Ein Vertrag als Klangrede

„EPA Turned into Music“. Foto (c) Agnieszka Krzeminska.

Das Economic Partnership Agreement zwischen der EU und ehemaligen Kolonien als Gegenstand eines Konzerts? Eindrückliches von der Hinterbühne.

Freitag, 17 Uhr. An jeder Ecke finden künstlerische Interventionen (was ist daran eigentlich intervenierend?) statt, Besucher*innen hasten, den Programmflyer in der Hand, durch das Foyer. Mit ca. 20 weiteren Menschen wurde ich auf die Hinterbühne begleitet. Der Beginn des Lecture-Konzerts verzögert sich, da „nebenan noch eine andere Veranstaltung läuft“.

Aufmerksamkeit ist eine wertvolle Ressource. An diesem Theatertreffen-Wochenende können wir es miterleben: Die Fülle der Veranstaltungen ist kaum überschaubar, einige Besucher*innen entscheiden sich letztlich für die Hollywoodschaukel im Garten, während Performances vor ein oder zwei Leuten stattfinden. Das Nachdenken über Aufmerksamkeit war auch der Auslöser für die deutsch-kenianische Koproduktion „EPA Turned into Music“: Es ist schwer, Aufmerksamkeit zu gewinnen und bei einer stundenlangen Dokumentation schalten sowieso die meisten ab. Deswegen haben Schlagzeuger und Produzent Sven Kacirek und der kenianische Musiker Daniel “Mbutch” Muhuni beschlossen, Informationen über das EPA (Economic Partnership Agreement) in Musik zu verpacken und so einem breiteren Publikum einen Zugang zu verschaffen.

Im EPA, welches seit 2008 zwischen der EU und den AKP-Staaten (ehemalige europäische Kolonien in Afrika, der Karibik und im Südpazifik) ausgehandelt wurde, ist das Ziel festgeschrieben, die lokalen Märkte der ostafrikanischen Länder für EU-Güter zu öffnen. Im Klartext heißt das, dass Regionen, welche durch die Kolonialmächte jahrhundertelang ausgebeutet wurden, nun ihren Markt für Produkte aus eben diesen zugänglich machen sollen. Eine Information, die mich schockt, die ich so hinnehme, die ich nachlesen kann. Die Auswirkungen auf die persönliche Geschichte der Rosenpflückerin aus Naivasha steht sonst nirgendwo und deswegen hat sie meine Aufmerksamkeit.

Diversität abgehakt?

Das Konzept von EPA Turned into Music ist so einfach wie schön: Die beiden Musiker sind auf der Bühne mit ihrem jeweiligen akustischen Instrumentarium, Verstärkern sowie Effektgeräten und einem Mischpult. Über ihnen an der Leinwand laufen Videoaufnahmen von Interviews mit kenianischen Kleinbauern und -bäuerinnen, welche über ihre Lebensumstände und die Verbindung zum EPA sprechen. Tonspuren aus den Interviews werden aufgegriffen und geloopt, darunter legt sich ein Klangteppich aus akustischen und elektronischen Klängen. Dass es besonders dem deutschsprachigen Publikum schwer fällt, die Informationen aus den musikalisch verarbeiteten Interviews zu ziehen, wird im anschließenden Künstlergespräch thematisiert. Das Projekt ist prozesshaft, die beiden Künstler sind an der Meinung des Publikums interessiert. In den nächsten Monaten geht es dann ins Tonstudio.

Gefördert wird das Projekt vom Internationalen Kooperationsfond des Goethe-Instituts. Es ist gut, dass Gelder für derartige Kooperationen zur Verfügung stehen; es ist auch gut, wenn Projekten wie diesem eine Plattform geboten wird. Trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack. Das räumliche Gefühl auf der Hinterbühne fühlt sich buchstäblich nach Marginalisierung an. Habe ich soeben einen jener Abende besucht, nach dessen Einladung die Zuständigen bei den Berliner Festspielen fröhlich einen Haken hinter den allfälligen Stichpunkt „Diversität“ gesetzt haben?

 

EPA Turned into Music
Research-Lecture-Concert
(Work-in-Progress)
Konzept, Musik und Inszenierung: Daniel Mburu Muhuni (Kenia); Sven Kacirek (Deutschland)
Video: Agnieszka Krzeminska (Polen/Deutschland)
Dauer 1h, keine Pause
Artist Talk im Anschluss an die Vorstellung
Moderation: Christina Tilmann

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