Kollektiv-Kritik zu „Medea“

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Medea“ von Euripides (431 v. Chr.)
Handlung: Medea ist sehr, sehr wütend, weil ihr Mann Jason sie wegen einer anderen verlassen hat.
1. Satz: Ach, wär doch nie / das Schiff, die Argo, / durch dunkle Felsen, / die da aufeinander prallen, / ins Land der Kolcher / vorgedrungen.
Regisseur: Michael Thalheimer, siebte Einladung zum TT
Bühne: Schauspiel Frankfurt
Spielstätte beim TT 2013: Große Bühne im Haus der Berliner Festspiele

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Constanze Becker als Medea und Marc Oliver Schulze als Jason in Michael Thalheimers „Medea“. Foto: Birgit Hupfeld

Bühne, Bewegung, ein fetter Moment

So sieht Konsequenz aus. Die Ingredenzien der Tragödie sind überschaubar: Menschen, Stein, Schatten, Licht. Die Götter fehlen. Die Bühne: ein übergroßer Sarg. Die Sprache, ein unheilvolles Tschirpen und Krächzen, echot hierin hin und her, prallt von den harten und kalten Körpern ab, verwischt die aufeinandergeworfenen Schichten von Hell und Dunkel, verschwindet nie ganz.

Die Schauspieler bewegen und berühren sich fast nicht. Nur in vereinzelten Ausbrüchen reißen sie lautlos die Münder auf, heben mühsam Arme und Schultern, spielen mit den Händen, die sich winden, einkrallen und wieder auftun. Sie wirken wie sterbende Raubvögel, mit gebrochenen Flügeln und zerrupftem Gefieder in einer öden, grauen Landschaft, gefangen in Lichtkegeln, die ständig zu erlöschen drohen. In diesem Raum stößt sich alles ab, verlangt regelrecht die gegenseitige Vernichtung.

Für einen Moment, einen zugegeben fetten Moment (es ist ja nicht so, dass die Inszenierung feige wäre), berühren sich Jason und Medea dann doch: Die düstere Bühnenrückwand, Sarg, Stadtmauer, Stufe, Fels, Maschine hat sich im vollen Schein des Lichts nach vorne geschoben und die beiden zueinander getrieben. Der kurze Augenblick, in dem sich der Bühnenraum aufhellt und die Individuen aus ihrer Isolation gelöst scheinen, ist gleichzeitig die Besiegelung der von Medea kalkulierten Katastrophe: Es ist klar, sie wird Rache üben. Und sie tut dies beherrscht und selbstsicher, mit fester Stimme und aufrechtem Gang. (Clemens Melzer)

Jason, Medea, was für Typen

Opportunist, der: Einer im blauen Anzug in Schildkrötenhaltung. Das Kinn vorgeschoben muss er an manchen Stellen die Krawatte lockern. Wenn Jason spricht, schwingt die Affirmation des Gebrauchtwarenhändlers mit. Wie, Du hast es noch immer nicht verstanden? Siehst Du nicht, Frau, dass es gut ist. Mein Werk! Sorge ich doch für die Meinen. Nicht, weil die Leidenschaft verloschen, die Lust versiegt ist, nimmt Medeas Mann sich die Königstochter. Ein Ehebett ist doch auch nur eine andere Form von Konferenztisch, wo wir Geschäfte machen, wir (Kreon und ich). Wie, Du willst nicht freiwillig gehen? Was willst Du noch? Bin ich nicht Gönner und Gemahl? Nimm, was Du brauchst, soll Dir an nichts mangeln („Das ist der Menschen widerlichstes Laster: Schamlosigkeit.“). Den aufrechten Gang hab ich nie gelernt, meinen trägen Körper zieht es wie meine Worte zum Boden hin. Wie, hast Du es eingesehen? Voll des Lobs bin ich für die besonnene Frau (So sind sie, die Frauen)! Kinn vorgeschoben, muss wieder mal das Jackett auslüften.

Fighterin, die: Eine im weißen Kleid zu schweren Stiefeln. Medea, die Lakonische, die Tüftlerin, Medea, deren Klage den Raum flutet. Gibt alles auf für das, wonach alle suchen (großes Wort, wird ausgespart). Fremde im fremden Land, Rückkehr ausgeschlossen („Das tat ich nur für Dich!“). Liebe ich zu sehr oder zu wenig? Träne im offenen Auge und stummer Schrei. Ich weiß, was mir das Herz zerreißen wird, und tue es trotzdem, weil ich an etwas glaube, woran alle gern glauben wollen (ich nenne es Freiheit). Tritt auf die Mauer im schwarzen Kleid. Klaubt den Trenchcoat vom Boden auf. „Ich fange mit dem Anfang an.“ (Eva Biringer)

Streamlined, gray, conservative

Revolving around one massive set piece and images of static figures and their silhouettes, Michael Thalheimer’s interpretation of Euripides Medea has a definitively streamlined aesthetic. I like to think of this kind of minimalistic staging as an kind of fasting: my eyes are being starved of visual stimulation so I can focus more on my other senses. Eventually my attention landed on the actors’ voices: Constanze Becker’s first utterances aren’t even lines, but incredibly detailed cries that seem to expose the physical grain of her psyche. A deadly socio-psychological landscape eventually emerged, but the visual fasting proved too static for me to fully engage in the relationships.

Thankfully fasting is nothing without a feast and the massive gray two-tiered set eventually broke the static by rolling forward, oblivious to the powerless humans below. This pressurized gray cliff places Medea’s careful machinations almost over the audience, as she manipulates the others one by one. The slow unspooling of the plot toward the moment that everyone knows is coming ended with a second visual break – the murder of the children told through bathroom signs that morph into a fast-forward version of the myth of domestic bliss. It made for another break in the fast, but also broke off the tension leading into Medea’s final confrontation with Jason.

Overall: a conservative production that does what it says on the tin: it presents a classic of the Western canon in a contemporary aesthetic, but lacks succesful innovation and dramatic tension. (Summer Banks)