Poetisches Horroropus

Vorbereitungen im Haus des Horrors: "Tyrannis" vor der Premiere. Foto © Judith Buss.

„Ich möchte anders rausgehen, als ich reingegangen bin.“ Diesen fundamentalen Anspruch an gutes Theater stellte Michael Thalheimer noch am Samstag bei der Diskussion zum „Focus Arrival Cities“. Als unsere Kritikerin nach der Premiere von „Tyrannis“ die Seitenbühne verlässt, klingt das Vogelgezwitscher im Festspielgarten trügerisch, die Maisonne scheint zu grell, die Frühlingskulisse wirkt faul. „Tyrannis“ hat etwas verändert.

Das durchkomponierte Stück beginnt in dem Tempo, das es bis zum Ende behalten wird. In einer Partitur würde vielleicht Adagio stehen. Die 23 Grad warmen Sonnenstrahlen noch im Nacken blicken wir auf eine dunkle Bühne, an deren Seiten und in der Mitte Bildschirme hängen. Mit einer Gruselsoundkulisse startet das Spiel. Denn das ist die Kasseler Inszenierung „Tyrannis“ von Ersan  Mondtag auch: Die Figuren bewegen sich geradlinig durch das Puppenhaus, als würde der grüne Diamant aus dem Computerspiel „Sims“ oder ein unsichtbarer Mauscursor ihnen die Punkte angeben, die sie ansteuern müssen. In der ersten Stunde nimmt sich die Inszenierung Zeit. Wir hören: Hundebellen, Grillenzirpen, Eulenrufe, Krähenschreie (die immer wieder die Metamorphose zu Mädchenschreien eingehen), nach Sonnenaufgang dann schließlich Vogelgezwitscher. Wir riechen: Bratfett (es gibt Würstchen) und Zigarettenrauch. Wir sehen: Knallige David-Lynch-artige Tapeten und Parkettmuster, expressionistische Fratzen, eine 50er-Jahre-amerikanisch anmutende Kücheneinrichtung, überwachungskameraartige Bildübertragungen aus den Zimmern der Hausbewohner.

Und täglich grüßt der Horror

Die Handlung beschränkt sich in der ersten Stunde auf die intimen Details des routinierten patriachalischen Familienlebens: Mutter (Kate Strong), Vater (Enrique Keil), Tante (Eva-Maria Keller) und die zwei adoleszenten Kinder (Philipp Reinhardt und Jonas Grundner-Culemann) putzen sich aufgestellt in Reih und Glied die Zähne (sogar die Zahninnenseite!), kehren ihre Essensreste auf einen Teller zusammen, wir beobachten über eine Kamera den Vater in der Badewanne, die Mutter beim Zeittotschlagen im Schaukelstuhl, wie die Tante der adipösen und cholerischen Tochter beim Anziehen hilft. Gesprochen wird nicht, untereinander nicht und mit dem Publikum eh nicht. Sowieso kommt das gesamte Stück ohne Worte aus. Auch auf nonverbale Kommunikation verzichten die Figuren untereinander. Was sich auf der Bühne abspielt ist schon Horror, bevor das „Fremde“, der Terror für die Familie überhaupt auftaucht. Denn was stattfindet, ist ein von Tradition und Isolation beherrschtes Familienleben, das sich zäh und düster über die Bühne zieht.

Die Reset-Taste klemmt

Bis in der zweiten Hälfte dann doch was passiert: Das Fremde taucht auf in Gestalt einer dunkelhäutigen, amazonenhaften Frau (Sabrina Ceesay), die plötzlich vor der Verandatür steht, genau da, wo eben noch der Herr Vater mit Axt und Tannenbaum stand. Jetzt könnte man denken: Tagespolitischer könnte es gar nicht sein, da bricht etwas Fremdes in die rothaarige (europäische) Sippe ein und bringt die Tischordnung durcheinander. Aber das ist das Starke an der Inszenierung: Die Bedrohung bleibt vage und poetisch und verzichtet auf eine konkrete politthematische Zuordnung. Die Angst, die entsteht, entspinnt sich mit Ersan Mondtags ästhetischer Handschrift über das Spiel von Sehen und Nicht-Sehen, das über die „Überwachungsbilder“, aber auch über das Licht funktioniert, über die Musik von Max Andrezejewski, die mit Horrorsounds und traurigem Walzer die Emotionen der Figuren dirigiert, und über das Fortführen des Familienlebens, in das sich jedoch ein Virus eingeschlichen hat. Die Reset-Taste, die Tag an Tag in stiller Gleichförmigkeit aneinanderreihte, funktioniert nicht mehr richtig. Die Fremde sitzt plötzlich am Platz der Frau Mama, die sich im Wohnzimmer inzwischen verzweifelt einen hinter die Binde kippt. Als dann auch noch die jüngste Generation den Pakt mit dem Bösen eingeht und sich kichernd im Gästezimmer mit der schönen Amazone vergnügt, verabreichen Mutter und Tante den Kindern Gift.

Zum Schluss wandern die alle wieder lebendigen Figuren (denn in „Tyrannis“ haben die Charaktere mehrere Leben) zur Bühnenrampe. Es folgt ein krasser Lichtwechsel und plötzlich sind die Gesichter der präzisen Schauspieler ausgeleuchtet. Mit aufgemalten Augen auf den Lidern starren sie konzentriert ins Publikum, das zögerlich zu klatschen beginnt. Ist hier die Theatersituation aufgelöst? Kann sie überhaupt aufgelöst werden nach dieser Intensität? Wo befindet sich der Ausgang aus der Diegese? Er befindet sich am Vorhang, der sich als Schlussakkord schließt. Der anschließende Applaus aber wirkt immer noch befangen und ist für eine Premiere ungewöhnlich kurz. Draußen auf der Festspielterrasse steckt immer noch ein bisschen Puppenhaus in den Gliedern.

Tyrannis
Stückentwicklung von Ersan Mondtag
Inszenierung, Bühne und Kostüme: Ersan Mondtag
Komposition und Sounddesign: Max Andrzejewski
Dramaturgie: Thomaspeter Goergen
Video und Schnitt: Jonas Grundner-Culemann
Licht: Christian Franzen
Mit: Kate Strong, Eva-Maria Keller, Enrique Keil, Philipp Reinhardt, Jonas Grundner-Culemann, Sabrina Ceesay
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

http://www.staatstheater-kassel.de/

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