Abgesoffen im Heimatlosen: „Zersplittert“

Was für ein Elend: Globalisierung und Kapitalismus, betrachtet durch die Augen von vier mehr oder weniger mittelschichtigen Systemgeschädigten. Sie sitzen in Shanghai, Bukarest, Dakar und Lyon und haben Jobs mit kryptischen Bezeichnungen wie „Head of Quality“ oder „Versuchs- und Entwicklungsingenieur“. In der halbszenischen Lesung von Alexandra Badeas zum Stückemarkt geladenem Text „Zersplittert“ hängen diese vier Bemitleidenswerten wie die Hamster im dauerbeschleunigten Rad vor ihren Webcams. Ihre Normcore-Gesichter werden zusätzlich auf Flatscreens inmitten des Kassenhallen-Auditoriums übertragen. Durchgängig sprechen sie in diesem vertraulichen „Du“ popliterarischer Gemeinschaftsvergewisserung, das eigentlich eh meist ein „Wir“ ist. Wer in einem Text immerzu „Du“ sagt, meint in der Regel eigentlich „uns alle“, zumindest jedenfalls diejenigen, die vorgeblich den Erfahrungshorizont des Sprechenden teilen können.

In „Zersplittert“ stopfst „Du“ folglich noch schnell den angebrannten Reis vom Vorabend in dich hinein, weil „Du“ eh schon zur Arbeit rennen musst. In „Deinem“ räudigen Callcenter in Dakar gaffst „Du“ den Bewerberinnen beim Vorstellungsgespräch auf den Arsch und willst sie dazu bewegen, dass sie am Telefon plötzlich alle „Marie France Martin“ heißen sollen. „Du“ redest über Skype mit „Deiner“ Frau und „Deinem“ Sohn, den „Du“ bilderbuch-neckisch den „kleinen Räuber“ nennst. „Deine“ lokale Geliebte poppt derweil im benachbarten Chat-Fenster auf und hält ihre Brüste in die Kamera. Unsichtbar unter „Deinem“ Schreibtisch bekommst „Du“ eine Erektion, was „Dir“ furchtbar peinlich ist, weil „Du“ ja noch immer mit dem „kleinen Räuber“ sprichst. „Deine“ verschriebene Dröhnung Spiritualität holst „Du“ dir in der Zwischenzeit mit dem Gebets-Podcast deiner klimaneutral weihräuchernden Freikirche.

Ja, so kleinkrümelig sind die Probleme dieser Figuren. Und ja, auf diesem Niveau mittelstufentauglicher Globalisierungskritik bewegt sich Badeas Text, dessen kaum einstündige Lesung keine Minute zu kurz erscheint, dafür aber entsetzlich deplatziert ist in einem sich vermeintlich so stark politisierenden Festival. Man könnte einwenden, dass hier doch Phänomene präzise beschrieben werden, dass die Rollen der Sprechenden kunstvoll verwoben seien. Alles richtig. Aber was hilft das, wenn nie eine Sprache gefunden wird, der man die Nähe zum Kollaps systematischer Selbstverheizung abschmecken könnte; wenn stattdessen alles in wohlgeordneter Subjekt-Prädikat-Objekt-Folge durcherzählt wird? Was tut’s, wenn nie Bilder auftauchen, die auch nur einen Funken Originalität in sich trügen?

Stattdessen träumen diese Hardcore-Kapitalisten jene Instagram-gefilterten Träume, wie es Hardcore-Kapitalisten eben tun: Vom Spontanflug nach Reykjavik und vom Schwimmen im Meer, das einen „im Horizont verschwinden“ lässt. Dazu gibt es wabbelige Musik vom Band, bis alle jäh aus ihren Gedanken gerissen und ans Förderband zurückbeordert werden. Die Verführung besteht, das alles einfach als Pop zu nehmen. Aber Pop war nicht immer so weinerlich und im Wesen erzromantisch, wie Stuckrad-Barre, Kracht & Co. der Generation der um 2000 herum erwachsen Gewordenen weismachen wollten. Irgendwann war Pop stattdessen mal ein großes „Nein“ inmitten eines noch viel größeren „Ja“. Ein Mit-offenen-Augen-armschlenkernd-jubelnd-gegen-die-Wand-Rennen. In „Zersplittert“ tauchen hingegen längst Totgeglaubte wieder auf: Das autonome Subjekt etwa, ganz und gar heimatlos in einer fast opaken Fremdbestimmtheit, die nur ab und an Schockvisionen vom Authentischen durchlässt. Es gibt das „Innen“ und das „Außen“. Es gibt kümmerliche Witze über Pseudo-Religionen, die Liebe via Webcam und lustige Start-Up-Namen. Dass all das aber längst zur einzigen Realität gehört, die wir überhaupt haben, davon hat dieser Text nicht den geringsten Schimmer.

Von Janis El-Bira

Janis El-Bira, Jahrgang 1986, studierte Philosophie und Geschichtswissenschaften in Berlin und arbeitet seitdem als freier Journalist mit Theaterschwerpunkt. Er ist Redakteur beim Theaterportal nachtkritik.de und moderiert seit 2016 die Sendung „Rang 1 – Das Theatermagazin“ im Deutschlandfunk Kultur. Texte und Beiträge zudem u.a. für die Berliner Zeitung, SPEX, Tagesspiegel, Deutschlandfunk Kultur und SWR2. Seit 2016 leitet er das Theatertreffen-Blog der Berliner Festspiele.