Die schönen Tage von Wilmersdorf

Das leere Haus der Berliner Festspiele. Foto © Judith BussDas leere Haus der Berliner Festspiele. Foto © Judith Buss

„Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende“, heißt es bekanntlich zu Beginn von Schillers „Don Carlos“. Peter Handke hat den Satz 2012 in einen Stücktitel übernommen und ihm per Doppelpunkt einen Beinamen angefügt: „ein Sommerdialog“. Das gefällt uns natürlich viel besser als die Fortsetzung bei Schiller („Wir sind vergebens hier gewesen“), denn wir hatten schöne Tage in Wilmersdorf, die so gar nicht vergebens waren. Dennoch findet unser „Sommerdialog“ hier sein Ende: Beim Theatertreffen-Blog 2016 fällt nach zweieinhalb Wochen und rund 80 Beiträgen der Vorhang. Somit ist es an der Zeit, noch einmal Resümee zu ziehen, anzumerken, was bleibt, und nicht zuletzt: Dank zu entrichten. Wir verabschieden uns mit den Abschlussstatements unserer Blogger*innen in einen langen, traumreichen Theaterschlaf.

Vielfalt im Korridor

von Falk Rößler

Ja, ich glaube bei diesem Theatertreffen wurde ernsthaft gesucht: nach bemerkenswerten Inszenierungen, Neubestimmungen des Theaters in Zeiten dräuender Umbrüche, künstlerischer Bürgerschaft, jungen Stücken und Projekten, aktuellen Schauspielbegriffen – um nur das Wesentliche zu nennen. Ein Festival ist keine Wollmilchsau. Das Theatertreffen wird die ganze Welt nicht retten. Ein bisschen Milde im Rückblick ist also angebracht – und Freude darüber, dass es diese Veranstaltung gibt und dass sie lebt.

Drei Romanbearbeitungen waren unter den zehn Auswahlstücken, zudem zwei genuine Neuschaffungen und auch die restlichen Produktionen forsten bestehendes Material komplett neu auf. Theater versteht sich derzeit also nicht von selbst. Und es ist begrüßenswert, dass das Theatertreffen dem auch Rechnung trägt. Gleichwohl: Wie hat man es geschafft, bei all der gern betonten Formenvielfalt doch so eine gedämpfte Homogenität herzustellen? Vielleicht gab hier die Jurydiskussion am Abschlusswochenende Aufschluss. Auf den Vorwurf der Nichtberücksichtigung der Freien Szene erwiderte Peter Laudenbach, dass sich die Grenzen zwischen Stadttheater und Freier Szene nun wirklich aufgelöst hätten. Was er damit eigentlich meinte, schob er gleich hinterher: das Stadttheater könne mittlerweile die künstlerischen Mittel freier Theaterproduktionen aufnehmen, ohne daran zugrundezugehen. Till Briegleb veredelte diese These dazu, dass erst in den großen Schauspielhäusern dieses Landes die alternativen ästhetischen Ansätze der Freien Szene in Reife entfaltet werden können, was ich wahlweise für eine verharmlosende oder gefährliche Sicht der Dinge halte. Durchmischung und Übernahme sind nicht das Gleiche. Bei der Übernahme kommt nur das mit, was die Institution in ihrem Lauf der Dinge nicht zu sehr stört.

Die „offenen Formen“, die Festspiele-Intendant Thomas Oberender in seiner Eröffnungsrede angekündigt hatte, gab es darum nur eingeschränkt zu sehen. Keine der Inszenierungen stellte den Theaterbegriff selbst infrage. Eher wurde gezeigt, wie weit man gehen kann, ohne sich diesem anstrengenden Risiko aussetzen zu müssen. Und wenn mit der grundsoliden Stückemarkt-Einladung „TRANS-“, die wie aus den 90er-Jahren der europäischen Performancegeschichte ausgeschnitten schien, schon der Höhepunkt solcher Wagnisse erreicht ist, dann bringt das den Korridor der diesjährigen Theatertreffen-Möglichkeiten zur Ansicht.

Abschließende Notizen:
Zehn bemerkenswerte Inszenierungen bedeuteten dieses Mal auch zehn Einheitsraum-Bühnenbilder.
Die Debatte um digitale Demokratie, unter anderem losgetreten von der sicherlich nicht gerade stärksten Inszenierung „Ein Volksfeind“, wurde überraschender Weise virulenter, als die auf den ersten Blick dringlich erscheinende Frage, wie das Theater auf Flüchtlingsproblematik und gesellschaftlichen Rechtsruck reagieren soll.
Und „Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“ ist nicht nur die witzigste Produktion der Auswahl, sondern auch die mit der komplexesten Spielanlage, der größten darstellerischen Vielfalt und der kreativsten Bearbeitung einer Vorlage. Das sollte man nicht übersehen, nur weil man dabei auch noch gelacht hat.

Bühneneingang. Foto © Judith Buss

Bühneneingang. Foto © Judith Buss

Fegefeuer Stückemarkt

von Theresa Thomasberger

Es entbehrte dann ja doch nicht einer gewissen Poesie, dass das Projekt mit der mit Abstand verwirrendsten Präsentation beim Stückemarkt-Pitching das Rennen für sich entscheiden konnte. Den Werkauftrag am Schauspiel Dortmund samt der 7000 Euro hat die stark visuelle Performance einer in ihrem Heimatland sehr etablierten freien Gruppe gewonnen. Es kann hier also weder von Theatertext, noch von Nachwuchsförderung so recht die Rede sein. Und das ist auch völlig natürlich: denn die zum Stückemarkt eingeladenen Projekte sind, wenn auch das Pitching mit dem Versuch einer Einstampfung von Stückkonzepten auf zehn-Minuten-Formate anderes behauptet, nicht mehr kommensurabel. Performances und (dann doch ganz klassische) Stücktexte zum selben Wettbewerb einzuladen, schafft ein Ungleichgewicht, das auch die beste szenische Einrichtung nicht wettmachen kann. Die Texte, die ja ihrer Natur nach unfertig sind (der Balzruf eines Texts nach seiner Inszenierung ist gerade eine Stärke guter dramatischer Literatur), können gegen eine Performance, die mit all ihren Zutaten auf die große Bühne gehievt wird, nicht bestehen. Die Öffnung des Theatertreffens hin zur Performance (oder sagen wir mal schwammig synonym: zur freien Szene) ist ja begrüßenswert. Und super für die deutsche Theaterkultur, über die eigenen nationalen Grenzen hinauszublicken (wie das ja z.B. zeitgleich bei den Wiener Festwochen geschieht).

Aber es braucht eine klare Entscheidung: Ob man, analog zu den zehn Inszenierungen, fünf Stücktexte deutschsprachiger Provenienz einlädt. Ob man internationale Stücke zur Einreichung zulässt, dann aber die Schwierigkeit der literarischen Übersetzung zumindest thematisiert. Oder ob man den Stückemarkt unter anderem Namen als ein Festival im Festival installiert, in dem junge internationale Performance-Projekte gefördert werden. Wobei, war das nicht die Aufgabe des internationalen Forums? Der Eindruck, den der diesjährige Stückemarkt hinterlässt, ist der eines fruchtigen Potpourris, zusammengestellt nach dem Motto: Für jeden was dabei. Das war mitunter sehr schön. Was bleibt, ist die Frage, wem dieser Wettbewerb denn nun eigentlich nützen soll. Dem Schauspiel Dortmund? Hongkong-China? Deutschen Jungautorinnen? Dem Weltfrieden? Dem Theatertreffen? Offenlegung bedeutet eben nicht zwangsläufig semidemokratische partizipative Verfahren im Show-Format (das uns immerhin Maximilan Brauer im weißen Satin-Anzug brachte) zu erfinden, sondern vielleicht eine klare und klar kommunizierte Linie in der Auswahl der Projekte.

Bühnenabbau "der die mann". Foto © Judith Buss

Bühnenabbau „der die mann“. Foto © Judith Buss

Eine Veränderung von Wahrnehmungsprozessen

von Andrea Berger

Meine Geschichte von und mit dem diesjährigen Theatertreffen ist eine Geschichte des Sehens. Denn von Anfang an, getriggert durch das Theatertreffen-Plakatmotiv von Isa Genzken, stand die Frage der Wahrnehmung im Raum, des verdeckten Blicks, der schützenden und zugleich abgrenzenden Maske. Thematisiert wurde das bereits zu Beginn des Theatertreffens durch die Jury, die mit Befangenheit bei der diesjährigen Auswahl zu kämpfen hatte und offen darüber sprach, mit einem Schleier aus tagespolitischen Ereignissen im Gepäck auf die Suche nach den „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“ gegangen zu sein. Und erstaunlich viele Inszenierungen und Veranstaltungen hatten dann auch mit dem Blick auf etwas/jemanden oder dem Beobachten von etwas/jemanden zu tun. Auf der Bühne wurde mit überwachenden Kameras gearbeitet („Tyrannis“, „Ein Volksfeind“, „Hideous (Wo)men“), mit Gruppen, die immer wieder einen Einzelnen beobachten („der die mann“) und mit der bewussten Ausstellung von Klischees („Schiff der Träume“, „Morgenland“, „Talking Straight Entertainment“). An der Schnittstelle zwischen Bühne und Publikum trat das Motiv des Beobachtens in Kraft: Schauspieler beobachten ihre Kolleg*innen und werden dabei zu einem Teil des Publikums („Väter und Söhne“) und Performer beobachten das Publikum, das zum Gegenstand der Performance wird („TRANS-“).

Das Verbindende zwischen Beobachtung und Blick besteht in der visuellen Wahrnehmung von etwas. Beobachten ist ein Vorgang, der längere Aufmerksamkeit und aktives Interesse erfordert. Ein Blick dagegen erfordert eine rasche Aktion – das Jemanden/Etwas-einen-Blick-Zuwerfen –, bleibt aber dann auf eine kurze Zeitspanne beschränkt und ist daher eher ein zu einem Bild erstarrter Eindruck.
Abseits der Bühne trat ein Veränderungsprozess ein – bei mir. Im Laufe des Festivals entwickelte sich meine Wahrnehmung kontinuierlich: Ich wurde auf Folien aufmerksam, durch die ich die Welt betrachte. Ich wurde gewahr, dass Beobachten etwas Brutales, aber auch etwas Liebevolles sein kann. Ich lernte immer mehr hin- und nicht wegzuschauen. Ich begann zu verstehen, dass ein genaues, wertfreies Beobachten mich in der Gegenwart festnagelt und mich dazu zwingt, jede Inszenierung erstmal in ihrer immanenten Logik zu lesen. Ich bin mir der Schutzmaske auf meiner Nase gewahr, die mich nach Strukturen suchen lässt. Und jetzt, am Ende des Festivals, fühle ich mich gewappnet, sie abzunehmen. Was ich nun an Neuem entdecken werde? Ich weiß es nicht. Aber schön, dass ich aus dem Theatertreffen mit dem Gefühl rausgehe, etwas über meine Wahrnehmungsprozesse gelernt zu haben. Masken ab.

Hinter den Kulissen von "Mittelreich". Foto © Judith Buss

Hinter den Kulissen von „Mittelreich“. Foto © Judith Buss

Kommen wir nun zum Wetterbericht

von Marlene Knobloch

Ich weiß nicht, welche Deals Yvonne Büdenhölzer mit Petrus ausgehandelt hat, aber sie scheint extrem überzeugende Schmiermittel gehabt zu haben. Aus meteorologischer Sicht jedenfalls war das Festival ganz schlau kuratiert.
Das Theatertreffen – also das Leben – beginnt am ersten Frühsommertag dieses Jahres mit „Schiff der Träume“, das ein bisschen alleine durch die laue Nacht fährt. Viel wichtiger ist doch, dass Ijoma Mangold im Sommersakko draußen auf der Rauchertreppe steht! Ich wusle an ihm vorbei, versuche so viel kostbare Worte wie möglich aufzuschnappen (Tennis, Tennis, Tennis – herrgott, was für ein Genie), um oben mit der Nasenspitze gegen Martin Wuttke zu stoßen (‚Tschuldigung, der Wein, der Wein bei diesen Temperaturen…).
Die nächsten Tage und auch Inszenierungen geraten ins Kreuzfeuer der Endorphine, für die entweder die Sonne und ihre Hausmarke Vitamin D, oder Ersan Mondtags „Tyrannis“ verantwortlich ist. Endlich ein bisschen Hype, um den man sich fetzen kann. Endlich ein Verdacht auf Avantgarde. Endlich, ein junger, gutaussehender Regisseur.

Höchsttemperaturen auf der TT-Party.
Funkelndes Papier regnet auf mich herab. Die Konfettikanone als Penisprothese zwischen die Beine geklemmt, knallt Lars Eidinger die goldenen Schnipsel in die Menge. Auf der Punchline segelt die goldene Munition dahin, hysterische Mädchen greifen danach, als hätte Keith Richards gerade sein Plektrum ins Publikum geschmissen. Das muss der Luftdruck sein. Warum sonst kreischen alle begeistert Miley Cyrus’ „Wrecking Ball“ mit? Warum sonst kreische ich „Wrecking Ball“ mit? Draußen grollt ein Donner Richtung Festspielhaus.

Temperatursturz.
Die Sonne ist verkatert. Ein Tief hängt über dem Theatertreffen. Borkmans Schneeflocken und Eidingers Goldkonfetti sind von der Bühne gefegt, von Westen her stolpert ein Staatstheater über die Bühne, auch Martin Wuttke lässt sich ausnahmsweise nicht blicken. Zugegeben: keine gute Ausgangslage für den Stückemarkt. Der scheint aber selbst völlig fertig zu sein: Das Aspirin fehlt, Migränewetter über Wilmersdorf. Stattdessen philosophieren die Texte melancholisch im Camp. Stellenweise bildet sich Nebel.

Es wird freundlicher.
Gott sei Dank kommt am letzten Wochenende ein Hoch aus Hamburg: Mit „Effi Briest“ lockert es auf. Vergessen die grauen Tage im Camp! Vergeben die einsamen Nächte im Foyer! Ich lache mir die Betroffenheitsstarre von der Seele und finde sogar Claus Peymann amüsant, wie er in einem ausgesprochen kunstvoll gewähltem Moment der absoluten Stille, gemächlichen Schrittes die Vorstellung verlässt. Allerdings nicht ohne in einem Anfall von Großzügigkeit seinen Arm zu einem vagen Gruß Richtung erstaunter Schauspieler zu heben. Auf der Premierenparty herrscht beste Stimmung, ich lege meine allerletzte Getränkemarke auf den Bartresen und lasse mir meinen nicht allerletzten Weißwein dieses Abends schmecken. Immerhin ist es endlich mal wieder richtig Sommer und auch Martin Wuttke ist endlich wieder da.

Kommen wir nun zu den Lottozahlen.

Publikumsgespräch zu "Schiff der Träume" © Judith Buss

Publikumsgespräch zu „Schiff der Träume“ © Judith Buss

Erst mal abtauchen

von Xaver von Cranach

Die physischen Spuren kann ich recht leicht verwischen. Die Chucks kommen frisch gewaschen aus der Maschine. Die Zigarettenschachteln sind eh leer und der mit Heften und Karten und Blättern und Notizen gefüllte Papierkorb wird ordnungsgemäß über der blauen Tonne umgedreht. Aber wenn ich die Augen schließe und einschlafen will, mischen sich faulige Pilze ins Gehirnragout. Da verbindet sich die gerade noch eilig geschaute Tagesthemensendung über die nur knapp verpasste Katastrophe in Österreich mit den Demokratiedystopien des Volksfeindes. Da vermischt sich die Stimme von Marcel Kohlers Arkadij mit der von Thomas Roth und aus dem Hintergrund schrillt ein gequält-stolzes „this is a man’s world“. Für mich persönlich war das zu viel Zerstreuung. Meine Gedanken sind ganz diffus und können sich nicht festhalten, sondern wollen immer gleich weiter zum nächsten, die Sprache verfehlt. Jetzt muss ich erst mal wieder sammeln. Auflesen. Konzentrieren. In die Bibliothek gehen. Sechs Stunden Sebald lesen, das sollte helfen. Scharfstellen und sitzen bleiben. Untertauchen. Den Misanthrop in mir wieder neu entdecken. Weniger reden und mehr denken. Mehr essen. Länger verdauen. Um dann nächstes Jahr wieder loskotzen zu können.

"Stolpersteine Staatstheater". Foto (c) Judith Buss

„Stolpersteine Staatstheater“. Foto (c) Judith Buss

Heaven Knows I’m Sentimental Now

von Janis El-Bira

Aufhören sollte man immer mit dem Danken, denn, klar, erst in der Dankbarkeit versteht man das Vollmaß der eigenen Freiheit. Deshalb gilt mein Dank zunächst den wunderbaren Kolleg*innen, und ich darf inzwischen sagen: Freund*innen, hier über mir, die das Theater so sehr lieben, dass sie ihm nicht nur lange Tage und kürzeste Nächte gewidmet, sondern auch verstanden haben, dass man in der Liebe manchmal unnachgiebig und hart sein muss – denn es geht ja wirklich um was! Dank geht auch an die vielen Gesichter im Haus der Berliner Festspiele, allen voran die Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer, die das sperrige, sicherlich oft unbequeme Projekt Theatertreffen-Blog auch in diesem Jahr mit unendlicher Hilfsbereitschaft, Vertrauen und größter Kollegialität mitgetragen haben. Er geht an meinen unerschütterlichen Assistenten Jascha Fendel, den fantastischen Grafikdesigner Viktor Nübel, unsere allseits bewunderte Gastbloggerin Wiebke Puls und an unseren einzigartigen Mentor Dirk Pilz.

Und letztlich muss der Dank auch der Kunst selbst gelten, den Momenten großen, traurigen Glücks, das uns im Theater wie nirgends sonst, außer im Leben, zwischen den Fingern zerrinnt. Momenten wie jenem in meiner liebsten Inszenierung dieses Jahrgangs, Daniela Löffners „Väter und Söhne“, wenn die Spieler*innen bunte Ballons auf die Bühne tragen, ein Waffeleisen den Raum in den warmen Duft von Geborgenheit hüllt und das Licht doch so probenhell auf alles niederknallt, als wollte es uns erinnern: Verweile doch, aber wisse, dass es endet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.