Palästinensisches Dorf unter Pointenbeschuss

Bühnenabbau "The Situation". Foto © Judith Buss

Scheu vor kompliziertem Stoff kann man ihr nicht vorwerfen: Die österreichisch-israelische Regisseurin Yael Ronen beschäftigt sich in „The Situation“ mit der politischen Lage des nahen Ostens, im Hebräischen oder Arabischen schlicht „The Situation“ genannt.

„Wer bist du?“, fragt Noa ihren Deutschlehrer. Rotzfrech und breitbeinig wie die ganze Inszenierung sitzt sie auf der Treppe. Ja, wer ist der unbeholfene Clown im gelben T-Shirt? Und wo sind wir hier eigentlich? In einer WG auf der Sonnenallee oder im Theater? Und geht’s hier wirklich um den Nahostkonflikt oder geht’s hier nur um gute Pointen?
Um eines kommt man nicht herum: Es macht verdammt Spaß. Da ist dieser schrecklich komplizierte, jahrtausendalte Nahostkonflikt, zu dem sich die Geschichte der Russlanddeutschen und, weil’s so schön ist, gleich auch noch der syrische Bürgerkrieg gesellen. Und was macht Yael Ronen? Schmeißt die Spiegel-Geschichte-Sonderausgabe in die Ecke und zückt das Wundermittel Humor hervor: Treffen sich sechs israelische, syrische und palästinensische Schauspieler in einem Deutschkurs in Neukölln.

Geschichten in verdauungsfreundlichen Häppchen

Hebräische, arabische, englische und deutsche Satzfetzen fliegen über die Bühne. Dazwischen steht der chronisch überforderte Deutschlehrer Stefan im gelben T-Shirt und möchte ganz simpel beginnen: Erst einmal die W-Fragen. Wer bist du? Was machst du? Wo kommst du her? Dabei geht es anfangs schon arg klamaukig zu („Wie ist dein Name, Noa?“). In Stefans Abendkurs im „palästinensischen Dorf Neukölln“ sitzen ein sich trennendes Ehepaar, bestehend aus der Isreaelin Noa und dem Palästinenser Amir, der Syrer Hamoudi, die vertriebene Palästinenserin Laila und der palästinensische Rapper und Parcourläufer Karim. Mit einer Ausdrucksweise, wie man sie gut auf der Bordsteinkante der Sonnenallee findet („Ficken dich!“), erzählen die Figuren nach und nach von ihrer Heimat und warum sie jetzt in Berlin sitzen.
Dabei präsentieren sie ihre Geschichten in für den deutschen Magen verdauungsfreundlichen Portionen. Syrien wird als Dreieck skizziert mit einem Strich durch die Mitte: Auf der einen Seite liegt der IS, auf der anderen Seite Al-Qaida.
Damit diese grausamen Schicksale nicht in eine Betroffenheitsstarre versetzen, münden sie fast immer in Pointen oder werden auf einen greifbaren Konflikt („Der Fake-Syrer darf im Bett schlafen und ich muss aufs Sofa?“) reduziert. Das wirkt zunächst ganz schön abgeklärt. Die Pointen funktionieren häufig über den Deutschlehrer Stefan, der wild gestikulierend zwischen den Figuren, und auch zwischen deren Geschichten und dem Publikum vermittelt. Das Klischee des naiven Deutschen in persona, der doch nur helfen will, und gegen dessen kleinbürgerliche Wohlstandsrealität Sätze wie „they asked me to cut head of a soldier from the regime” knallen. Ja, natürlich ist das absurd.

Wer spricht da eigentlich?

Aber dann reißt der (outfitbedingte) gelbe Faden. Stefan schüttelt theatralisch seine blonde Mähne, reißt sich die Brille vom Gesicht und verkündet mit einem tiefen Blick ins Publikum: „My real name isn’t Stefan. It’s Sergej.” Gott und Allah sei Dank! Denn der homosexuelle, verschmitzte Deutschlehrer ist eigenlich “a masterpiece of integration”. Er entledigt sich der klischeehaften Rolle des nervigen Gutmenschen, indem er in einem unglaublich langen Monolog erzählt, wie seine Familie 1985 aus Kasachstan übersiedelte. Dass dieser völlig undramatisch vorgetragene Text keine Sekunde langweilig wird, liegt zum einen an den fantastischen Details, wie dem Vater, der eine regelrechte Klau-Sucht hat, aber auch an der Frage, die spätestens an diesem Zeitpunkt des Abends zwischen den Zeilen auftaucht: Wer spricht da? Ist das wirklich ein wahnsinnig gut integrierter Russlanddeutscher? Ist Hamoudi wirklich ein syrischer Flüchtling? Wo ist eigentlich mein Programmzettel?

Anders als bei Yael Ronens letztem Stück “Common Ground” ist nicht mehr klar, ob die Schauspieler gerade ihre eigene Biografie oder eine fiktive Geschichte erzählen. Das ist letztlich erleichternd für die Inszenierung. Denn es ist nicht wichtig, ob das die wahre Geschichte des Schauspielers Dimitrij Schaad ist, der auch 1985 in Kasachstan geboren wurde. Sie könnte wahr sein, aber das Schöne ist: „The Situation” braucht diese Wahrheit gar nicht. Die Unklarheit schafft zwischen dem aufgeblasenen Kaktus und der Curry48-Imbissbude auf der Bühne Raum. Raum zum Lachen und zum Nachdenken. Raum für die Hoffnung, dass ein solcher Deutschkurs mit diesen tief verfeindeten Lagern doch funktionieren, aber auch Raum dafür, dass diese Theatersituation niemals Realität werden könnte. Auch wenn das Stück in dieser Uneindeutigkeit mit den Sätzen „There is still hope for us“ – „For sure not“ endet, entlässt es trotzdem und vor allem gut gelaunt.

The Situation
von Yael Ronen & Ensemble
Regie: Yael Ronen, Bühne: Tal Shacham, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi, Licht: Jens Krüger, Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Karim Daoud, Maryam, Abu Khaled, Orit Nahmias, Dimitrij Schaad, Yousef Sweid, Ayham Majid Agha.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

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