Copy & Paste beim Theatertreffen Teil 2 – Nach weiteren Enthüllungen trennen sich das Theatertreffen und Daniele Muscionico

Der Skandal ist perfekt! Nachdem Wolfgang Behrens von nachtkritik.de bereits am 9.5. aufgedeckt hatte, dass die Theatertreffen-Jurorin Daniele Muscionico große Teile aus dem Programmheft des Münchner Residenztheaters für ihre Jury-Begründung abgeschrieben hat, ist nun – erneut durch nachtkritik.de-Recherchen – herausgekommen, dass Muscionico bereits letztes Jahr Programmheft-Texte für das Plädoyer zu Luk Percevals Produktion „Jeder stirbt für sich allein” zweckentfremdete. (Lesen Sie hier unseren Bericht über den Plagiatsfall vom 10.5.)

In Folge dieser erneuten Enthüllungen hat die Jurorin die Verantwortung für diese Vorfälle übernommen und ihren Rücktritt aus der Theatertreffen-Jury bekanntgegeben. Die Berliner Festspiele haben diese Entscheidung bereits akzeptiert und werden sich zeitnah um eine Nachfolge bemühen. In der offiziellen Stellungnahme der Festspiele heißt es weiter: „Auch die Berliner Festspiele sind ihrer Verantwortung bei der Erstellung des Magazins in diesem Fall leider nur ungenügend nachgekommen: Trotz Hinweisen aus dem Münchner Residenztheater haben wir nicht mit der nötigen Konsequenz reagiert. Wir bedauern dieses Versäumnis zutiefst.”

Dies ist für mich der sehr viel entscheidendere Punkt in der ganzen Angelegenheit. Dass eine Jurorin, ihrer verantwortungsvollen Position zum Trotz, über zwei Festivals hinweg so haarsträubend fahrlässig ihrer Arbeit nachgegangen ist, ist eine Sache. Dieses Verhalten ist kaum begreiflich und sollte nicht verharmlost werden. Viel schwerer jedoch wiegt der Umstand, dass der Theatertreffen-Apparat, durch alle Kontrollinstanzen hinweg, beide Jahre nicht in der Lage war, diese Vorgänge zu bemerken. Selbst als die Dramaturgin Angela Obst auf das Plagiat aufmerksam machte, wurde nicht interveniert.

Diese Verkettung der Ereignisse wirft kein gutes Licht auf das Festival. Wenn dem Theatertreffen also an seiner Glaubwürdigkeit gelegen ist, wäre es angebracht, die Vorfälle, weit über knappe schriftliche Presseerklärungen hinaus, umfassend aufzuklären, womöglich öffentlich zu diskutieren. Und natürlich muss intern dafür gesorgt werden, dass sich so etwas künftig nicht wiederholt. Sicher ein weiterer Anlass, grundsätzlich das Zustandekommen der Nominierungen zu überdenken.

„Diese Unabhängigkeit der Jury ist Grundlage des Theatertreffens.”, heißt es an einer Stelle der Presseerklärung noch. „Die Unabhängigkeit gilt sowohl gegenüber den Berliner Festspielen als auch gegenüber den Theatern.” Als Außenstehender kommt bei solchen Erklärungen das starke Bedürfnis auf, dass das Theatertreffen solche hehren Grundsätze auch praktisch sehr ernst nimmt und sich darum bemüht, die Strukturen der Jury in diesem Sinne für die kommenden Jahre zu modifizieren. Wünschenswert wäre es darüber hinaus, dass die Festival-Jury das Erneuerungspotenzial unter der Leitung von Yvonne Büdenhölzer noch stärker ausschöpft, in seiner Auswahl der Inszenierungen die Bandbreite der Theaterlandschaft, aber auch, wie bereits erwähnt, vor allem progressive künstlerische Ansätze kleinerer Häuser oder freier Gruppen – wie dieses Jahr vor allem beim Stückemarkt zu erleben – mit seinen Nominierungen zu fördern und zu unterstützen. Vielleicht ist der Rücktritt und die neu zu besetzende Juroren-Position eine Chance, diese Neuausrichtung des Theatertreffens voranzutreiben. Man darf gespannt sein.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

2 Kommentare

  1. Ich finde grundsätzlich nicht einmal das „Abschreiben“ an sich das Schlimmste, sondern die Tatsache, dass einer Jurorin anscheinend selbst nichts dazu einfällt, warum eine Produktion nominiert wurde….

  2. I fully agree with the previous comment, and would add that from the outside it just confirms the interpretation of the Theatertreffen institution as something which simply cycles through a series of regulars and chooses productions based on a series of factors which could be gleaned from the program texts and possibly some outside critics: the selection process does not ACTUALLY require experiencing the production in person.

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