Mit zehn Jahren Verspätung

Der 3sat-Preis hat eine turbulente Vergangenheit. Wir rekapitulieren kurz um die heutige Preisverleihung auch richtig einordnen zu können:

2009 kämpfte Claus Peymann beim „Preiskampf“ live im Fernsehen um die Durchsetzung und prügelte schließlich gemeinsam mit Bernd Sucher die „Weibsteufel“ durch. Bildlich gesprochen. Die Damen in der Jury wurden jedenfalls niedergewalzt – da helfen noch so viele Gender-Stücke und Frauen als Macbeth und Parzival im Gegenwartstheater auch nichts. Nun ja. Dieses Jahr kämpfte Peymann dann ja bekanntlich gleich gegen das ganze Theatertreffen.

Letztes Jahr wurde die öffentliche Verleihung des 3sat-Preises im Rahmen der Veranstaltung „Kultur als Entwicklungsmotor“ durchgeführt, die große Party abgesagt. Ein rauschendes Fest zur posthumen Verleihung an Christoph Schlingensief war nicht angemessen, sagen die einen, andere behaupten, das Geld sei ausgegangen. Viel Spekulation, viele Gerüchte. So ganz genaues weiß man nicht.

Was macht man also nach solch aufregenden Jahren? Genau: Was ganz konventionelles.

21:54 Uhr: Der rote Teppich ist auf der Bühne ausgerollt. Blumen sind aufgestellt. Die Gäste trinken ihre Weingläser vor der Tür auf Ex aus. Bernd Moss moderiert die Veranstaltung locker-flockig und kündigt an, es werde einen Preisträger, eine Preisträgerin, Preisträger oder Preisträgerinnen geben: Bei 3sat scheint es jedenfalls seit Peymann ein Bewusstsein für Geschlechter zu geben. Er fügt ein paar Informationen zum Preis an: Seit 1997 wird er verliehen, Schauspiel, Bühnenbild oder Regie werden für „innovative, zukunftsweisende Arbeiten“ prämiert.

Nach Grußworten von Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, und Daniel Fiedler, dem Koordinator von 3sat, zieht ein Videoclip die Stimmung noch einmal richtig nach unten: Es wird Abschied genommen von in diesem Jahr verstorbenen Künstlern (z.B. Peter Alexander, Vicco von Bülow, Vaclav Havel, Günther Kaufmann, Thomas Langhoff, Christa Wolf). Das Gedenken diesen Künstlern in allen Ehren – aber als Programmpunkt bei einer Preisverleihung? Fügt sich nicht recht ein in die Dramaturgie des Abends. Das denkt auch Moderator Moss: „Danach gibt es keine gute Überleitung, deswegen gleich zur Preisverleihung“.

Stellvertretend für die Jury verkündet Vasco Boehnisch, dass viele Leistungen bei diesem Theatertreffen richtungweisend und innovativ waren, doch einstimmig und mit großer Begeisterung habe man beschlossen – und jetzt ist es endlich so weit – Nicolas Stemann den 3sat-Preis zu verleihen, für seine Arbeit an Faust I+II.

Die Verleihung des 3sat-Preises an Nicolas Stemann. (v.l.n.r.) Nicolas Stemann, Daniel Fiedler, Vasco Boenisch, Yvonne Büdenhölzer, Wolfgang Horn. Foto: Piero Chiussi.

Vasco Boenisch stellt in seiner Laudatio die berechtigte Frage, ob die Jury mit der Verleihung des Preises an Nicolas Stemann nicht zehn Jahre zu spät sei? 2002, 2004, 2007 und 2009 hätte er den Preis schon bekommen sollen. Nicolas Stemann sei sozusagen „ein moderner Klassiker“. Moderner Klassiker und Innovationspreis? Die Jury ist sich der Paradoxie ihrer Entscheidung glücklicherweise durchaus bewusst, umso mehr, da Stemann angekündigt hat, er werde jetzt erstmal kein Theater mehr machen. Also dieses Jahr weniger ein Innovations- als ein Lebenswerk-Preis? Wie bei einer Literaturnobelpreis-Entscheidung: „Jetzt muss Stemann den Preis aber endlich mal kriegen und jetzt hat er auch noch Faust I+II gemacht – endlich!“

Dann darf endlich Nicolas Stemann auf die Bühne und kann den Leuten danken, „die dafür gearbeitet haben, dass ich den Preis bekommen habe!“. Die spielen zum Zeitpunkt der Preisverleihung Faust II im Thalia Theater in Hamburg. Nicolas Stemann erwähnt noch einmal, er wolle jetzt erst mal kein Theater mehr machen, für Musik- und Filmprojekte könne er das Geld natürlich gut gebrauchen. Optimal, dass er gerade einen Theaterpreis für eine richtungweisende Arbeit bekommen hat – in Richtung Theater scheint Stemanns Weg jedoch nicht zu gehen. Wie als Entschuldigung fügt Stemann an, er werde später bestimmt mal wieder aufs Theater zurückkommen.

Der Preis sei Nicolas Stemann für „Faust I+II“ von Herzen gegönnt, aber den „Innovationspreis für eine zukunftsweisende Arbeit“ hätte Nicolas Stemann eben vor zehn Jahren bekommen sollen. Und das Team von „John Gabriel Borkman“ dieses Jahr. Aber langsam mahlen die Mühlen des Theaterbetriebs…