Zerrt eure Darlings 1000 Meilen durch die Wüste, aber tötet sie nicht!“, sagte Signa Köstler zum Schluss ihres Vortrags. Ein Motto mit Relevanz, denn es zeigt deutlich, dass es sich auch zu Zeiten in denen nur die Auslastung, die Zufriedenheit der Abonnenten, das Bestehen der Subventionen zu zählen scheint, lohnt zu kämpfen. Dieser Ansicht waren anscheinend auch die Teilnehmer des Kulturgipfels, wieso hätten sie sonst einen Nachmittag damit verbringen sollen über ihre Vorstellung von Theater zu diskutieren? Der größte Darling wird eben immer das Theater bleiben, und das will man auf keinen Fall killen, soviel ist sicher.