Über das TT-Blog 2016

Schiffbruch mit Nörgler*innen?

„Die meisten Theaterkritiker“, so hat es der Dramatiker Nis-Momme Stockmann im März bei einem Interview zu Protokoll gegeben, „sind Idioten.“ Beim Lesen hört man förmlich das Luftholen vor dem tödlichen Hieb: Idioten. Das sitzt tief und wird noch schlimmer durch den Nachsatz, dies gelte „nicht menschlich, sondern programmatisch und strukturell.“ Derart heftig ist dieser Zunft schon lange nicht mehr auf die Füße getreten worden. Stockmanns Furor zielt auf eine „geschmäcklerische“ und „bierlaunige“ Kritik, die ihr eigenes, dürftiges Handwerk nicht reflektiere und schließlich in nörgelndem Zynismus versinke. Am Ende steht: „Wir können keiner vom Aussterben bedrohten Kunstrichtung in die Transformation verhelfen, wenn wir sie öffentlich demontieren.“

Wer kritisch schreiben will, sollte sich die Stockmann’schen Anwürfe im einzelnen durchaus zu Herzen, seine Schlussfolgerung aber besser nicht zur Maxime nehmen. Denn Stockmann verfehlt das Wesen der Kritik, wenn er sie zur gemeinschaftlichen Therapie des vermeintlich siechen Theaterkörpers einspannen will. Die Kritik gewinnt das ihr Eigene hingegen nur dort, wo sie bereit ist, auch vermeintlich Unumstößliches im Modus von Argumentation und offener Reflexion zu hinterfragen. Die Liebe zum Theater und das Überzeugtsein von seiner fortdauernden Relevanz bilden da keine Ausnahme.

Produktive Ambivalenzen

Denn das Theater und seine Kritik sitzen zwar im selben, stark schwankenden Boot. Kritik muss jedoch bedeuten, auch im schweren Wellengang der immerzu ausgerufenen „Krise“ noch Fragen stellen, Grundsätzliches diskutieren und hart am Wind segeln zu wollen. Selbst auf die Gefahr hin, schließlich gemeinsam zu sinken. Wer stattdessen direkt zur Rettungsweste greift, verrät die Kritik an die Werbung und das Theater an den Ozean der Marktinteressen – auf dass es herausfische, wer immer es findet.

Deshalb ist es besonders, dass das Theatertreffen seit nun sieben Jahren mit dem Theatertreffen-Blog die kritische Reflexion über sich selbst öffentlich fördert. Für zweieinhalb Wochen werden die eingeladenen Blogger*innen so die produktive Ambivalenz aushalten dürfen, zwar mit „ins Boot“ und doch gleichzeitig auf Distanz gehen zu müssen. Wir wollen versuchen, dabei keine „Idiot*innen“ zu sein.

Janis El-Bira
Leitung Theatertreffen-Blog 2016
theatertreffen-blog[at]berlinerfestspiele.de