Alain Platels Antwort auf die Intervention

Aus aktuellem Anlass:
Alain Platel zur Intervention und den Plagiatsvorwürfen:

Last sunday before and after the performance of ‚tauberbach‘ in Teatertreffen the audience was given a paper on which one could read an interview with Ricardo de Paula, director of Grupo Oito, written by Dr. Azadeh Sharifi. In this interview Ricardo de Paula says:

„I know Alain Platel and his company. The quality of their work is really strong. And indeed we talked about „Sight“ before we – as Grupo Oito – produced it in 2012. We even talked about a collaboration. I shared my ideas on Estamira. (…)“

I have never met Ricardo de Paula and thus never talked about an eventual collaboration and he therefore never shared his ideas on Estamira with me. The documentary of Marcos Prado was given to me in 2007 by Juliana Neves, a Brazilian dancer I work with since 2002.

It was last sunday after the performance of „tauberbach“, that I for the first time heard about Grupo Oito, Ricardo de Paula and „Sight“. If I had known about „Sight“ we probably would not have made (this) „tauberbach“.  Asked for more information, Ricardo de Paula confirmed afterwards by mail that indeed we never met before and was „wrongly quoted“ by Dr. Azadeh Sharifi.

The dancers of ‚tauberbach‘ and I regret we didn’t have a chance to have a proper debate about the subjects Grupo Oito and Ballhaus Naunynstrasse wanted to discuss: the claiming of (artistic) references, politics in performances, the fetishism of the black female body, post colonial contexts, hierarchy in the art market … The atmosphere during the the public talk was too tense and violent to have made it possible. It would be interesting and of course we are willing to share our ideas about these subjects, which sometimes are very different from those exposed by the members of Grupo OIto/Ballhaus Naunynstrasse.

Alain Platel

 

Dieser Kommentar reagiert auf Hannah Wiemers Text, der am 12.05.2014 auf dem TT-Blog veröffentlicht wurde (s.u.). Alain Platel zitiert in seinem Statement das Interview mit Ricardo de Paula in der Form, wie es auf den Handzettel vor dem Haus der Berliner Festspiele verteilt wurde. Inzwischen wurde es aber auf der Webseite des Bündnisses kritischer Kulturpraktiker_innen, auf  die auch Hannah Wiemer verwiesen hat, geändert und die entsprechende Passage herausgenommen.

Nachtrag 16.5.2014: Inzwischen hat sich das Bündnis kritischer Kulturpraktiker_innen in einer Stellungnahme zu Platels Vorwurf geäußert.

Zur Gegenüberstellung hier nun noch einmal der Beitrag von Hannah Wiemer, vom 12.05.2014:

„Sight“ und „Tauberbach“ – eine Geschichte von künstlerischer Urheberschaft und kolonialen Fortschreibungen

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Nach der heutigen Vorstellung von „Tauberbach“ erwartete das Publikum auf dem Vorplatz des Hauses der Berliner Festspiele eine Gruppe von Menschen, die Schilder hochhielten. Die Aufschrift: „Find 7 differences“. Die Gruppe wies damit auf die große Ähnlichkeit hin, die „Tauberbach“ mit der Tanzperformance „Sight“ des Tanzkollektivs Grupo Oito, unter Regie von Ricardo de Paula, aufweist, das im November 2012, also lange vor „Tauberbach“, im Ballhaus Naunynstraße uraufgeführt wurde. Ich sah „Sight“ 2012 und gestern „Tauberbach“ – die Parallelen sind nicht zu übersehen: Das Bühnenbild aus Kleidungsstücken, die Geschichte von Estamira aus dem Dokumentarfilm von Marcos Prado, einer Frau, die in einer Müllstadt bei Rio de Janeiro lebte. Der Trailer gibt einen Eindruck von der Performance. Darüber könnte man sich ärgern. Man könnte die schwierige Frage von (künstlerischer) Urheberschaft thematisieren, die mal komplex und mal ziemlich einfach ist. Man könnte sich mit Alain Platel streiten, der im Publikumsgespräch behauptet, heute zum ersten Mal von „Sight“ zu hören. Es wäre in diesem Rahmen auch interessant noch einmal über das Theatertreffen Kriterium „bemerkenswert“ zu sinnieren. Was wird überhaupt bemerkt und was nicht? Und welche Strukturen liegen diesem Bemerken zugrunde?

Kritik an Tauberbach

Aber darum geht es den Protestierenden nicht – das wird sehr schnell deutlich. Sie finden Platels Inszenierung aus anderen, schwerwiegenderen Gründen problematisch. Sie erkennen in Platels Bearbeitung von Estamiras Geschichte die Fortschreibung von Kolonialgeschichte, die von Anfang an eng mit Kunst verwoben war, einer Geschichte, die Schwarze (weibliche) Körper zum Objekt macht, einer Geschichte, die Schwarze Perspektiven marginalisiert, Schwarze Menschen exotisiert, die durch ihre Phantasien vom wilden Anderen, rassistische Hierarchien bis heute fortschreibt und festschreibt. Denn auch die Kunst, die gute, die freie, die mit dem Potential des Subversiven, ist nicht unschuldig und ereignet sich nicht im hierarchiefreien und geschichtslosen Raum. Die Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden, lassen sich nicht losgelöst von gesellschaftlichen Realitäten als rein ästhetisches Erlebnis betrachten. Das klingt ziemlich banal, ist aber – wie einige Reaktionen beim Publikumsgespräch zeigten – bei vielen in Vergessenheit geraten.

Kritik an Tauberbach

Verteilt wurden von den an der Intervention Beteiligten außerdem Zettel mit einem Interview mit Ricardo de Paula über „Sight“, „Tauberbach“ und die Repräsentation von Schwarzen Künstler_innen im westeuropäischen Diskurs. Darin beschreibt de Paula, wie ihn die Geschichte von Estamira nicht losließ, seit er den Dokumentarfilm über sie sah, und wie er, als Schwarzer Choreograph aus Brasilien, sich mit Estamiras marginalisierter Perspektive identifizieren konnte: „Why? Estamira is a woman, she’s Black, she’s Brazilian.“ Obwohl er nicht die Erfahrungen dieser Frau teile, so vereine sie beide doch, dass ihre Perspektiven und ihre Geschichten als Schwarze marginalisiert werden. Deswegen war es ihm bei „Sight“ ein wichtiges Anliegen, Estamira als Mensch ernst zu nehmen, sie nicht auf falsche Art und Weise zu repräsentieren. In „Sight“ kommt Estamira durch Videoprojektionen des Dokumentarfilms selbst zu Wort. In „Tauberbach“ dagegen werde die lange Tradition der Fetischisierung des Schwarzen weiblichen Körpers fortgeschrieben und Estamira als „wild and crazy person“ dargestellt. Die Musik ist als Inszenierungselement dazu so stark, dass Estamiras Geschichte in den Hintergrund tritt, zum bloßen Aufhänger verkommt. Platel hatte auf die Frage nach seiner Haltung zu dieser Art von kolonialer Reproduktion nicht mehr zu sagen als „I am married to a black woman“. Hat Platel sich gar nicht damit auseinander gesetzt, welche Traditionen er fortführt, wenn er als weißer Mann die Geschichte einer Schwarzen Bewohnerin einer brasilianischen Müllstadt auf diese Weise bearbeitet? Wo bleibt da die Selbstreflexion? Der Blick auf die Strukturen, innerhalb derer man lebt und arbeitet?

Das Theatertreffen kann sich eigentlich glücklich schätzen, dass diese wichtige Debatte heute Abend durch die Initiative von Grupo Oito und deren Unterstützer_innen wenigstens ins Foyer gebracht wurde. Es war aber nicht so glücklich und ließ die Protestierenden mit ihren Schildern zunächst nur auf den Vorplatz. Das ist mehr als bedauerlich und erscheint nahezu absurd, bedenkt man, dass es auch im letzten Jahr im Zuge der Blackfacingdebatte eine Intervention von Bühnenwatch gab und eine außerordentliche Diskussionsrunde vom Haus selbst zu dem Thema organisiert wurde. Das Theater braucht genau solche Foyergespräche, wenn das Foyer mehr sein soll als ein Ort der Selbstbeweihräucherung bei Sekt und Armierungseisen.  Aber noch mehr brauchen wir diese Debatte natürlich auf der Bühne. Was helfen uns ästhetische Erlebnisse, wenn sie uns die Perspektiven zeigen, die wir schon kennen und die zum Schweigen bringen, die wir nie zu hören bekommen? Wie sollen wir uns erschüttern lassen, wenn die Müllberge, die wir produzieren, eine lustige Spielwiese für virtuose Körper werden?

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Von Eefke Kleimann

Eefke Kleimann studiert Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Mainz. Dort arbeitet sie am Institut für Film-, Theater-, und empirische Kulturwissenschaft und in der Geschäftsführung des Theaterausschusses. Sie wirkte bei verschiedenen Projekten in der freien Szene Mainz und Oldenburg mit und arbeitete zuletzt für das internationale Kinder- und Jugendtheaterfestival Rhein Main Starke Stücke. Beim Theatertreffen 2013 hospitiert sie im Bereich Blog.