Wenn der Anker klemmt, kann man runtertauchen und ihn freiwurschteln

Bühne im Haus der Berliner Festspiele. Foto (c) Kordula Rüter

Die Wirklichkeit ist eingebrochen, und das ist toll. Manchmal aber kann das auch penetrant werden. Dann nämlich, wenn sich dieser Einbruch aus einer Überheblichkeit gegenüber den Anderen speist: Ihr könnt euch eh nur für das interessieren, was ihr kennt, also überfordere ich euch lieber mal nicht mit Phantasie und hole euch da ab, wo ihr seid. Ich stelle meinem Buch, Film, Theaterstück das berühmte „Beruht auf einer wahren Begebenheit“ voran und bewege mich also in dem eng umzäunten Ich-Gebiet des Vorhandenen. Alle sind beruhigt, denn Vorstellungskraft ist gefährlich.

Zeit-Literaturkritiker Ijoma Mangold lustwandelte auf der Leipziger Buchmesse und musste feststellen, dass der Autor gar nicht mehr tot ist, sondern lebt. Die Lesung der Autorin Johanna Adorján verleitet ihn zu dem Satz: „Es ist neurologisch unmöglich, Johanna Adorjáns Roman ‚Geteiltes Vergnügen‘ über eine heftig unselige Liebe zu lesen, ohne sich zu fragen: Wie autobiografisch ist das wohl?“ Hier muss man sich wohl eher über Ijoma Mangolds Gehirn Gedanken machen als über das Buch. Als könnte man sich eine Liebesgeschichte nicht auch ausdenken.

Alles muss verbürgt sein. Was, wenn nicht? Wenn die Geschichte auf einmal abhebt? Aber das ist jetzt zu romantisch. Im Theater lässt sich die Geschichte gut durch die Biografien der Schauspieler verankern. Mal nehmen mit dem Authentizitäts-Faktor. Das ist ja voll echt! Da wird eigentlich jeder für dumm verkauft, Schauspieler wie Zuschauer. Dass das bei Yael Ronen trotzdem gut geht, liegt vielleicht daran, dass ab und zu etwas zu schillern beginnt. Dass die Unsicherheit eben doch kurz durchbricht. Interessant, dass gerade ein Dramatiker ein so schwebendes Buch  geschrieben hat, in dem die produktive Einbildungskraft über die Ufer tritt und mich beinahe auflöst. Wobei: Am Anfang von „Der Fuchs“ von Nis-Momme Stockmann (Ich bin noch nicht sehr weit gekommen) gibt es eine Szene aus der Kindheit des Protagonisten, er möchte mit seinen Freunden Piraten spielen. Sollte Stockmann auf dem Theatertreffen auftauchen, werde ich ihn fragen, ob er auch als Kind immer Piraten gespielt hat. Bestimmt. Wie sonst sollte er auf so eine Idee kommen?

Kategorie Kommentar & Debatte
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Autor

Xaver von Cranach

Studiert Literaturwissenschaft. Er schreibt u.a. für das Literaturkritik-Blog tausendmrd und Spike Art Magazine

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