Am Rande: der Wahnsinn

"der die mann" von Herbert Fritsch, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Foto (c) Thomas Aurin

„Theater-was?“
„Theatertreffen.“
„Aha.“
21, 22, 23 …
„Hallo. Das The-a-ter-tref-fen.“, sage ich und drücke ihr jeden Bindestrich mit meinem vorwurfsvollen Blick ins Gesicht.
„Das klingt irgendwie nach Landjugendtreff.“
Nachdem ich meinen Erstimpuls überwunden habe (erdrosseln, erdolchen, steinigen, und zwar gleichzeitig), meldet sich eine leise, fast vergessene Stimme in mir: „Woher soll sie das auch kennen?

Die Stimme aus dem Paralleluniversum

Diese leise Stimme klingt fremd, wie ein weit gereister Gast. Dort wo sie herkommt, gibt es zwar irgendwo ein Theatertreffen, aber es gibt auch Eishockey, Hertha BSC und Sabine Lisicki. Es gibt Mozart, Rosenstolz und Helene Fischer. Es gibt Großraumdiscos, Kabarett und Zirkus. Es gibt Kochrezepte, Mensch-ärgere-dich-nicht und Trivial Pursuit. Es gibt Thiel und Boerne, es gibt C.S.I. Miami, es gibt Lukas Podolski, es gibt Audis, Traktoren, Lamborghinis. Es gibt Faschingsbälle, Kreuzfahrten, Gipfelwanderungen. Die Stimme stammt aus einem Paralleluniversum.
Das Universum, in dem ich lebe, das heißt Theater. Es funktioniert nach seinen eigenen Regeln, hat seine eigenen Maßstäbe. Da reden sich Dramaturgen den Tränen nahe, weil jemand die falsche Schriftart in einer Programminfo verwendet hat („Das korrespondiert doch jetzt alles überhaupt nicht mehr!“), da übernachten Regieassistenten zwischen Regiebuchseite 179 und 180 in ihren Büros („Heimfahren lohnt sich eh nicht mehr“), da verfallen Schauspieler in tiefe Depressionen, weil sie das falsche Kostüm bekommen haben („Darin sehe ich so alt aus“). Da werden Kantinen zu Wohnzimmern, Büros zu Schmieden hochgeheimer Operationen, Dramaturgiesitzungen zu Bundestagssitzungen. Mit den meisten neuen Bekanntschaften („ach, den hab ich auf so einer Premierenparty getroffen“), teilt man mindestens 20 gemeinsame Facebook-Freunde, allesamt tief verwurzelt im fruchtbaren Boden der Berliner Bühnen. Die Wochentage heißen nicht Montag, Dienstag, Mittwoch, sondern „heute ist Pollesch, morgen ist Fritsch, gestern war Gob Squad“.

Vitamin D-Mangel und knietief im Dispo

Ja, jede Leidenschaft schließt Grenzen um sich, und bewegt sich in ihrem eigenen Kosmos. Jetzt kann man sagen: Muss das sein? Warum ist Theater so narzisstisch? Ist das Theater nicht ein bisschen Schuld an seiner Unzugänglichkeit für so viele Bevölkerungsschichten? Die einen theaterverdrossen, die anderen theaterverschossen?
Ich könnte jetzt viele Ausreden erfinden, Erklärungsansätze, Alibis. Glaub mir, es ist nicht so, wie es aussieht! Aber um es dir ehrlich ins Gesicht zu sagen: Ja, es ist so. Wer am Theater arbeitet, ist lebenslang verliebt. Und die rosafarbenen Gläser, die einem diese Kunst auf die Nase setzt, die verdecken die dicke Sorgenfalte zwischen den Augenbrauen, die blaugrünen Augenringe, das erhöhte Herzinfarktrisiko, den stetig über einem schwebenden Lungenkrebstod, den omnipräsenten Vitamin D-Mangel, die Rückenprobleme, die roten Zahlen auf dem Kontoauszug, die mit den schwarz gefetteten Zahlen auf dem Stundenzettel einfach nicht harmonieren wollen.

Alles nur Theater

Ja, im Theater da denkt man: Das ist die Welt. Und das kann man als Vorwurf formulieren. Aber, die Welt kann man auch nicht immer von der Stratosphäre aus betrachten. Mehr als 1,80 Meter sind ja bei den meisten nicht drin. Wenn man auf den veraschten Fliesen der Theaterkantine steht, dann ist Theater die Welt. Auch, wenn der Wahnsinn, den man von der Stratosphäre aus sieht, ein anderer ist. Dann sieht man syrische Jungs vor Barrikaden aus Plexiglasschildern Schlammburgen bauen, dann sieht man blonde Toupets, deren Träger der mächtigste Mann der Welt werden will, dann sieht man, wie Zehnjährige am Kotti Zigaretten schnorren. Ja, dann kann man denken: Mensch, der Wahnsinn liegt ganz woanders. Die Premiere am Donnerstag, die wird die Welt nicht verändern. Das ist alles „nur“ Theater.

Aber es ist nun einmal wie in der Liebe: Wenn man neben Jakob noch Sebastian, Luis und Greta sieht, dann ist man nicht wirklich verliebt. Und wenn man neben Pollesch, Fritsch und Gob Squad nicht mehr Sabine Lisicki, Donald Trump, C.S.I. Miami und Hertha BSC sieht, dann kann man schon mal Mordgelüste bekommen, wenn jemand vergisst, in wen man verliebt ist. Dann erinnert eine Stimme aus dem Paralleluniversum an die nicht unwichtige Tugend Verständnis. Aber: gegenseitiges Verständnis. Denn, Mensch: Es ist das THE-A-TER-TREF-FEN!

Kategorie Kommentar & Debatte
Autor

Marlene Knobloch

Jahrgang 1994, studiert Deutsche Literatur und Medienwissenschaft in Berlin. Sie ist Stipendiatin der Journalistenausbildung der Passauer Neuen Presse. Lebt in Berlin.

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