Machtkämpfe ohne Grenzen: „Krieg und Frieden“

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi, 1868.
Handlung: Männer ziehen in die Schlacht, Frauen kriegen Kinder.
Erster Satz: Ende 1811 begann eine verstärkte Aufrüstung und Konzentration der Streitkräfte Westeuropas, und 1812 setzten sich diese Streitkräfte – Millionen Menschen, einschließlich derer, die die Armee transportierten und verpflegten – von West nach Ost in Bewegung, an die Grenzen Russlands, an denen ebenfalls seit 1811 die Streitkräfte Russlands zusammengezogen wurden.
Regisseur: Sebastian Hartmann, erste Einladung zum TT.
Bühne: Centraltheater Leipzig.
Beim TT 2013: Großer Saal in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Krieg und Frieden (c) Mai Vendelbo

Chor der Frauen mit einem Mann. Szene aus Sebastian Hartmanns Inszenierung „Krieg und Frieden“. Foto: Mai Vendelbo

Die Bühne, zwei ernorme dunkle Platten, reißt ihr Maul auf. Die Schauspieler kämpfen mit ihr, sie werden von ihr verschluckt und ausgespien, versuchen sie hochzustemmen, zu überwinden, werden von ihr getrennt und exponiert. Diese langsame, gutmütige Bestie, Himmel und Erde, Projektionsfläche oben, Rutschrampe unten, hebt und senkt sich in alle Richtungen, vollzieht die vorwärts stampfende, steigerungswütige Dramaturgie, erzeugt immer neue Zwischenräume. Aber: Die Schauspieler klettern da auch einfach runter. Sie kommen auch einfach ins Publikum. Diese maßlose Inszenierung will, wie es bei Hartmann nicht überrascht, so schnell vor keiner Grenze Halt machen, mit der wiederkehrenden Losung „Los, auf’s Eis!“, mal Angstschrei, mal Verheißung, treibt sie die große Fragen vor sich her, bevor sie nach fünf Stunden einbricht, um Interaktion zu suggerieren und einen Animationsfilm zu zeigen.

Tolstois vierteiliger Schinken „Krieg und Frieden“ schildert Liebesgeschichten, Intrigen und Widerstreit unterschiedlicher Lebens- und Gesellschaftsentwürfe im adligen Milieu Russlands, das sich im Krieg mit Napoleon befindet. Vom Plot, der auch in Tolstois Roman separat neben philosophischen und historischen Exkursen steht, bleibt bei Hartmanns Inszenierung nicht viel übrig: jeder und jede spielt mehrere verschiedene Rollen, teilweise gleichzeitig, Verlobungen finden dreifach statt, es wird immer mehrfach gestorben und die Verliebten knutschen und plappern gleichzeitig in Pollesch-Manier. Die Chöre, teils streng in Reihe, teils zu einer Eiche mit wild wuchernden Armen zusammengeworfen, bleiben trotz Slapstick bedrohlich in ihrer Unberechenbarkeit, als würde jedes Wort einmal zu oft gesagt, als würden Risse durchs Eis gehen.

Der Plot wird im ersten und zweiten Teil allerdings nicht verworfen, sondern chronologisch durchwühlt auf der Suche nach „Liebe“, „Geburt“, „Tod“ und „Getreide“. Zunächst dreht sich alles um die Schlacht von Austerlitz: Die Männer wollen kämpfen, General Kutusow verkündet, welche Kriegsstrategie die richtige sei, die zurückgelassenen Frauen schluchzen und kriegen Kinder. Die Schlacht selbst, hier eine grelle Videoprojektion feuernder Soldaten, brennender Häuser und weinender Kinder, von Musikern um Sascha Ring/„Apparat“ aufgemotzt durch elektronisch-bassigen Pathos mit poppigem Singsang, lässt alle Hoffnungen scheitern und führt nach der Pause in einen von philosophischen Exkursen und Brüchen zerfressenen zweiten Teil. Erst in Teil drei wird unter Wolfsgeheul, Ballerina-Hüpfern und Narren-Klamauk endgültig mit dem Roman gebrochen und die Meta-Ebene bemüht.

Dann beginnt aber das Dozieren. „Freiheit oder Notwendigkeit?“, räsoniert ein von der Rampe herabgestiegener Schauspieler, mit gymnasialem Eifer: „Glauben Sie, es ist Zufall, dass Sie hier sitzen?“ Ein Versuch von Interaktion mit dem Publikum, der abgeschmackter nicht sein könnte. Der nur einmal mehr zeigt, dass die vermeintlich „großen Fragen“ fragwürdig geworden sind. Ein Bruch, der dennoch nicht einen bemerkenswerten Theaterabend kaputt bekommt. „Buh!“- und „Bravo!“-Schreie bekämpfen sich erbittert im Großen Saal der Volksbühne und draußen wird leidenschaftlich diskutiert. Allerdings nicht über Freiheit oder Notwendigkeit.

Hier können Sie sich noch mehr Fotos der Inszenierung anschauen, die Mai Vendelbo bei ihrer ersten Fotoprobe gemacht hat. Ein Interview mit der Schauspielerin Heike Makatsch, die in Sebastian Hartmanns Inszenierung mitspielt, lesen Sie hier.

  1. Erhabene Langeweile geht, wenn auch nicht über fünf Stunden. Seine Vorlage auf Ideensplitter eindampfen geht auch, wenn auch nicht klar ist, was an „Krieg und Frieden“ so elementar sein soll. Dass der Abend kaum zum Verständnis der Vorlage beiträgt – geschenkt. All das lässt die großartige Bühne, die überwiegend spielfreudigen Schauspieler und vor allem (jawoll, einmal muss es noch sein) die überwältigende Musik. Den Vorwurf von Ästhetizismus sehe ich als unbegründet an. Aber dann! Geht im dritten Teil die Selbstreferenzialität mit Hartmann durch, schaue ich fassungslos zu, wie eine behutsam geformte Stimmung in einer Abfolge von Peinlichkeiten verpufft. Fremd schämen im Theater, auch das muss es geben. Dass ich deswegen aber die letzte Bahn nach Hause verpasse, das geht gar nicht.