Dreckige Erhabenheit: „Der 2. Tod eines Kollektivs“

Im Roten Salon der Berliner Volksbühne widmet sich der Schauspieler Maximilian Brauer mit wechselnden Kolleg*innen regelmäßig im Rahmen vergnüglich-versauter Abende dem Leben schillernder Prominenter. Neben Rolf Dieter Brinkmann und Helmut Berger war auch schon Rainer Werner Fassbinder an der Reihe. Anlässlich des Theatertreffens wurde der Fassbinder-Abend noch einmal aufgenommen. Theresa Luise Gindlstrasser hat über die wüste Nummer geschrieben, Janis El-Bira ihren Text mit Fußnoten versehen.

 

Rainer Werner Wer? Der mit den vielen Filmen,[1] der mit den Drogen, der mit dem Sex. Der Rainer Werner, Fassbinder, der hat einen Fokus bekommen im Rahmen vom Theatertreffen. Ausstellung, Podiumsdiskussion, Liederabend, Theater und Performance. „Fokus Fassbinder“, da ist der Mythos nicht mehr weit.

Aber wo Mythos, da immer auch Problem. Und wo immer auch Verklärung, da sowieso dann Gelächter. Innerhalb dieses Spannungsfeldes wurde die großartige Sauerei unter dem Titel „Der 2. Tod eines Kollektivs oder Die wunderbare Welt des R.W. Fassbinder“ ausgetragen.[2] Sauerei, weil Wurst, Käse, Brot, Cola, Rum, Essiggurken, Nebel, Hackfleisch, Rockband und backe backe Kuchen.[3] Großartig, weil Verschwendung der Materialien und Verausgabung der Menschen auf die dreckigst mögliche Art und Weise Erhabenheit generiert.

Dreckige Erhabenheit, damit meine ich die Souveränität der Schauspielenden im Scheitern. Das wurde nicht geprobt. Das wurde gemacht.[4] Da wurde aus der Situation heraus agiert. Da wurde jedes Gegen, jedes Nein, jedes Anti aus dem Publikum verwurstet und war dann plötzlich wieder Ja. Damit meine ich auch Referenzen, die ich nicht mitvollziehen kann, die ich ahnen kann, wo ich sehe, da wird mit großer Fassbinder-Währung wild um sich geworfen, während gleichzeitig die Währung Fassbinder als solche in Frage gestellt wird.[5] Dreckige Erhabenheit, das ist eine Weise, sich dem Rainer Werner, dem RAINER WERNER FASSBINDER, zu nähern und ihn sich gleichzeitig vom Leibe zu halten. Narration? Nein. Situation? Ja.[6] Sex, Drogen, Fassbinder-Filmeraten[7] und Bier? Ja.[8]

 


 

[1] Fünfundvierzig Filme, um ganz genau zu sein. In gerade einmal 26 Jahren. Säulenheilig aufragend im deutschen Nachkriegsfilm. Von allen verehrt, aber irgendwie doch von niemandem beerbt. Oder doch?

[2] Im Roten Salon der Volksbühne, wo man freundlich darauf hinwies, dass zwar auf der Bühne, keinesfalls jedoch im Zuschauerraum geraucht werden dürfe. Gelenkter Exzess. Richtig ausrasten durften nur die da vorne: Maximilian Brauer, Susanne Bredehöft und Lilith Stangenberg.

[3] Im Einzelnen: Wurstgeschnitzte Penisse am großartigen Selbstversuchler Maximilian Brauer, Käse vom halben Laib, Brot von der Hofpfisterei (gefistet von Brauers Mikrophon), Cola und Rum aus dem Essiggurkenglas als Wanderpokal für alle Anwesenden, Hackfleisch aus der Hose, Nebel aus der Ecke, Rockband irre laut von hinten rechts. Außerdem: Zwei Körbe Flugbrezeln und drei Fässer Paulaner fürs Publikum. Die Mische aus Bayern.

[4] Bei Fassbinder wurde eigentlich ziemlich hart und akribisch geprobt. Aber gemacht wurde natürlich auch.

[5] Was ja das Problem der Fassbinder-Rezeption schön veranschaulicht: Heiligsprechung und Käseglocke sind zwar so ziemlich das Letzte, was diesem wilden Werk gerecht würde. Andererseits ist Fassbinder aber komplett in, an und für sich abgeschlossen. Er ist schon länger tot als die alte BRD, an der er sich abarbeitete. Und die ist schon echt ’ne Weile dahin.

[6] Eine besonders schöne Situation war übrigens der Live-Anruf bei Irm Hermann daheim: „Hier in Franken gibt es wunderbaren Presssack.“

[7] Ganz schwache Leistung vom Publikum. Ganz schwach.

[8] Ja!

 

Der 2. Tod eines Kollektivs oder Die wunderbare Welt des R. W. Fassbinder
Ein Selbstversuch mit Maximilian Brauer, Susanne Bredehöft, Henning Nass und Lilith Stangenberg, sowie den Musikern Leonard Neumann und Richard Lucius. Mit exklusiven Beiträgen von Irm Hermann und Ulli Lommel.
Ausstattung: Jana Wassong
Dramaturgie: Anna Heesen, Thilo Fischer
www.volksbuehne-berlin.de

 

Von Janis El-Bira

Janis El-Bira, Jahrgang 1986, studierte Philosophie und Geschichtswissenschaften in Berlin und arbeitet seitdem als freier Journalist mit Theaterschwerpunkt. Er ist Redakteur beim Theaterportal nachtkritik.de und moderiert seit 2016 die Sendung „Rang 1 – Das Theatermagazin“ im Deutschlandfunk Kultur. Texte und Beiträge zudem u.a. für die Berliner Zeitung, SPEX, Tagesspiegel, Deutschlandfunk Kultur und SWR2. Seit 2016 leitet er das Theatertreffen-Blog der Berliner Festspiele.