Pandas ohne Popcorn

"Der (vor)letzte Panda oder Die Statik" beim Stückemarkt. Foto (c) Piero Chiussi"Der (vor)letzte Panda oder Die Statik" beim Stückemarkt. Foto (c) Piero Chiussi

Dino Pešuts zum Stückemarkt eingeladener Text „Der (vor)letzte Panda oder Die Statik“ porträtiert eine kroatische „lost generation“. Unsere Autorin findet bloß: Nicht jeder, der 1990 in Sisak geboren wurde, hat automatisch etwas zu erzählen.

„JA zu heißen Typen“, „JA zum Ficken“, „JA zur Freiheit“! JA! Pandas sind süß. Und wie diese vier Pandas schwankend auf der (vor-)letzten Stufe der Treppe stehen, sich an den Händen halten und jugendlich-romantisch Ideale in die Nacht rufen, während im Hintergrund jugendlich-romantisch „Mr. Brightside“ von den Killers läuft, könnte süß sein. Pop ist ja auch süß.
Bloß, irgendwo unter oder über diesen süßen Idealen soll diese politische Dimension von Narrativen, äh Dimension politischer Narrative (oder Narrative von politischer Dimension?) stecken, von der auf dem Stückemarkt ständig die Rede ist. Nur: Weder von Pandas noch von Pop-Platten verlangt man diese…Dimension.

Die scheint in Dino Pešuts Stück erstmal in Sisak zu stecken (äh „Schischak, nein Schaschlik“ – ein Running Gag, dessen die vier Schauspieler nicht müde werden). Sisak ist eine Kleinstadt in Kroatien, aus der die vier Protagonisten Ana, Luka, Marin und Marija stammen. Die Vier erzählen collagenhaft aus ihrem Leben. Mal stehen sie auf dem Balkon ihrer Großmutter und fragen, ob der Krieg je enden wird, mal in der Schule und fragen sich aus Langeweile, ob sie jetzt den Feueralarm einschlagen sollen. Der Text zirkuliert zwischen verschiedenen Lebensphasen, und jede Knospe einer Szene wird mit einem Sprung in die Zukunft oder in die Vergangenheit wieder abgesäbelt. So bilden sich nur sehr mühsam echte Figuren. Statt ihrer kleben sich die vier Rollen einander klischeehafte Etiketten wie „klug und fickbar“, „Künstlerschwuchtel“ oder „frustrierte Mutter“ auf. Was aber entsteht, ist ein Satzhaufen einer gelangweilten postkommunistischen Generation. Bloß: Nicht jeder, der 1990 in Sisak geboren wurde, hat automatisch etwas zu erzählen.

Auch in Itzehoe wird in der Disko gefingert

Ana, Luka, Marin und Marija sprechen in ständigen Hypothesen von ihrer Zukunft in der neuen neoliberalen Welt. Sie reisen nach Paris und London, die eine wird klug und schön, die andere dreifache Mutter, einer ein schwuler Künstler, und der andere hat irgendwann ein wichtiges, aber langweiliges Amt inne. Rein hypothetisch könnten Ana, Luka, Marin und Marija wirklich scheitern zwischen dem Kriegs- und Nachkriegskroatien. Etwa so wie die Jungs in Clemens Meyers Roman „Als wir träumten“ im Verlierer-Leipzig zwischen DDR und BRD. Aber es bleibt bei der Hypothese. Was fehlt, sind eigene Geschichten. Der Satz „Gestern wurde ich in der Disko gefingert“ findet sich genauso in Itzehoe wie in Sisak. Die motivationslose Entscheidung zu einem weiteren unsinnigen Masterstudiengang treffen auch Jugendliche, die 1990 in Erlangen geboren wurden. „Wir werden hier übernachten, bis wir eine Geschichte haben, die wir später unseren Enkeln erzählen“, sagt Ana voller Erlebnisdurst. Ja, baby, one day we’ll be old. Das könnte auch Julia Engelmann nicht inhaltsreicher ausdrücken.

Wie die vier Schauspieler auf der Treppe sitzen mit schwarz umrandeten Pandaaugen und (relativ klassisch) den Text vorlesen, ist zwar unterhaltsam, die politische Dimension des Abends erschließt sich daraus aber nicht. Pešuts Coming-of-Age-Geschichte bleibt eine Klischeecollage und erzählt nichts wirklich Neues über die Probleme einer Generation, die mit aberhundert Möglichkeiten überfordert (bzw. verwöhnt) ist, die ihnen diese (un-)schöne neue Welt bietet. Der Abend könnte nach Popcorn schmecken, wäre er nicht mit zu viel Melancholie und Ernsthaftigkeit versalzen. Vielleicht wäre ein entschlossenes „JA zu Pandas“, „ JA zu Pop“ und „NEIN zum zwanghaften politischen Unterbau“ mutiger gewesen.

Der (vor)letzte Panda oder Die Statik
Von Dino Pešuts
Szenische Lesung
Einrichtung: Friederike Heller, Dramaturgie: Sonja Anders, Ausstattung: Maria Ebbinghaus
Mit: Lisa Hdrina, Luise Aschenbrenner, Tilman Straus, Christoph Gawenda

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