Diese Themen müssen verhandelbar bleiben

Die Regisseurin Claudia Bauer. Foto (c) Staatsschauspiel Hannover.

Nach der zweiten Vorstellung von „89/90“ berichteten wir, dass es gegenüber der Theatertreffen-Premiere Änderungen am Text gegeben hatte, die vor allem die Verwendung des N-Worts betrafen. Nun bezieht die Regisseurin Claudia Bauer Stellung zu den Hintergründen.

Kurz vor der zweiten Vorstellung von „89/90“ beim Theatertreffen am Montag Abend erging von Seiten der Leitung der Berliner Festspiele die Ansage an mein Team und mich, die besagte Szene der Inszenierung für die heutige Aufführung um 19.30 Uhr zu ändern. Angesichts der Kürze der Zeit haben wir dieser Ansage entsprochen. Mein Team und ich haben dies auf eine Art und Weise getan, die wir halbwegs vertreten konnten, jedoch ohne wirkliche innere Überzeugung. Unser Stück „89/90“, sowie der Roman von Peter Richter sind vor allem eine Erzählung über den aufkeimenden Rechtsextremismus in der zusammenbrechenden DDR, bis hin zu den Gewaltausbrüchen im Jahr 1990.

Wir beleuchten die Wurzeln einer beängstigenden Entwicklung, mit der wir uns heute in einer ungeahnten Dimension konfrontiert sehen. In einer Narration wie dieser treten natürlicherweise rassistische Figuren auf, die sich verletzend und anstößig äußern. All diese Äußerungen werden aber im Roman, sowie im Stück „89/90“ klar kontextualisiert. Wir haben uns der Überzeugung der Leitung der Berliner Festspiele gebeugt, dass vor allem das N-Wort in welchem Kontext auch immer Rassismus reproduzieren würde.
Claudia Bauer und ihr Team verbleiben mit besten Grüßen und dem dringenden Anliegen, dass trotz nötiger Sensibilisierung Themen wie in „89/90“ auf der Bühne verhandelbar bleiben müssen. Und zwar in aller gebotenen Deutlichkeit.

Anm. der Redaktion:
Die Berliner Festspiele zogen es auf unsere Nachfrage hin nach längerer Abwägung vor, sich in dieser Angelegenheit öffentlich nicht weiter zu äußern.

3 Kommentare

  1. Schade, dass Sie sich ohne innere Überzeugung gebeugt haben. Viel schlimmer finde ich jedoch, dass die Festspielleitung nun auch noch als Zensor fungiert, sich kleinlaut aus der Verantwortung zieht und stattdessen Sie vorschickt. Das ist eine unnötig Bevormundung und tatsächlich ein Eingriff in Ihre künstlerische Freiheit.

  2. Rolf Kemnitzer

    Irgendwann werden wir einen Hitler auf der Bühne haben, der sich politisch korrekt ausdrückt. Und warum? Scheinbar sind wir im Begriff, den Sinn für Spiel insgesamt zu verlieren und die Dinge nur noch eins zu eins zu betrachten. Ein Postdramatisierungseffekt. In den Sophiensälen hat das N-Wort bereits zur Absetzung einer Produktion geführt. Und alle beugen sich, alle haben Angst. Man stellt sich nicht einmal mehr der Diskussion.

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