Fesselnde Wirklichkeit

Foyer Haus der Berliner Festspiele © Judith BussFoyer im Haus der Berliner Festspiele. Foto © Judith Buss

In der neuen, noch nach Druckerschwärze riechenden Ausgabe von Theater heute (Nr. 5 / Mai 2016) berichtet Theatertreffen-Jurymitglied Bernd Noack von den Schwierigkeiten auf dem Weg zur diesjährigen Theatertreffen-Auswahl. Ausführlich schildert der Kritiker uns allen noch gegenwärtige Bilder von gestrandeten Flüchtlingen auf Bahnhöfen im Herbst 2015 und die Auswirkungen der Terroranschläge von Paris im November 2015 auf die Rezeptoren der Kritiker*innen wie Till Briegleb, der am 14.11. angeblich „keine Antennen“ für Frank Castorfs Inszenierung „Die Brüder Karamasow“ an der Berliner Volksbühne hatte. Hat Paris also Frank Castorf eine Theatertreffen-Einladung versaut? Haben die Massen von in Europa Schutz und Sicherheit suchenden Menschen den freien Blick auf starke Ästhetiken, innovative Konzepte und kluge Interpretationen verstellt? Sind Theater und Theatertreffen nun endgültig in der Fessel der Wirklichkeit gelandet?

Das Unbehagen einer Aufgabe

Schwer zu sagen. Einerseits scheint in der diesjährigen Theatertreffen-Auswahl, glaubt man den Besprechungen, von allem etwas vertreten zu sein: ein bisschen Witz, ein bisschen Politik, ein bisschen Formexperiment, ein bisschen Kritik. Eher eine große Bandbreite also, vordergründig kaum an Tagespolitik orientiert. Andererseits kommt im Artikel von Bernd Noack klar zum Ausdruck, wie stark eben die tagespolitischen Ereignisse die Rezeption der gesehenen Inszenierungen beeinflusst und somit doch latent die Auswahl bestimmt haben.
Im Wesentlichen bildet die diesjährige Zusammenstellung der G10 daher die Hilflosigkeit der Jury angesichts der Erfüllung ihres „kulturellen Auftrags“ ab: Das Unbehagen angesichts einer Aufgabenstellung, die eine in irgendeiner Art und Weise fassbare, definierbare „Kultur“ erfordert, um ihre Basis nicht zu verlieren. Doch wie Kultur definieren inmitten sozialer und politischer Veränderungen, deren Auswirkungen noch nicht abschätzbar sind? Wo die Messlatte anlegen? Vielleicht lieber gar nicht. Bernd Noack schildert in seinem Artikel nicht nur die Schwierigkeiten auf dem Weg zur diesjährigen Theatertreffen-Auswahl, er stellt auch ein Gedankenspiel in den Raum: nämlich gar keine Inszenierungen auswählen und stattdessen das besondere humanitäre Engagement einiger Theaterhäuser würdigen.

Hinsehen oder wegsehen?

Wäre das ehrlicher gewesen, besser, gerechter? Ein radikaleres Eingeständnis der Hilflosigkeit der Theatertreffen-Jury angesichts eines „kulturellen Auftrags“, der bereits durch das definitionsabhängige Attribut „kulturell“ fragwürdig wird? Ein klareres Aufzeigen des Ringens vieler Theaterschaffender um das Finden künstlerischer Ausdrucksmittel für die Auseinandersetzung mit der Flüchtlingssituation und die Terrorgefahr, immer mit der Gefahr des Scheiterns angesichts der dramatischen Realität direkt vor der Haustür? Ich glaube nicht. Theater findet ohnehin niemals abseits der Gegenwart statt – kann es auch gar nicht, da alle Beteiligten Gegenwart ins Theater tragen, egal ob als Produktionsbeteiligte oder Publikum. Theater und Wirklichkeit sind daher per se untrennbar aneinander gefesselt – genau das zeichnet das Medium Theater seit jeher aus. Bemerkenswert aber ist die Vehemenz, mit der Tagespolitik zurzeit auf die Bühnen drängt oder auf die Bühnen geholt wird. Die Dringlichkeit, mit der nun wieder darüber diskutiert wird, ob und/oder welchen Auftrag Kunst zu erfüllen hat. Und besonders bemerkenswert ist, dass diese Fragen offensiv in der Öffentlichkeit verhandelt werden. Nicht nur Bernd Noack scheint verblüffend ehrlich mit dem Dilemma des „kulturellen Auftrags“ umzugehen, sondern auch das Theatertreffen als Institution. Denn das offizielle Plakat zum diesjährigen Theatertreffen ziert ein Motiv der Künstlerin Isa Genzken: Eine Figur mit Totenkopfmaske und zusätzlicher Schutzmaske über den Augen. Hinsehen oder wegsehen? Sich schützen oder sich abschirmen? Zu- oder weghören? Die nächsten zweieinhalb Wochen werden es zeigen. Denn das Dilemma der Masken oder Brillen, durch die man guckt, ist nicht nur eines der Theatertreffen-Jury, sondern auch des Publikums.

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