Absch(l)ussgedanken

Bühnenaufbau "Ein Volksfeind" © Judith BussBühnenaufbau "Ein Volksfeind". Foto © Judith Buss

Das Theatertreffen ist vorbei und so langsam packt auch das Blog seine Koffer. Unsere Kollegin Andrea Berger ist schon auf dem Heimweg und rundet ihre kleine Essayreihe (1. Teil; 2. Teil) mit einer sehr persönlichen Rückschau ab.

In Wilmersdorf, fast gegenüber des Hauses der Berliner Festspiele, gibt es eine legendäre Bar, „Rum Trader“ heißt sie. Man soll da schon sehr berühmte Leute in sehr unrühmlichen Posen angetroffen haben. Ich wäre jetzt lieber dort als um 7 Uhr morgens hier in diesem Bus Richtung Süddeutschland. Der Abschiedsschmerz nagt an mir. Berlin zu verlassen fällt mir schwer. Die großartige Blogger-Gang zu verlassen fällt mir schwer. Und zu begreifen, dass das Theatertreffen jetzt vorbei ist, fällt mir irgendwie auch schwer. Denn es war eine intensive Zeit – fordernd, anstrengend, inspirierend. Sie fühlte sich viel länger an als 17 mickrige Tage – und doch ist sie verflogen wie die wenigen Stunden Schlaf, die ich in der vergangenen Woche bekommen habe. Bevor ich also in Melancholie versinke und vielleicht noch ein paar Tränchen vergieße, noch ein paar Eindrücke aus den letzten Tagen.

Political Overkill?

So ein bisschen Abschiedsstimmung schwang ja schon mit in der letzten Woche des diesjährigen Theatertreffens. Bereits am Montag ging es los mit den Workshop-Präsentationen der Teilnehmer*innen des Internationalen Forums, die sich unter dem Motto „Arts and Politics“ in fünftägigen Workshops mit neuen Stadtkonzepten, Normcore, virtuellen Realitäten und Identitätspolitik auseinandergesetzt hatten. Eine Fülle an Ideen, Konzepten und performativen Arbeiten ist dabei herausgekommen. Ein Wermutstropfen: Wieder Kunst und Politik als Schwerpunkt. Wie schon zu Beginn des Theatertreffens im „Focus Arrival Cities – Willkommensland Deutschland?“. Wie schon beim Stückemarkt mit der gewünschten „politischen Dimension von Narrativen“. Wie schon beim „Künstler*innengipfel“ mit dem Motto „Artistic Citizenship“. Political Overkill für mich. Aber dann wieder ganz viel Input an anderer Stelle: Wiebke Puls in da house! Ihren Gesprächen mit Kolleg*innen beizuwohnen, war eine große Bereicherung für mich und fügte meiner Theatertreffen-Erfahrung die Komponente der persönlichen Begegnung mit Schauspieler*innen hinzu.

Das Highlight der zweiten TT-Woche

Dienstag und Mittwoch standen dann im Zeichen des Stückemarkts: Zwei szenische Lesungen waren auf dem Spielplan, eine Performance und als Abschluss eine der wenigen wirklichen Kontroversen des diesjährigen Theatertreffens, der Werkauftrag-Pitch. Der Stückemarkt hat sich in diesem Jahr sehr viel vorgenommen: Europäische Entwicklungen berücksichtigen, neue Formen der Autorschaft abbilden und dazu noch eine inhaltliche Fokussierung auf große Themen wie Politik, Macht und neue Gesellschaftsformen. Vielleicht war das zu viel, zu ambitioniert – so ein Programm ist in den wenigen Stückemarkt-Tagen nicht zu stemmen. Mal sehen, was nächstes Jahr passiert.
Fast aus dem Fokus gefallen in meiner Theatertreffen-Haus-der-Berliner-Festspiele-Bubble: Die Premiere von „Mittelreich“ am Deutschen Theater. Und auch die Premiere von „Stolpersteine Staatstheater“ war verhältnismäßig entspannt. Gut, lief ja auch auf der Seitenbühne. Wie auch „Effi Briest“, die einzige G10-Premiere der letzten Woche, die ich sehen konnte. Die hatte es dafür aber in sich und machte Riesenspaß.
Mein Wochenhighlight war aber der Schwerpunkt „Fokus Skulptur / Performance / Schauspiel“. Selten habe ich so interessante, aufschlussreiche Gesprächsrunden erlebt, die mich bereichert und mir zu Bewusstsein gebracht haben, dass Theater viel mehr ist als eine Reaktion auf (tages-)politische Themen. Es ist eine Kunstform, die von den Menschen lebt, die sich mit all ihrer Expertise, ihrem Wissen, ihren Emotionen, ihren Interessen einbringen.
Herbert Fritsch hat es treffend in seiner „Ode an die Volksbühne“ erfahrbar gemacht. Ich dagegen habe es vergessen in der letzten Zeit. Mein Blick hatte sich verengt auf Konzepte, auf Lesarten, auf Strukturen. Ich bin froh, dass er jetzt wieder offen ist. Was aber nicht heißt, dass meine Linienrecherche damit zu Ende ist. Aber ich mache es kürzer, denn jedes Mitglied der Blogger-Gang wird ohnehin noch sein Bild, seine Geschichte aus dem Theatertreffen in einem kürzeren Abschlussbeitrag erzählen. Also: Quo vadis, Theatertreffen-Linien?

Vorläufige Endstationen

Linie 1, die Jurybegründungen, erlebte ein kurzes Comeback beim Abschlussgespräch mit der TT-Jury. Nochmal wurden eindrücklich die Schwierigkeiten bei der diesjährigen Auswahl thematisiert. Linie 1 bleibt trotzdem ein Dead End – Entscheidungen, die sieben Leute gemeinsam treffen müssen, sind nun einmal nur mit Kompromissen möglich und daher immer angreifbar.
Linie 2, die Thematisierung des gefärbten Blicks, hat sich mit der zunehmenden Dichte an verschiedenen Formensprachen etwas relativiert und war am stärksten im Eröffnungswochenende präsent. Das Spiel mit Klischees war in der letzten Festivalwoche bis auf einige Szenen in „Hideous (Wo)man“ von Susanne Kennedy kaum noch vorhanden.
Linie 3, die starken Setzungen, ist bis zum Ende stark geblieben und durchzieht das gesamte Festival als ein verlässlicher Strang. In der Vielfalt der beim diesjährigen Theatertreffen gezeigten Ästhetiken und Zugangsweisen bildet sich bei weitem nicht die gesamte deutschsprachige Theaterlandschaft ab, aber genug, um einen Eindruck zu bekommen von dem unglaublichen kreativen Potenzial, das dieser Kunstform innewohnt.
Linie 4, die Dating-Line, hat sich zu einem starken Netz entwickelt – ein Netz, das allerdings jeder Betrachter/jede Betrachterin für sich selbst knüpfen muss, je nach Erkenntnisinteresse. Mit dem Schwerpunkt „Focus Skulptur / Performance / Schauspiel“ sind hier ein paar bereits vergebene und viele zukünftige Partner in der Bildenden Kunst dazugekommen.
Linie 5, die Beobachtungslinie, hat mit „Hideous (Wo)men“ noch einmal Verstärkung bekommen, wobei Susanne Kennedy mit dieser Produktion für mich auch ganz zentral das Vergehen von Zeit erfahrbar macht.
Und Linie 6, die Zeitlinie, hat sich von einer Welle zu einer Strömung entwickelt und immer mehr an Fahrt gewonnen. Gegen Ende des Festivals jagte eine Veranstaltung die nächste, es blieb keine Zeit mehr zum Verschnaufen.
Eine neue Linie ist noch spät im Festival sehr präsent geworden: Linie 7, Musik als tragendes und narratives Element bei Inszenierungen. Hätte ich eigentlich bereits bei „der die mann“ bemerken müssen, wurde mir aber erst mit „Mittelreich“ und „Effi Briest“ bewusst.

Unfassbares Theater

Und dann ist da noch etwas, das keine (konzeptionelle) Linie ist: Die fabelhaften Leistungen der Schauspieler*innen, Musiker*innen und all der anderen Produktionsbeteiligten vor und hinter den Kulissen. Ihnen gehört der Schluss dieser Betrachtungen.
In meinem ersten Beitrag für dieses Blog habe ich mir über das „Herz des Festivals“ Gedanken gemacht und einen sehr ambitionierten Anspruch an mich gestellt: Mit allen Facetten des Theaters wollte ich mich beschäftigen. Wie rührend naiv dieser Anspruch mir jetzt erscheint. Theater lässt sich nicht fassen in 17 Tagen: weder von einer Blogger-Gang, weder vom Publikum, weder von den Kunstschaffenden, weder von den Organisatoren. Theater ist eine lebenslange Leidenschaft, eine anhaltende Forschungs- und Entdeckungsreise – eine Expedition, die man gemeinsam machen muss. Und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Expedition durch einen Teil der deutschsprachigen Kulturlandschaft mit meinen wunderbaren Kolleg*innen und vielen anderen großartigen, ambitionierten Menschen und ihren Ideen machen durfte. Nun ist das diesjährige Theatertreffen zu Ende. Die Expedition aber geht weiter. Hoffentlich gemeinsam.

Kategorie Kommentar & Debatte
Andrea Berger
Autor

Andrea Berger

Andrea Berger, Jahrgang 1983, studiert Dramaturgie in an der Theaterakademie August Everding. Arbeitet als freie Produktionsdramaturgin, schreibt für das Münchner Feuilleton und assistiert beim Münchner Tanz- und Theaterfestival RODEO 2016. Lebt in München und Wien.

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