Reisen zu vergessenen Erinnerungsorten

Eine ganze Bühne Plastikstühle: „Fin de mission“. Foto (c) Stephan Glagla.

„Fin de Mission“, ein Gastspiel im Rahmen von Shifting Perspectives, präsentierte eine deutsch-kamerunische Überschreibung von Heiner Müllers „Der Auftrag“ – zum Gedächtnis der Sklaverei.

Es wird bis eine Minute vor Beginn geprobt. Zeit ist begrenzt, sie muss genutzt werden. Vor allem in der Aufmerksamkeitsökonomie dieses „Shifting Perspectives“-Wochenendes. Zeit also für eine Cola und Grundsätzliches. „Fin de Mission / Ohne Auftrag leben“ ist eine Zusammenarbeit des kainkollektiv aus Bochum und OTHNI, einem Kollektiv aus Yaoundé in Kamerum in Kooperation mit dem Internationalen Koproduktionsfonds des Goethe-Instituts. Die Überschreibung von Heiner Müllers „Der Auftrag“ ist die zweite Zusammenarbeit der beiden Kollektive. „Die erste deutsch-kamerunische OPER(ATION) zum Gedächtnis der Sklaverei“ klingt nach schwerer Kost. Ist es auch, aber Spaß macht es trotzdem.

Den Zuschauer empfangen beim Betreten des Bühnenraums sechs Türme auf bunten Plastikstühlen und eine Band (Gitarren, Percussion, Laptop). Im Hintergrund eine Leinwand. Es beginnt mit Händel vom Band und Blitzlicht. Die sechs Performer*innen schreittanzen zu der barocken Musik in annähernd barocken Kostümen aus afrikanischen Stoffen. Während das Ensemble weiter tanzt, clubartig, erzählt die Performerin Kerstin Pohle nicht nur, dass das, was man höre die „Wassermusik“ von Händel sei, sondern auch, dass Händel Mitinvestor der „Royal African Company“ war. Am Handel mit Sklaven beteiligt. „Sklavenhändel nannten sie ihn“, beendet sie und wird von afrikanischen Beats der Band abgelöst. Zwei der drei kamerunischen Performer beginnen zu tanzen bis in den Zuschauerraum hinein.

Koloniales Seemannsgarn

Darum geht es also: Eine Gleichzeitigkeit und ein Sich-Bedingen noch vor der Erkenntnis, dass Kulturen und geschichtliche Ereignisse nicht isoliert betrachtet werden können: Traum und Trauma. Die erste Oper von Monteverdi findet zeitgleich mit dem Ablegen des ersten Sklavenschiffs statt. „Constructing truth.“ Eine Dreiecksgeschichte der Kulturen. Diesen Versuch der Gleichzeitigkeit und des Zusammenhangs versucht die Performance nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch. In immer wieder neuen ästhetisch-medialen wie inhaltlichen Konstellationen werden die Zusammenhänge der Geschichte sowie die Bedingungen der Performance Stück für Stück aufgeschlüsselt. Es werden Elemente der europäischen und der afrikanischen Kultur miteinander verwoben. Oper, gesungen von Sopranistin Kerstin Pohle, mit Toten- und Klageliedern, gesungen von Madeleine Pélagie Nga Alima. Es wäre eine Einladung zum Tanzen, wenn nicht noch die Frage von David Guy Kono „Qui est responsable?“ unter atmosphärischer Musik der Band an das Publikum im Raum stünde. Er und Edith Voges Nana Tchuinang sitzen als Richter auf zwei Plastikstuhltürmen. Das Publikum bleibt still. Die Geschichte der Sklaverei wird verschnitten mit europäischer Geschichte, blutrote Handelsrouten auf der Videoleinwand. Es wird eine Linie von Papst Nikolaus V.Ludwig XIV. bis zu Angela Merkels „Bekämpfung der Fluchtursachen“ gezogen. Shakespeares Sturm ist koloniales Seemannsgarn. Ein Gottesdienst der Mythen. Ein Ab- und immer wieder Aufbauen der Türme und Mauern aus Plastikstühlen. Dem Publikum wird die eigene tägliche Reproduktion des Kolonialismus vor Augen geführt.

Es ist eindrücklich. Aber die Eindrücke verschwimmen. Es passiert viel gleichzeitig. Sprachfetzen, Bilder, Musik, Körper. Eine taxierte Überforderung. Es geht um viel. Aber die stillen Momente wirken dringlicher. Etwa wenn die Geschichte der Reise des Kollektivs nach Kamerun erzählt wird. Der Abend könnte sich auf seine Geschichte verlassen.

Louis XIV. in Touri-Shorts

Eine Reise an einen vergessenen Ort: Manoka, die Sklaveninsel. Ein ehemaliger Sklavenhafen. Die Geschichte eines Ortes als Allegorie. Wo die Ruine eines von Bäumen zurückeroberten deutschen Wachturms aus dem Ersten Weltkrieg steht. Der Abend ist ein Versuch von Erfahrbarmachung und Selbstreflexion. Es ist eine emotionale Aneignung von Geschichte. Der Abend ist aber auch der Versuch einer Auflösung von Schuld. Antoine Effroy entschuldigt sich als Ludwig XIV. in Touri-Shorts vor den beiden Richtern. Es wird ein Opfer gefordert. Dieses Opfer ist die Reise an den Ursprung. Die Geschichte einer Reise als Ritual. Sie wird in Schilderungen der Teilnehmer und Videos erzählt und in die tänzerisch-musikalische Performance, die versucht Gesten und Haltungen zu finden, geflochten. Die Schilderungen und Bilder der fast mysthischen Reise von Nimbia nach Manoka mit dem Boot sind mit Pathos aufgeladen. Aber darum geht es: um echte Emotionen, Freude und Wut, die man den Performer auf der Bühne, allen voran David Guy Kono, anmerkt. Eine Performance, die die eigene Geschichte und Produktionsbedingungen reflektiert – zum Beispiel die Geschichte hinter den Plastikstühlen, die von China für Kamerun „extra brennbar und brechbar“ produziert und extra aus Kamerun importiert wurden; was drei Monate dauerte – und damit auch die nachhallende Geschichte der Sklaverei, des Kolonialismus in Kamerun erzählt.

Alles endet mit einem Rituallied und Tanz; nicht mit der klassischen Tragödie in europäischer Manier. „A dance for the living“, sagt Fabian Lettow im Artist Talk. Die Performance ist vor allem Aufklärung, aus afrikanischer und europäischer Perspektive gleichermaßen. Aber: „Kamerun kennt Europa besser als Europa Kamerun und Kamerun sich selbst“, sagt Kono im Anschluss. Die Aufarbeitung des Kolonialismus wird in Kamerun von offiziellen Stellen nicht aktiv vorangetrieben, ein „cultural lack“, das zu füllen versucht wird. Auch mit der Premiere diesen Herbst in Yaoundé. 

Am Ende stehen standing ovations und der Wunsch eines Zuschauers aus Benin die Performance auch dorthin zu bringen. Wenn Theater es schafft, eine solch nachdrückliche Wirkung zu entfalten, dann fällt die Kritik um ästhetische Doppelungen, Überfrachtung und zuweilen Vereinfachung nicht mehr ins Gewicht. Der Abend kommt dabei vollkommen ohne unnötige Intellektualisierung des aufgeladenen Themas aus. Er vergisst nie die Freude an sich selbst. Und das ist am „Shifting Perspectives“-Wochenende sehr erfrischend.

 

Fin de Mission – ohne Auftrag leben
Die erste deutsch-kamerunische Oper(ation) zum Gedächtnis der Sklaverei

Konzept und Inszenierung: Fabian Lettow und Mirjam Schmuck (kainkollektiv), Martin Ambara (OTHNI), Video: sputnic (Voges), Bühne: herrwolke, Kostüm: Alexandra Tivig, künstlerische Mitarbeit: Kathrin Ebmeier, Produktionsleitung: Mina Novakova,
Von und mit: Antoine Efroy, Catherine Jodoin, David Guy Kono, Carsten Langer, Madeleine Pélagie Nga Alima, Rasmus Nordholt-Frieling, Kerstin Pohle, Edith Voges Nana Tchuinang, Jean Calvin Yugye.
Dauer: 1 Stunde, 45 Minuten, keine Pause

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.