Das Internet ist keine Litfaßsäule

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Als die Bayerische Staatsoper im März diesen Jahres die „filmische Oper“ „River of Fundament“, den sechsstündigen, und damit längsten Opus in der Geschichte des Hauses zeigte, fragten sich viele: ist das nun Film, Performance, Kunst oder Oper und gehört das hier her? Denn die Arbeit des amerikanischen Künstlers Matthew Barney kommt ohne einen einzigen Sänger vor Ort oder eine Musikerin im Orchestergraben aus. Aber sind es eigentlich nicht genau die, die eine Oper ausmachen? Als um 02:30 Uhr „River of Fundament“ schließlich endete, war allen verblieben klar: Diese Frage spielt doch überhaupt keine Rolle.

Aber fangen wir vorne an.

Zuallerst an alle Theater eine gute Nachricht: Hurra, ihr habt eine neue Spielstätte bekommen! Ich weiß, ihr habt es mitbekommen, vor Jahren hat man euch diesen Anbau ohne euch zu fragen dran gebaut und er erscheint euch immer noch so leer und fremd. Da ihr nicht so recht wusstet, was ihr damit anstellen solltet, habt ihr dort erstmal eure Flyer gelagert.

Aber das Internet ist keine Litfaßsäule!

Es reicht nicht, in diesen neuen Raum nur eure Plakate zu hängen, um sie dann abfotografiert auf Facebook zu stellen und uns auf Twitter darüber zu informieren, dass ihr das nun getan habt. Das Internet ist kein reiner Newsletter. Ständig legt ihr dort nur eure Spielpläne aus. Klar habt ihr dafür hübsche Trailer gemacht. Und ja, wir schauen von Zeit zu Zeit gerne einmal mit euch hinter die Bühne. Aber es bleibt doch was es ist: Presse. Werbung.

Aber wolltet ihr uns nicht berühren, einen gesellschaftlichen Diskurs lostreten, uns Denkanstöße geben und uns mit uns selbst konfrontieren?

Dann tut das auch hier. Denn auch im Internet sind nur Menschen. Und wenn eure oberste Maxime wirklich die ist, Menschen zu erreichen, dann müsst ihr auch das Internet bespielen, betanzen und besprechen. Eine Spielstätte, zu der hierzulande fast jeder gratis Zugang hat. Was für ein Traum. Das macht vielleicht Angst, weil wir nicht genau wissen, wie das alles so klappen könnte. Doch habt keine Angst vorm Scheitern und vor Fehlern, die Prozesse sind es doch, die uns interessieren. Die Tatsache dort keinen geographischen Vorteil mehr zu haben bedeutet, dass dort nur noch die Idee zählt und somit auch Theater abseits von Ballungszentren die Möglichkeit bekommen vorne mitzuspielen.

Achja, im Internet muss man nicht nur jung und frech sein.

Tut doch das, was ihr auch auf euren alten Brettern so wunderbar macht, denn auch dort gehörten nebst lauten, schrägen und unterhaltetenden Abenden immer auch leise, stille und zerbrechliche Töne dazu. Gebt uns auf Twitter nicht nur das fröhliche Dauergrinsen, mit dem der Spielplan veröffentlicht wird, sondern gebt uns auch Sätze, die uns berühren, uns nachdenken machen. Gebt uns Gedanken, Kunst, diskutiert, seid verstörend, kritisch, lustig und Trost spendend.

Die größte Bedrohung der Demokratie findet aktuell im Internet statt, das wissen wir alle schon lange und nicht erst seid der NSA. Theater hat es sich schon immer zur Aufgabe gemacht, auf solche Missstände hinzuweisen und sie mit seinen Mitteln zu bekämpfen. Aber dann müsst ihr auch dorthin. Das ist eure Aufgabe. In einer Zeit, in der die Welt ein Dorf geworden ist, reicht es nicht mehr Probleme, die alle betreffen, ausschließlich in euren kleinen Hallen zu verhandeln. Es gibt so viele Möglichkeiten, diesen Raum zu nutzen. Ihr habt Spieler, kluge Köpfe, Ton- und Videoabteilungen, Perrücken, Kostüme und vor allem kreative Menschen, geht doch einfach mal rein und schaut, was passiert. Ihr habt nichts zu verlieren, ihr könnt nur gewinnen. Neben euren großen Bühnen und den Studios habt ihr nun alle die Möglichkeit, auch diese virtuellen Bretter zu bespielen. Nehmt es als Raum für alle, die sich an euren Häusern ausdrücken wollen. All die Assistenten und Hospitanten mit ihren Träumen und Ängsten und ihren Gedanken zur Welt.

Das Theater ist nicht tot, es hat es immer gegeben und es wird es immer geben, nur kommen nun neue Bretter, neue Kanäle hinzu. Wir sollten uns nicht fürchten, sondern uns darauf stürzen!

Jetzt gilt es mehr als nur euren Schriftzug nach draußen zu tragen, jetzt kommt es darauf an, diese einzigartige wunderbare Art und Weise, wie wir Theaterschaffenden Geschichten erzählen, für ein weiteres Medium zu übersetzen, es zu bespielen, um noch mehr Leute zu berühren, zu bewegen und ihnen Denkanstöße zu geben. Und „übersetzen“ meint nicht bloßes „abfilmen“. Übersetzten heißt das, was einzelne Personen, Projekte, Häuser und Kollektive eh seit Jahren interessant betreiben, nämlich diesen Raum wie auch immer zu benutzen und zu bespielen und das mit Bravur und vielen wunderbaren Ideen. Doch das ist längst nicht genug. Das ist doch gerade erst der Anfang.

Aktuell findet gerade die „Theater & Netz„-Konferenz statt, die sich intensiver mit dem Thema zu befasst. Auch unser Gastautor Jan Fischer schrieb über „Das Netz, schönste Bühne„.

Und einige werden dann wie immer sagen, ist das dann noch Theater? Aber wer zieht schon gerne Grenzen. Diese schränken doch nur ein. Denn, wenn sich selbst die Oper nicht mehr an ihre eigenen Schranken hält, dann können wir das doch auch. Theater ist eine Wirkungsstätte von Kunst. Und immer wenn ein Stück abgespielt ist, stehen wir leer vor etwas Neuem und wollen vorwärts und weiter.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.