Nach(t)gedanken

Publikumsgespräch zu "Schiff der Träume" © Judith BussPublikumsgespräch zu "Schiff der Träume" © Judith Buss

Es ist kurz nach Mitternacht, ich komme gerade vom Publikumsgespräch zu „Schiff der Träume“. Verblüffend, wie leise es heute war im Oberen Foyer des Hauses der Berliner Festspiele, nach dem Rummel bei der Premierenfeier gestern. Kein Buffet heute, kein DJ, der Mucke aus den Nullerjahren auflegt, keine cultural butterflies und professionelle Theaterschaffende, die networkend von Gruppe zu Gruppe flattern. Dafür eine fast greifbare Konzentration im verbliebenen Publikum kurz vor dem Start des Gesprächs, trotz der späten Stunde. Und leise Unterhaltungen, die einen Soundteppich aus gleichmäßigem Murmeln bilden. Kurz nach 23:15 Uhr beginnt schließlich das Publikumsgespräch. Dramaturgin Stefanie Carp liefert einen knackigen Nachtrag zum Theatermachen in Zeiten der Flüchtlingskrise („Try again, fail better“), Performer Patrick Joseph gibt Einblicke in den Probenprozess („Es war ein gemeinsames Entwickeln im Gespräch“) und Theatertreffen-Jurymitglied Barbara Burckhardt lenkt die Aufmerksamkeit auf Schablonen, die unsere Wahrnehmung beeinflussen („Wir müssen die Blicke freiräumen von den Vorstellungen, die wir haben“) und spricht die spezielle, von Eindrücken gesellschaftlicher Umwälzungen beherrschte Situation an, in der die Theatertreffen-Jury 394 Inszenierungen gesichtet und diskutiert hat.

Auffälligkeiten des Startwochenendes

Oops, she did it again. Denn auch beim ersten Diskussionsblock des zweitägigen Themenschwerpunkts „Focus Arrival Cities – Willkommensland Deutschland“ am Nachmittag hat sie dieses Thema bereits aufgegriffen, ebenso wie ihre Kollegen Peter Laudenbach nach ihr und Bernd Noack vor ihr. Das klare Verlangen mehrerer Jurymitglieder, die diesjährige Auswahl zu rechtfertigen und zu kontextualisieren, ist die erste Auffälligkeit dieser ersten eineinhalb Tage des Theatertreffens. Die zweite Auffälligkeit liegt in der Thematisierung des Blicks als potenziell von Schablonen, Assoziationen und Vorstellungen beeinflusstes und daher zu verhandelndes und gegebenenfalls zu veränderndes Instrument, wie beispielsweise bei den Ausführungen von Jens Hillje, Ko-Intendant des Maxim Gorki Theaters, während der Podiumsdiskussion „But Is That Art“. Und die dritte Auffälligkeit besteht in der Entscheidung, wie auch im letzten Jahr das Theatertreffen mit einem Stück zu beginnen, das sich zur Frage der Präsentation und Repräsentation von Flüchtlingen auf der Bühne mit einer starken Setzung verhält (im letzten Jahr Nicolas Stemanns „Die Schutzbefohlenen“ mit einem Chor aus tatsächlichen Flüchtlingen, in diesem Jahr Karin Beiers „Schiff der Träume“ mit einer Truppe aus fünf professionellen afrikanischen Performern und Tänzern). Noch ist es zu früh, um daraus Schlüsse zu ziehen. Nicht jedoch zu früh, um diese ersten zarten Linien zu registrieren. Quo vadis, Theatertreffen? Wir bleiben dran.

2 Kommentare

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