Pfeif auf Präsenz

Birgit Minichmayr im Sony Center

Wenn man sich gegenüber stellt, gegenüber des großen Bildschirms, des großen Screens, des großen Bruders, neben das Lokal „Lindenbräu“ und den zwei Rolltreppen, die aus dem Nichts kommen und nach unten rollen, immer nach unten, dann fängt man die Atmosphäre dieses geschlossenen Centers ganz gut ein. Wenn die Menschen vom äußeren Ring in den inneren Ring kommen und dem unwiderstehlichen Sog des Bildschirms nichts entgegensetzen können. Stelle einen Bildschirm auf, und alle schauen hin. Es geht gar nicht anders.

Caroline Peters

Caroline Peters schaut grimmig auf Eis essende Jungens

Dann sieht man ganz gut den Abwägungs- und Entscheidungsprozess in den Gesichtern der Passanten, in drei Stufen. Die ersten zwei sind bei allen gleich. Zuerst: Irritation. Irgendwas stimmt nicht, man bleibt stehen, wie ein wildes Tier, das noch nicht weiß, ob es davonlaufen soll oder zur Jagd ansetzen. Dann: Entspannung, freudige. Die Augen scannen die Umgebung und sehen sofort: Da leuchtet und bewegt sich was und man hört es auch, Menschen auf einem Screen! Und erst jetzt beginnen die Gehirnströme zu divergieren, beginnen die Reflexionsprozesse der verschiedenen Menschen und damit verschiedene Handlungsstränge, verschiedene Reaktionen auf diesen Eingriff in den Raum.

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Wer findet Borkman?

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Manche gucken kurz, sehen Birgit Minichmayr im Schnee umhertakeln und sind genervt, gehen weiter Richtung Kino oder Starbucks. Manche bleiben so lange stehen, bis das Wort Internet fällt, das Wort Facebook, und in ihren Gesichter sieht man die Erlösung, denn es wird klar, dass das, was man da sieht, irgendwas mit ihnen zu tun hat. Es gibt einen Knotenpunkt zwischen dem Faden ihres Lebens und dem Faden auf der Leinwand dort oben, und Knoten sind immer gut, Knoten sind Kontingenzgarantien und das ist beruhigend, weil Berührungen immer beruhigend sind. Viele von denen, die diesen Knoten gesehen haben, haben aber doch Hunger oder Durst oder sonst ein Bedürfnis zu stillen und setzen ihren Weg fort, mit einem leicht flackernden Blick. Sie haben etwas erlebt heute. Und manche freilich, von denen, die schon stehen geblieben sind, haben keine Bedürfnisse zu stillen, sondern gehen weiter in die Mitte des Centers, sehen die Liegestühle, zögern, und setzen sich zu den schon Anwesenden dazu wie zu einer geheimen Gruppe.

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Sie stellen dann Fragen an den Menschen im Nachbarliegestuhl, was das denn sei, und der Mensch im Nachbarliegestuhl sagt dann, er wisse es auch nicht, und dann fragen sie mich, und ich sage, ich weiß es auch nicht, weil ich gerne lüge. Einige holen dann irgendwann Stadtpläne raus und suchen den Weg zum Brandenbuger Tor, wo sie als nächstes hinwollen. Oder zum sogenannten Kulturforum. Zu diesem städteplanerischem Volldesaster, diesem schrecklichen Ort, der mit dem Museumsquartier in Wien in etwa so viel gemein hat wie ein Kaffeehaus mit einer Tiefgarage. Da ist die Kultur viel besser im Sony Center aufgehoben. An diesem Spiegelort, dem Glasort, wo alles glatt und rasiert ist, herrlich abwaschbar und unvertrackt, unsamtig, unverkrümelt. Also ist eigentlich alles so antitheatermäßig hier, vor allem natürlich wenn das Hauptargument, sich Theaterstücke anzusehen, nicht mehr zieht: die physische Präsenz der Menschen und die Einmaligkeit des Gesehenen.

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Medienkritisches Symbolbild

Ulrich Peltzer, „Teil der Lösung“ (2007), sogenannter Berlinroman, im „Sony Center“ betitelten Eingangskapitel:

„Sich tausendfach spiegelnd in den Fenstern des halbrunden Turms, der dem Atrium mit seinem Zeltdach zur Seite steht, sticht es in den Augen, wenn der interessierte Blick über die Fassaden schweift. Über die Kühnheiten einer vom Computer errechneten Statik, elektronische Fleißarbeit auf Siliziumchips. Fortwährend strömen Besucher der Piazza zu, der Hauptattraktion, wie es in einer an Hotelrezeptionen ausliegenden Broschüre heißt, schlendern am unterkühlten Foyer der sanoci-synthelabo vorbei, einer Dunkin’-Donuts-Filiale und einem Easy Internetcafé, knipsen noch einmal schnell in die sich Richtung Fernsehturm öffnende Straßenflucht hinein.“ (S. 15)

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Vielleicht geht man hierher, um dieser alles beherschenden deutschen Provinzialität zu entkommen, die ja auch in Berlin so drückend ist, vielleicht auch so besonders stark in Berlin, weil alle glauben, so kosmopolitisch zu sein. Man kann noch so amerikakritisch sein, noch so viele Donald Tump-Videos posten, um sich seiner Überlegenheit zu versichern, Amerika ist und bleibt das Zentrum dessen, was wir Popkultur nennen. Nicht Neukölln und nicht Club Mate. Ich war noch niemals in New York. Nach oben schauen und das Ende eines Wolkenkratzers sehen, das wär’s. Zumindest also eine Gemeinsamkeit zum Theater: Ein Sehnsuchtsort.

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