Die Krise der Kritik

v. l.: Die Moderatorin Christina Tilmann, der Theaterkritiker Till Briegleb, die Musikkritikerin Julia Spinola und die Regisseure Florian Lutz und Armin Petras. Foto (c) Piero Chiussi.

Was kann eine gut gesetzte Theaterkritik wirken? Darüber diskutierten am Dienstag zwei Berufskritiker mit zwei Regisseuren. Eine kuriose Veranstaltung.

Beim Theatertreffen hat eine Diskussion mit dem Titel „Ein durch und durch jämmerliches Stück“ stattgefunden. Sie bezog sich damit auf ein Zitat aus einer gewissen Kritik, die eine gewisse Kritikerin in einer gewissen überregionalen Wochenzeitung veröffentlichte. In dieser bezichtigte sie eine gewisse Operninszenierung einer gewissen Ästhetik, die sie den männlichen Machern mit einer gewissen sexuellen Orientierung zu Lasten legte. Daraufhin reagierte wiederum ein gewisser Intendant mit einem offenen Brief. Soviel zur Vorgeschichte, über die man nichts Genaueres erfuhr, über die aber alle Anwesenden Bescheid wussten.

Es wird viel zu viel über Theater geschrieben

Jedenfalls: Es gab jüngst eine Häufung von Kritiken, die ein öffentliches Nachspiel hatten. Was also ist los mit dem sich verändernden Verhältnis zwischen Künstlern und Kritik? Dies zu klären war man am Dienstagnachmittag in der Kassenhalle zusammen gekommen – und das Podium war durchaus prominent besetzt.

Florian Lutz ist Intendant der Oper Halle und werde gerade von der Lokalpresse zerrissen, sagt die Moderatorin Christina Tilmann. Florian Lutz stellt das klar und sagt, er werde überhaupt nicht von der Lokalpresse zerrissen. Armin Petras, Intendant des Staatstheaters Stuttgart, bedauert es, dass die philosophisch-inhaltliche Auseinandersetzung in der Kritik immer mehr abhanden käme. Till Briegleb macht als Mitglied der TT-Jury deutlich: „Überheblichkeit ist das Ende einer seriösen Kritik.“ Die Musikkritikerin Julia Spinola findet, die Kritik müsse sich mehr öffnen. Ob die Medien nicht selbst schuld seien an der Krise der Kritik, will die Moderatorin wissen. Briegleb meint, er wisse nicht, wo die überhaupt sein sollte, die Krise der Kritik. Es würde viel zu viel geschrieben. Petras widerspricht, jeder Buchstabe sei wichtig. Lutz mag es, wenn in Kritiken so richtig draufgeschlagen werde. Petras träumt, die Kritik sei ein starker, funkelnder Spiegel. „Aber die beidseitige Entfremdung…?“, versucht die Moderatorin, das Thema wieder einzufangen. „Kritik beinhaltet immer das Moment der Kränkung“, warnt Briegleb.

Die Formel zur Kritik?

Wie es weitergehen solle? Die Frage steht im Raum. Zum Glück springt TT-Jurymitglied Christian Rakow, im Publikum sitzend, helfend zur Seite. Es gebe, erläutert er zur allgemeinen Erleichterung, im Schreiben einer Kritik rein handwerklich fünf Stufen: Beschreiben, Analysieren, Interpretieren, Urteilen und Begeistern. Nach diesem Einwurf fordert Armin Petras einen Theaterkongress, in dem man mal so richtig über all das reden könne. Doch da war die Diskussionszeit bereits gnädig verronnen.

Kategorie Kommentar & Debatte
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Autor*in

Eva Marburg

Freie Dramaturgin, Autorin und Journalistin, Berlin. Studierte Theater- und Literaturwissenschaft in Berlin und New York und arbeitet neben ihrer dramaturgischen Tätigkeit als freischaffende Dozentin für Kulturgeschichte. Gegenwärtig studiert sie zudem Kulturjournalismus (MA) an der Universität der Künste Berlin.

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