Du bist ein Symptom der Krise

Szene aus „Die Vernichtung“. Foto (c) Birgit Hupfeld.

Jawohl, die Welt ist schlecht. Aber sollten das nicht inzwischen alle kapiert haben? Unsere Autorin erlebte bei Ersan Mondtags „Die Vernichtung“ eine bedenklich schlichte Degenerationserzählung.

Es gibt Theaterabende, die sind so dürftig, dass man es gar nicht glauben kann. „Die Vernichtung“, ist einer davon. Dabei fängt alles sehr nett an. Elf Scheinwerfer, die halbhoch vorne am Bühnenrand hängen, blinken kurz ein Begrüßungslicht in das Publikum und werden danach wie ein Vorhang hochgezogen: Das Theater schlägt die Augen auf. Gelächter im Zuschauerraum. Danach kommt so viel Nebel, dass man glaubt, gleich werde der Nibelungenschatz verteilt. Dazu erklingt auch noch das Deutsche Requiem von Brahms. Deutsche Überwältigungsästhetik. Man hofft, dass es in diesem Humor so schön weitergeht. Hinten wird eine Art Kirchenportal im Nebel undeutlich sichtbar, vier Gestalten tapsen in bemalten Ganzkörperanzügen unbeholfen hinein. Göttlicher Lichtkegel von oben, immer noch Nebel. Dort stehen sie lange wie erstarrt, die Erdlinge, sehen aus wie Frankensteins Kinder aus einem Ernst-Ludwig-Kirchner-Versteigerungskatalog, lugen ungläubig in die Welt hinaus.

Hemmungslose Freude am Herumballern

Ersan Mondtag, das hat man schon nach diesen ersten zehn Minuten kapiert, hat offenbar Lust, die Theatermaschinerie zu bedienen und tut das mit hemmungsloser Freude am Herumballern mit Effekten. Die Messlatte der Erwartungen hängt also gerade ziemlich hoch, als der Horror des Abends einsetzt und das ist der Text von Olga Bach.

In lose aufeinander folgenden Dialogszenen werden dem ach so ahnungslosen Zuschauer jetzt mal knallhart die Realitäten der Thirtysomethings vorerzählt. Es geht um zunehmende emotionale Erkaltung (sie ertränken einen Welpen), um die Leistungsgesellschaft (es gibt einen Dialog unter Managern), um den Körperkult („Machst du Sport?“), um enthemmten Drogenkonsum („Was ist denn jetzt mit den Drogen?“), um Langeweile („Wie langweilig!“), um die Erniedrigung der Frau („Wenn sie so drauf ist, kann man sie gut ficken.“) und sogar um die gesellschaftlichen Zwänge („Du bist gar nicht frei.“). Die Liste ließe sich in diesem Stil lange fortsetzen. Sie stellt das naivste Sammelsurium der simpelsten Erkenntnisse über allgemeinste kulturelle Problemfelder dar (vielleicht noch nicht einmal das) und schockt durch ihre haarsträubende Banalität und himmelschreiende Langeweile.

Allzu bekannte Degenerationserzählung

Die Dialoge spielen sich ab in einem künstlichen Garten Eden, in dem die Angemalten, den Text sinnlos durchheizend, verschiedene Posen und Haltungen durchexerzieren: Kampfsport, athletische Übungen, Sexstellungen. Kultur als Kampfschauplatz im entnaturalisierten Fake-Milieu. Es ist ein Abgesang, der hier erzählt wird und er kommt mit einem merkwürdigen Bedrohungsgestus daher. Mahnend will der Abend offenbar vorführen, wie schlimm es um den Menschen bestellt ist. Das ist ziemlich bieder und auch reaktionär.

Bedenklich ist, dass Theater sich hier in eine allzu bekannte Degenerationserzählung einreiht, die man beunruhigender Weise aus ganz anderen Zusammenhängen kennt. Dass Theater oft die Tendenz hat, wichtigtuerisch vor Augen führen zu wollen, was sowieso allen klar ist, ist das eine. Dass es aber scheinbar nichts anderes anzubieten hat, als minderwertige Untergangsphantasien mit aufklärerischem Pathos auf die Bühne zu hieven, ist etwas anderes. Etwas, worüber man sich durchaus Sorgen machen muss. Einmal heißt es im Text: „Du bist ein Symptom der Krise.“ Wenn man an diesem Abend auf die Bühne sieht, kann man dem nur zustimmen.

 

Die Vernichtung
von Olga Bach und Ersan Mondtag
Text: Olga Bach, Regie, Bühne & Kostüme: Ersan Mondtag, Mitarbeit Bühne & Kostüme: Paula Weltmann, Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy, Licht: Rainer Casper & Rolf Lehmann.
Mit: Deleila Piasko, Jonas Grundner-Culemann, Lukas Hupfeld, Sebastian Schneider
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.konzerttheaterbern.ch

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