Copy & Paste beim Theatertreffen? – zu der Plagiatsaffäre um die TT-Jurorin Daniele Muscionico

Nun ist es also soweit, der reibungslose Ablauf des Festivals gerät ins Wanken: das Theatertreffen hat seinen ersten kleinen handfesten Skandal! Die Jurorin Daniele Muscionico hat, wie Wolfgang Behrens von Nachtkritik.de gestern aufgedeckt hat, in unwesentlichen Variationen große Teile aus dem Programmheft des Münchner Residenztheaters von Angela Obst zu Castorfs „Reise ans Ende der Nacht“ im Copy and Paste-Verfahren abgeschrieben. Unterdessen haben die Berliner Festspiele, und auch Daniele Muscionico selbst, eine schriftliche Erklärung dazu abgegeben. Die Berliner Festspiele „bedauern“ den Vorfall und Muscionico beteuert, dass sie das ganze nicht als ihre „Arbeitsgrundlage“ betrachtet, sondern als „Panne, die sich nicht wiederholen darf.“

Bei einer solch umfassenden Übernahme fremder Textstellen mutet Muscionicos Formulierung eines „Fauxpas“ in einem „Moment von Gedankenlosigkeit“ ein wenig seltsam an. Auch sollten diese Stellungnahmen nicht zu sehr im Alltagsgeschäft untergehen. Doch stellt sich die Frage: taugt diese ganze Geschichte wirklich zum Skandal? Sicherlich, in Zeiten, in denen zahlreiche hochrangige Politiker in Plagiatsaffairen verwickelt sind und auch der Urheberrechtsdiskurs hoch im Kurs steht, reagieren viele sehr empfindlich auf eine solche „Gedankenlosigkeit“. Zu recht, geht man weiterhin davon aus, dass auch geistiges Gut uneingeschränkt schützenswert ist.

Beschwichtigende Stimmen sprechen nun davon, dass die Übernahme fremden Textmaterials aus Programmheften in der schnelllebigen und unterbezahlten Theaterpraxis gang und gäbe ist, andere stellen dann gleich die Grundsatzfrage nach dem Umgang mit geistigem Eigentum und plädieren, der Idee von Intertextualität folgend, für einen entspannteren und freieren Umgang mit dem Urheberrecht. Doch vor allem stark vertreten ist die moralische Position, dass es indiskutabel sei, dass eine Theatertreffen-Jurorin einfach für die Begründung einer Einladung aus dem Programmheft des entsprechenden Theaters abschreibt. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit und Seriösität der Jurorin und des Festivals insgesamt wird dabei aufgeworfen. Viele fordern sogar, dass Daniele Muscionico ihren Rücktritt aus der Jury bekanntgeben solle.

Bei so viel Wirbel und Empörung ist es sicherlich ratsam, einen Schritt zurückzutreten und genauer hinzuschauen. Skeptisch wird man doch in letzter Zeit immer dann, wenn sich die mediale Öffentlichkeit geschlossen auf eine einzelne Person stürzt und ihren Kopf fordert. Ungute Assoziationen werden da wach. Ohne Zweifel hat Muscionico einen Fehler begangen, der vor allem in ihrer Position gravierend ausfällt, den sie jedoch selbst bereits eingesehen und für den sie sich entschuldigt hat. Fatal wäre es jedoch, über die Personaldebatte Muscionico, die Möglichkeit zu versäumen, viel eher strukturell darüber ins Gespräch zu kommen, wie die Einladungen beim Theatertreffen zustande kommen und ob dabei immer so sehr die Achtsamkeit und Professionalität am Werk ist, wie man es bei solch einem renommierten Theaterfestival doch zumindest erhoffen kann.

Häufig, auch bei der TT-Diskussion zur Zukunft des Stadttheaters am 8. Mai, ging es ja in den letzten Tagen wieder einmal um die Frage, wie es sein kann, dass die Auswahl des Theatertreffens sich fast zur Gänze aus „großen Namen“ und von den einschlägigen Häusern der großen Städte speist. Auch wenn die Urheberrechtsdiskussion eine eminent wichtige ist, die gerade im digitalen Zeitalter neu geführt werden muss: mit Blick auf das Theatertreffen stellt sich umso mehr die drängende Frage, wie das Festival zukünftig noch stärker junge ambitionierte Künstler und auch Produktionen kleinerer Häuser in ihrer Auswahl berücksichtigen kann – fernab jeglichen Quotenzwangs. Diese Diskussion erscheint vor allem deshalb so wichtig, da aktuell unter der Leitung von Yvonne Büdenhölzer und Thomas Oberender die Möglichkeit besteht, dass sich das Theatertreffen in den kommenden Jahren noch sehr viel stärker zu einem Festival neuer, mutiger ästhetischer Impulse und (kultur-)politischer Diskurse wandeln könnte und es die abweisende Aura der elitären Leistungsschau endgültig abstreift. Denn, soviel steht fest: nur dann kann ein solch großes hochsubventioniertes Festival in Zeiten massiver Kulturkürzungen seine Legitimation behalten.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Ein Kommentar

  1. Der „Fauxpas“ der Daniele Muchonico da „passiert“ ist, ist Ausdruck einer Geisteshaltung. Muchonico schreibt seit Jahren (…) Kritiken über die Schweizer Theaterszene, zuerst in der NZZ, dann immer häufiger in der rechtspopulistischen „Weltwoche“. Da wird gerne einmal ein Titel vertauscht oder ein falsches Bild verwendet.

    Gemein ist all diesen Texten eine sich plump an die Jugendsprache anbiedernde Diktion und die aggressive Haltung allem gegenüber, was nicht schon einen Namen hat. (…)

    Ein Problem dieses Bewertungs- und Selektionsbetriebes ist es, dass Figuren wie Muscionico, die ihre Fahne mehr oder weniger elegant in den Mainstream hängen, in den Entscheidungsgremien sitzen und bewerten, (…).

    Muscionico ist nicht nur eine gefürchtete Verhinderin in der freien Szene Zürichs. Sie sass auch in der Theaterkommission der Stadt Zürich (dem grössten Geldgeber für die freie Szene) und sie sitzt in der Jury des neuen Schweizer Theatertreffens. Aus dem ersten Gremium ist sie nach nur einer Saison zurück getreten. Der Rücktritt aus der Jury des Theatertreffens der Schweiz steht noch aus.

    Es wird nicht zu verhindern sein, dass Zweitverwerter, die selber nichts schaffen, sondern sich durch das Beurteilen von Geschaffenem in Gremien und Redaktionen ihre Altersvorsorge sichern, während die meisten Schaffer prekär unterversorgten sind. Wenn jemand jedoch über etwas urteilt, was er selber nicht kann, dann ist doch zu erwarten, dass er das inspiriert, geistreich und mit mit dem nötigen Respekt tut.

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