„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. 28 Zeilen schlechte Laune

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, Bertolt Brecht, 1931.
Handlung: Johanna kämpft für die Opfer der Wirtschaftskrise und geht an der Schlechtigkeit der Welt zugrunde.
Erster Satz: Wir sind siebzigtausend Arbeiter in den Lennoxschen Fleischfabriken und wir können keinen Tag mehr mit so kleinen Löhnen weiterleben.
Regisseur: Sebastian Baumgarten, erste Einladung zum Theatertreffen
Eingeladene Bühne: Schauspielhaus Zürich
Spielstätte beim TT 2013: Großer Saal im Haus der Berliner Festspiele

Abspann, Rockmusik und Applaus: Das Ensemble des Schauspiel Zürich ( „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe") verbeugt sich zum Lied "Haifisch" der Band Rammstein. Foto: Piero Chiussi

Abspann, Rockmusik und Applaus: Das Ensemble des Schauspiel Zürich ( „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“) verbeugt sich zum Lied „Haifisch“ der Band Rammstein. Foto: Piero Chiussi

Diese „Johanna“ vom Schauspiel Zürich ist ein rotes Tuch. Schlagzeilen in Boulevardästhetik, Knallchargen in signalfarbenen Ganzkörperanzügen, und im Hintergrund funkelt anspielungsreich das McDonald’s Logo. Hinter jedem Satz stehen drei Ausrufezeichen, geschrien von lauter hochgepitchten Springteufeln oder schwarzen Strohhüten, zu erkennen an ihren sehr! sehr! breitkrempigen schwarzen Strohhüten. Das fortwährende Pianogeplänkel ist der guten Laune nicht förderlich. Wird mir übel? Das, würde Brecht sagen, ist die Welt, wie sie ist!

Im Grunde ist Regisseur Sebastian Baumgarten nur konsequent, wenn er die von Elendspathos durchzogene Vorlage von Bertolt Brecht ins Vielfache potenziert. Man kann es Ausrufezeichen auf den Block kritzelnd hinnehmen oder nach der Pause gehen.

Wäre da nicht: Frau Luckerniddle (Isabelle Menke), geblackfaced und mit Afro versehen, deren enormer Hintern (soll wohl ein „Booty“ sein) mit ihrer stets kniegebeugten Haltung und der Art, wie ein Neandertaler zu gehen, korrespondiert. Sie spricht mit französischem Akzent, trägt also entweder an ihrer kolonialen Vergangenheit – oder aber, es handelt sich um einen total ironischen Seitenhieb auf die Blackfacing-Debatte! (Später bringen wir dazu vier Statements, u.a. von Baumgarten und der Dramaturgin Andrea Schwieter)

Wäre da nicht: Slift (Carolin Conrad), auf Highheels wankend, sich migränebedingt die Schläfen reibend, meist mit Reizwäsche und einer Kochschürze bekleidet. Eine Maklerin hätte ich mir anders vorgestellt!

Wäre da nicht: Yvon Jansen als Johanna Dark, die personifizierte randlose Brille, die jede Silbe so überagiert, als schmettere sie einen Felsbrocken in ein Glashaus.

Wäre da nicht: Brechts Vorlage, in den Fakten korrekt, emphatisch zu Papier gebracht, das doch auf ewig ein Schablonentheaterstück bleibt, in seiner ethischen Eindimensionalität unübertroffen. Aus jeder Figur springt einen der Furor des Autors an, die Schlechtigkeit der Welt betreffend. Jede Szene ist vom Sound einer Feder, die am liebsten immer nur moralmoralmoral ins Papier hineinkratzen will, unterlegt.

Heute werden den Fleischwaren keine Ehemänner, sondern Pferde beigemischt. Es besteht also immer noch Weltverbesserungsbedarf. Aber bitte! Nicht! So!

  1. – Offener Brief –

    An

    Frau Intendantin Barbara Frey und Herrn Intendanten Thomas Oberender
    Frau Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens
    Herrn Vasco Boenisch, Juror
    Frau Anke Dürr, Jurorin
    Frau Ulrike Kahle-Steinweh, Jurorin
    Herrn Christoph Leibold, Juror
    Frau Daniele Muscionico, Jurorin
    Frau Christine Wahl, Jurorin
    Herrn Franz Wille, Jurorin
    Herrn Sebastian Baumgarten, Regisseur
    Frau Andrea Schwieter, Chefdramaturgin und stellv. Intendantin

    „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Berthold Brecht in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten

    Berlin, 16. Mai 2013

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    wir schreiben Ihnen, um die Inszenierung des Stückes „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ im Hinblick auf die (Re)produktion und Unterstützung von rassistischen Bildern zu kritisieren.

    Die Absicht, Brechts Text neu zu lesen und mit den Mitteln des Theaters auf die historischen, politischen und sozialen Veränderungen der Welt zu reagieren, wird durch die Verwendung diffamierender, diskriminierender und stereotypisierender Zeichen konterkariert. An der Behauptung, Kapitalismus hätte früher keine globalen Ausmasse gehabt, wird unter anderem deutlich, dass sich Herr Baumgarten der historischen Bedeutung des Kolonialismus und dessen gegenwärtigen Auswirkungen nicht bewusst ist.

    Sie als Verantwortliche für diese politische und letztlich auch künstlerische Fehlleistung hatten mehrere Möglichkeiten, Ihre konzeptionellen, inszenatorischen und kulturpolitischen Entscheidungen zu überdenken und zu revidieren. Diese Möglichkeiten haben Sie nicht wahrgenommen und Kritik als haltlos zurückgewiesen. In Bezug auf den Rassismus der Inszenierung haben sich bereits mehrere kritische Stimmen gemeldet, z.B. Henrike Terheyden, Summer Banks und Eva Biringer auf http://www.theatertreffen-blog.de oder Holger Syme auf http://www.dispositio.net. Wir würden eine Diskussion und Annahme dieser Kritik sehr begrüßen.

    Die in der Inszenierung verwendeten Zeichen enthalten enormes Gewaltpotenzial. Es werden rassistische Stereotype und Stilmittel verwendet, ohne dass diese im Rahmen des Stücks kritisiert, besprochen oder kontextualisiert würden. Die Darstellung einer „Afrikaner_in“ durch das in den letzten Monaten ausführlich diskutierte und von Schwarzen Menschen immer wieder kritisierte Stilmittel Blackface ist nicht das einzige rassitsitsche Stilmittel der Inszenierung. Auch andere Kolonialfantasien werden wieder zum Leben erweckt, etwa wenn das Kostüm der Frau Luckerniddle durch ein künstliches, besonders großes Hinterteil ergänzt wird. Diese Zeichen sind weltweit Synonyme für jahrhundertelange Unterdrückung von Schwarzen Menschen und Menschen of Color durch Weiße. Sie stehen für Versklavung, Deportation, Mord, Völkermord, Ausbeutung, Landnahme, soziale Ausgrenzung und die Betonung der Weißen Vorherrschaft. Zu behaupten, diese Zeichen wären rein ästhetische und darüber hinaus neutral, bedeutet die Leugnung dieser (gemeinsamen) Geschichte.

    Die stereotypen Darstellungen beschränken sich allerdings nicht nur auf die rassistisch konnotierten Aspekte der Figur der Frau Luckerniddle. Auch die Darstellung des Hauswirts Mulberry fällt in diese Kategorie, ebenso der vorgeblich „jüdische Akzent“ des Graham. Eine kapitalismuskritische Intention der Inszenierung rechtfertigt nicht die Verwendung solch drastischer Stereotypen, die auf Machtverhältnissen beruhen, die längst noch nicht überwunden sind. Vielmehr steht die Wiederholung verletzender Klischees dieser Absicht entgegen. Einer selbstkritischen oder ironischen Verwendung solch aufgeladener Mittel fehlt bisher die Grundlage einer breiten kritischen Debatte. Einer solchen Debatte wird auch nicht zugearbeitet, wenn diese Klischees einfach nur wiederholt und nicht dekonstruiert oder kontextualisiert werden.

    Auf die Worte „Die Kunst ist frei“ darf kein „Aber“ folgen. Die Verantwortung, die Kulturschaffende tragen, lässt sich jedoch genauso wenig negieren. Theater findet nicht im luftleeren Raum statt – deshalb bleibt es notwendig, verantwortlich mit dessen Inhalten und Mitteln umzugehen und sich über mögliche gesellschaftliche Auswirkungen im Klaren zu sein. Die ungebrochene und unreflektierte Verwendung rassistischer Bilder wie in diesem Fall fördert innerhalb und außerhalb des Theaters nur eines – Rassismus.

    Grada Kilomba sagt über die kontinuierliche Verwendung rassistischer Zeichen und Sprache: „Es ist ein gutes Beispiel wie Rassismus durch eine Machtdefinition bewilligt wird, das heißt die, die Rassismus praktizieren, haben nicht nur den Glauben an das Richtige ihrer Sache, sondern auch das Privileg und die Macht zu definieren, ob bestimmte Begriffe und Zeichen rassistisch oder diffamierend gegenüber denen sind, die diskriminiert werden. Eine absurde Situation, da die Perspektiven, die Definitionen und das Wissen von denen, die Rassismus erleben, absolut irrelevant werden.“ (HINTERLAND MAGAZINE, Ausgabe #15)

    Es scheint uns, als habe Herr Baumgarten bei dieser Inszenierung weder Schwarze Menschen, noch Menschen of Color als potentielles Publikum mitgedacht.

    Herrn Oberender und Frau Büdenhölzer fordern wir auf, vor Ablauf des Theatertreffens eine Möglichkeit zur öffentlichen Diskussion der Vorgänge zu schaffen. Sie als Vertreter des von öffentlicher Hand geförderten Kunstbetriebs haben die Macht und die Mittel dazu. Nutzen Sie sie!

    Mit besten Grüßen,

    BÜHNENWATCH

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