Hören Sie Ihr Bauchgefühl?

Künstlerische Intervention beim Theatertreffen Text von Katharina AlsenFoto (c) Katharina Alsen.

Ein Pausenfüller mit Nachwirkung: Unsere Autorin über fünf Minuten einer künstlerischen Intervention, die sie mehr beeindruckten als mancher Drei-Stunden-Abend.

KONTRASTMITTEL prangt in Versalien auf den grünen und braunen Plastikflaschen. Die Etiketten werfen Falten. Routiniert greife ich nach der alkoholfreien Version, lasse mir von der hilfsbereiten Ärztin hinter dem Tresen ein Glas mit viel Kohlensäure einschenken. Halbvoll reicht, schließlich ist es nicht mein erstes.

Fast hätte ich den Informationsstand des „Instituts für gastro-akustische Psychologie“ übersehen, der sich im Unteren Foyer des Festspielhauses zwischen Garderobe und überlebensgroßen Monitoren verbirgt. Vor Ort wird interagiert ohne Ende, künstlerische Interventionen verlaufen zeitlich und räumlich parallel, formen unwillkürlich ein Wimmelbild zwischenmenschlicher Wechselwirkungen. Links von mir legt sich eine Dame mit Kopfhörern armkreisend auf den Boden (aha, LIGNA), rechts von mir höre ich eine Schimpftirade des personifizierten „Wutbürgers“ vom Band (tja, Grünberger und Lutz).

Skala der Selbsteinschätzung von 0 bis 9

Für die Anmeldung zur persönlichen „gastro-akustischen Visite“ soll ich einen Fragebogen ausfüllen. Neun Reflexionen über kulinarische, emotionale und sportliche Lebensweisen werden verlangt: Lebe ich vegan? Wenn nein, wie viele Eier und Milchprodukte nehme ich zu mir? Trinke ich Kaffee? Bin ich ein sinnlicher Mensch? Vertraue ich bei Entscheidungen meinem Bauchgefühl? Die Skala der Selbsteinschätzung reicht von 0 bis 9 – Multiple-Choice für Fortgeschrittene.

Anamnese absolviert. Meine Antworten bewegen sich zumindest subjektiv am Rande der Ehrlichkeit. Neben der Patientennummer 239 erhalte ich die Direktive, vorab reichlich Mineralwasser (wahlweise Bier) zu trinken, um die Hörbarmachung meiner Körpermitte einzuleiten. Nur durch die Einnahme von Kontrastmitteln können die später angewandten tongebenden Verfahren gelingen. Das Ziel: ein einzigartiges Echogramm.

Mein Termin zur Stippvisite ist eine Stunde später angesetzt. Im streng getakteten Zeitplan des Abends wurde mir, wie allen anderen, ein Fünf-Minuten-Slot zugeordnet. Der Puls schlägt behände, Fragen geistern durch den Kopf, doch weitere Auskünfte sind der Assistenzärztin im mimetisch einwandfrei weißen Kittel nicht zu entlocken. Okay, dann ab zur Podiumsdiskussion, die nebenan im Camp der Festspiele schon begonnen hat. Irgendwie will die Zeit bis zum Termin ja überbrückt werden. Alle Viertelstunde ein verhohlener Blick auf die Uhr, alle zehn Minuten ein Schluck Mineralwasser, noch einer und noch einer. Bloß nicht zu spät kommen.

Minimal-Techno goes Biopolitics

21.30 Uhr. Auf eine halbe Minute genau werde ich in den Backstage-Bereich des Festspielhauses geführt, schließlich in ein schmales Behandlungszimmer mit abgelebter Liege, Beistelltisch und Computer gebracht. Vor mir ein Arzt (Sebastian Hanusa), hinter mir Sicherheitspersonal, das vor der Zimmertür weilt. – Sicherheitspersonal? Ja, man staune. Unklar bleibt, ob „Patient 239“ als potenzielle Gefährdung eingestuft wird, die Gefahr von ganz außen lauert – oder es sich bloß um gesetzliche Sicherheitsvorschriften handelt.

Der Arzt und ich sind allein im Raum. Nervosität. Behandlungsauftrag angetreten. Berufsbedingte Gesprächsasymmetrie. Er hält ein (gleichsam abgelebtes) Ultraschallgerät in den Händen, ich verstreiche Kühlungsgel auf meinem Bauch, er erläutert die kuriose Technik des Kommenden: Die Zahlenreihe meines Anamnesebogens wird in ein Soundprogramm übertragen, legt dadurch meine individuellen Intensitäten, Tonhöhen und -tiefen fest. In Korrelation mit den sonographisch zu erfassenden Klängen meiner Körpermitte (Kohlensäure sei Dank!) entfaltet sich sodann eine digital rhythmisierte Tonfolge. Schallwellen transformiert in ein MP3 des singulären Bauchgefühls: Minimal-Techno goes Biopolitics. 

Personalisierter Magen-Track der Autorin: 239magen.wav 

Zugegeben, man könnte hier mit der Theoriekeule kommen: Interaktives Theater und der anhaltende Trend zu Eins-zu-Eins-Begegnungen werden aufgerufen. Man könnte, muss aber nicht. Man kann die Performance auch einfach in ihrer sinnlichen und konzeptionellen Konkretheit stehen lassen, wie sie war: nämlich ganz nah, zugleich befremdlich. Minimalistisch, ebenso detailverliebt. Ein Pausenfüller, aber mit Nachwirkung. Diagnose: Ziemlich brillant.

Den Rest des Abends laufe ich mit klebrigem Bauch und einem erstaunten Lächeln umher. Therapie geglückt.

 

Klang der Körpermitte
Von Sebastian Hanusa

Performance für eine Person
Künstlerische Intervention
In deutscher und englischer Sprache
Dauer: 5 Minuten

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