„Bilder helfen mir zu fremden Leidenschaften.“ Ein Interview mit Anja Hilling

Anja Hilling gehört zu einer Generation junger Autoren, deren Stücke schon an so renommierten Häusern wie dem Schauspielhaus Wien und dem Burgtheater inszeniert wurden. Von 2002 bis 2006 studierte die 1975 geborene Hilling Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. 2003 war sie mit „Sterne“ zum Stückemarkt eingeladen und wurde mit dem Preis der Dresdner Bank für junge Dramatik ausgezeichnet. Es folgten Einladungen zu Werkstatttagen in London und Wien und die Teilnahme an Autorenfestivals wie den Mülheimer Theatertagen und den Autorentheatertagen des Thalia Theaters Hamburg.

In diesem Jahr antwortet sie auf die Frage „Verfall und Untergang der westlichen Zivilisation?“ mit einem Text über Dominique Strauss-Kahn, angelehnt an Eugène Delacroix‘ berühmtes Gemälde „Tod des Sardanapals“. Diese Frage wurde ausgewählten Stückemarkt-Autoren der vergangenen 35 Jahre für ein Auftragswerk gestellt. Von einer „Atmosphäre wie in der Grabkammer eines Pharaos“ ist im Programmheft die Rede. Ihr Stück hat heute Premiere.

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Eugène Delacroix „La Mort de Sardanapale“ (1827). Das Gemälde hängt im Louvre und da hat Anja Hilling es wohl auch zuerst gesehen.

Leider kann ich mit Anja Hilling nicht persönlich über ihre Arbeit sprechen, da sie heute nicht beim Stückemarkt sein wird, sondern „ganz woanders“.

Eva Biringer: In „Sardanapal“, Ihrem Beitrag zum Jubiläum des Stückemarkts, steht Dominique Strauss-Kahn exemplarisch für den Typus des selbstsüchtigen Players. Sind solche Männer schuld an der gegenwärtigen Krise? Gibt es keine weiblichen Sardanapals?
Anja Hilling: Mich hat hier das absolut Männliche gekickt, innerhalb eines Systems von Macht und Unterwerfung. Uralte Gesten, lächerlicher Widerstand, innen wie außen. Vielleicht gibt es weibliche S., das wär aber ein anderer Text geworden.

EB: Warum haben Sie Delacroix‘ Bild als Ausgangspunkt für Ihren Text gewählt? Wo sind Sie diesem zum ersten Mal begegnet? Haben Sie schon früher mit visuellem Material gearbeitet?
AH: Irgendwann mal in Paris. Ein Wahnsinn. Bilder helfen mir zu fremden Leidenschaften. Ich bin nicht daran interessiert, sie zu verstehen, eher an dem Rausch, der sich zu einem Ausdruck formt.

EB: Im Stück heißt es: „Ich kenne keine Gier/ Bin nur ohne Widerstand.“ Welche Rolle spielt Schuld? Welche Rolle Imagination? Ist „Sardanapal“ Dystopie oder nur die Masturbationsfantasie eines lüsternen Mannes?
AH: Schuld ist (hier) die große Leere, die bleibt, das Unbezahlbare, der Mangel an innerer Auflehnung, gegen sich selbst, das Fleisch, das einen umschließt und die Welt, in die man sich fügt. Das ist weder fantastisch noch lüstern gemeint, es ist nur die totale Müdigkeit, die alles verbrennt. Die Zerstörung wird nicht erschütternd sein.

EB: Wie viel Einfluss haben Sie als Autorin auf die konkrete Umsetzung, also die Inszenierung Ihrer Werke? Was wäre für Sie eine ideale Arbeitssituation von Autorin mit Regisseur/in?
AH: Ich bin die Falsche für diese Frage, weil ich im freien Raum schreibe. Was danach passiert, erschreckt mich vielleicht oder begeistert mich, aber ich übe keinen Einfluss darauf aus.

EB: Haben Sie Stephan Kimmigs Inszenierung von „Sardanapal““ schon gesehen? Wenn ja, wie gefällt sie Ihnen? Wie gut funktioniert die Pan-Am Lounge als Spielstätte?
AH: Ich hab das alles noch nicht gesehen.