Zum Bergfest – Ein persönliches Zwischenfazit aus dem Grünen

© Piero Chiussi / Agentur StandArt

(von Eefke Kleimann)

Es ist Samstag. Ich liege noch im Bett. Der Laptop auf dem Schoß, ein Liter Schwarztee auf dem Nachttisch. Vielleicht kennen einige Leser*innen dieses morgendliche Ritual.

Es ist Theatertreffen, zum 52. Mal. Zweimal (2013 und 2014) durfte ich bereits durch die Mitarbeit beim TT-Blog dabei sein. Und eigentlich ist damit auch das Theatertreffen ein wenig dafür verantwortlich, dass ich gerade in Berlin und nicht irgendwo anders den Beginn des Tages hinauszögere. Das Theatertreffen begleitet mich; deshalb zum TT-Bergfest 2015 hier ein kleiner sehr persönlicher Tagebucheintrag zu meinem bisherigen TT-Erleben 2015. Achtung, es wird ein wenig emotional!

Dass das Theatertreffen stattfindet,  merkt man nicht nur an den Ströer-Werbekästen, die in der ganzen Stadt aufblinken oder an den unzähligen Berichterstattungen im Fernsehen, Radio, online oder in den Printmedien. Nein, vor allem weiß ich es, wenn die Kastanien blühen. Corinna Kirchhoff gab 2013 zum TT-Jubiläum ein Interview, in dem sie den Monat Mai als das besonders Schöne am Theatertreffen besang: Das Zusammensein mit den vielen lieben Menschen, das herrliche Festspielhaus, die Blüte der Kastanien. Hach!

Wir beide scheinen da mit demselben Hang zu Naturkitsch und Romantisierung geschlagen. 2013 schrieb ich nämlich in unserem TT-Blog-50-Zeichen-Fazit am Ende des 50. Festivals:

Eefke Kleimann: #TT50 verbindet. Gartengespräche. Doppelkeks. Magnolie.

Damals war es noch die Magnolie. Aber als ich am diesjährigen Eröffnungsabend versuchte, einen Blick in den Festspielgarten zu werfen, musste ich leider feststellen, dass sie nicht mehr blühte.

Dieses Jahr saß ich also nicht mehr in der Hollywoodschaukel wippend unter zartem Rosa, sondern auf in shabbychic rot gestrichenen Holzbänken unter Kastanien vor dem Haus der Berliner Festspiele.

Der Eröffnungsabend des TT wirkt noch immer in mir nach. Ohne Karte, aber mit Berliner Kindl und einer Schachtel American Spirits wartete ich gemeinsam mit den Blogger*innen Judith Engel und Oliver Franke auf das Ende der Vorstellung. Nicolas Stemanns Jelinek-Inszenierung „Die Schutzbefohlenen“ (siehe Blogbeiträge hier) wurde aufgeführt. Ich kann nichts über die Inszenierung sagen, aber ich erhielt eine andere Chance die Erfahrungen und Erlebnisse der geflüchteten Männer zu erfahren. Die Tischgespräche im Anschluss waren nicht überbordend besucht, sodass ich mich an der Seite einer guten Freundin hineinschleichen konnte. An einem Tisch mit Felix Knopp und Isaac Lokolong kam das Gespräch erst langsam in Schwung. Was sich aber daraus entwickelte, war eine intensive Begegnung, die seit Tagen in mir nachhallt.

Wie gesagt, in diesem Jahr saß ich unter den Kastanien, jetzt gemeinsam mit den Mitgliedern der Gruppe Lampedusa Hamburg und meiner Freundin. Nach langen Gesprächen, Bier und Cola ging es mit dem Taxi in den Reuterkiez nach Neukölln, WG-Party. Es lief „I am Passenger“ von Iggy Pop, wir rauchten, tanzten uns in Ekstase, tranken hausgemachten Basilikumlikör. Morgens um sieben stiegen wir am Hermannplatz in die U-Bahn und fuhren zurück in unsere Welten. Plötzliche Verbundenheit, unerklärliche Vertrautheit, Schuld, Ohnmacht, Hilflosigkeit. Und was kommt jetzt?

Ich habe darauf noch keine Antwort. Ich will da einsteigen, mich engagieren, kritischer sein, mich selbst immer wieder in Frage stellen. Das ist die Jetztzeitbetrachtung. Da ist noch nichts getan.

Nach dieser Erfahrung war ich noch ein paar Mal beim Theatertreffen. Ich sah „Common Ground” am Gorki (Yael Ronen, eine Kritik zu dieser Aufführung finden Sie hier) und die Uraufführung von Tacita Deans Film „Event for a Stage“, die gerade für junge Theaterwissenschaftler*innen ( mich eingeschlossen) eine ordentliche Portion an Material für eine Abhandlung über Schauspielerpräsenz (Stephan Dillane lässt Leinwand und Projektion vergessen), Intermedialität, Autorschaft (ein Textgemisch aus Autobiografie, Diskussionen von Dean und Dillane und anderen Repliken), Selbstreferentialität (ein Schauspieler spricht über Schauspieler) bot. Begeisterter Applaus am Ende.

Schon anhand dieser Reaktion, nicht der Euphorie, sondern der Tatsache, dass zu einer Leinwand hin applaudiert wurde, macht deutlich, wie wirkungsstark diese Arbeit von Tacita Dean und Stephan Dillanes Spiel ist.

Gestern Abend besuchte ich dann den Hanna Schygulla-Fassbinder-Abend. Und dieser Abend hat mich doch ein wenig ratlos zurückgelassen. Die Erscheinung, die Professionalität, der Mut zur Eigenheit, die Stimme, die Bühnenpräsenz, die Sinnlichkeit – Hanna Schygulla ist ohne Frage eine Ikone, eine der sogenannten ganz Großen. Ein Wahnsinn für mich, diese Frau einmal live erleben zu dürfen und dann auch noch an so einem emotionalen Abend, der – und das war unüberhörbar – ja einer noch viel bedeutenderen Persönlichkeit gewidmet war:
R A I N E R  W E R N E R  F A S S B I N D E R (Großbuchstaben sollen die Bedeutsamkeit, die Hanna Schygulla diesem Namen durch ihren epische Betonung gab, widerspiegeln). Den haben wir gestern einmal mehr so richtig gefeiert, eigentlich kritiklos. Den einen Mann, „der EINE seiner Generation“ und auch die eine Frau, die seine „Muse“ und sein „Motor“ war.

Letzte Woche haben wir uns noch über die Außengrenzen Europas gestritten, „we named it racism“, und mich persönlich – und damit stehe ich sicherlich nicht allein – begleitet die Betroffenheit über die Erlebnisse und Situation der Gruppe Lampedusa immer noch. Und dann gibt es so einen Abend, um sich selbst kreisend, nostalgisch, überzogen. Wir wissen jetzt viel über Rainer Werner Fassbinders Grundschulzeit und haben einmal mehr ein Medley von „Imagine“, „Blowin‘ in the Wind“ und „Born to be wild“ gehört. Für mich: zu viel Künstlermythos, zu viel Hommage, zu laut, zu eng gedacht und da, wo es sich weitete – beim Medley –, da driftete der Abend in Banalität ab. Nur die berührenden Gedichte von Fassbinder, vorgesungen von der beeindruckenden Hanna Schygulla, das hätte mir für gestern und als Gedenken an Fassbinder gereicht.

Vielleicht ging es mir nur so, weil ich Fassbinder und Schygulla nicht als Zeitgenossin begegnen kann, sondern sie schon längst zu einem Mythos für meine Generation geworden sind. Vielleicht fehlt mir die bedingungslose Verehrung, um an diesem Abend mit der Inszenierung d’accord zu sein. Einer dieser Generationskonflikte?

Ich werde jetzt noch das Fassbinder-Fernsehzimmer und die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau besuchen, vielleicht versöhnt mich ein tiefes Eintauchen in sein Oeuvre mit dem gestrigen Abend ein wenig. Für die zweite Woche beim Theatertreffen wünsche ich mir aber dennoch wieder den leidenschaftlichen Diskurs, der mir die letzten Tage manchmal sogar den Schlaf raubte.

Nach dem gestrigen Abend haben wir (TT-Blogger Oliver und ich) uns übrigens nicht unter die Kastanien gesetzt. Diskutiert haben wir trotzdem! Und da ging es mir immer noch wie Corinna Kirchhoff, so viel Romantik und Emotionalität lasse ich zu: Dieser Mai mit seinen ersten lauen Nächten, das Gelände und die Menschen – das alles lädt zum Verweilen ein und in diesem Jahr besonders zum Nachdenken.

Es ist mittlerweile Mittag geworden. Weg mit den Kissen und dem Pyjamakomfort, raus ins Grüne.