Die Erinnerungsarbeit einer Lesung

Das Ensemble des „Schimmelreiters“ beim Nachgespräch. Foto (c) Piero Chiussi.

Die szenische „Schimmelreiter“-Lesung am Dienstag bot auch Anlass, über die Grenzen des Theaters nachzudenken. Unsere Autorin sprach mit dem Ensemble.

TT-Blog: Was ist das denn für ein spielerischer Vorgang, wenn man schon eine ganze Inszenierung erarbeitet hat und dann sozusagen zu einer Lesung zurückkehrt? Wie lässt sich das beschreiben, was ist da der Unterschied?

Birte Schnöink: Man kann es, würde ich sagen, erstmal überhaupt nicht vergleichen. Man kann die Inszenierung ja nicht irgendwie ersetzen, weil natürlich auch die Figur des Hauke Haien fehlt, der im Abend ja sehr im Zentrum steht. Und jetzt war es einfach unser Wunsch, das Thema und die Geschichte kollektiv in den Raum zu bringen. Das war die Arbeit der Lesung, so habe ich das empfunden.

Rafael Stachowiak: Ich habe es gar nicht als Lesung empfunden, aber es ist natürlich auch keine Inszenierung. Es ist eben etwas anderes, etwas dazwischen. Es ist wie eine Erinnerung an die Inszenierung. Wenn man da so sitzt und diese Texte hört und noch einmal neu hört, dann ist da schon ganz viel passiert, weil die Situation, in der man sie hört, komplett neu ist. Es ist tatsächlich noch einmal wie ein anderes Genre, was wir gemacht haben. Also quasi eine gestrichene Textfassung von der Inszenierung, mit allen zusammen gesprochen, das ist keine Lesung.

Kristof Van Boven: Die Vorstellung eben war eher wie eine Rekonstruktion. Sich zusammen zu setzen und das Thema Erinnerung an sich zu öffnen. Oder, wie Birte sagt, ein kollektives Sich-Erinnern. Der Text handelt ja auch von jemandem, den etwas nicht loslässt oder nicht in Ruhe lässt. Das eigene Bemühen, das auch zu versuchen, verbindet sich sofort zu diesen Inhalten, diesen stoischen, repetitiven Ritualen. Dann war das auch so ein Ritual, um das zu erhalten.

TT-Blog: Ist denn die Traurigkeit sehr groß, dass es nicht zur Aufführung gekommen ist?

Birte Schnöink: Es ist natürlich traurig, aber es ist so, wie es ist. Man kann es nicht ändern und die Hauptsache ist, dass es dem Kollegen bald wieder besser geht.

TT-Blog: Wie haben Sie das erlebt, dass das Lesen von diesem wahnsinnigen Klavierstück abgelöst wurde? Ich habe gesehen, dass Sie alle sehr intensiv zugehört haben.

Kristof Van Boven: Mich hat das einfach umgehauen. Es ist sehr moderne Musik und es hat mir etwas über Hoffnung und Menschen und Liebe eröffnet. Das hat mich sehr berührt. Einfach mal die Klappe zu halten, damit so jemand wie Igor Levit loslegen kann.

TT-Blog: Igor Levit hat eben dasselbe gesagt: Dass die Sonate ein ganzes Menschenleben beinhaltet. Und in diesem Sinne hat sie ja den Text musikalisch auch weitererzählt.

Rafael Stachowiak: Das stimmt, sie hat es weitergezogen. Die Perspektive war auch eine andere. Man sitzt auf der Bühne mit ihm zusammen und das ist nochmal mehr eine besondere Perspektive, die ich so auch noch nicht kannte. Abgesehen davon, dass es fantastisch gespielt war und es mich auch berührt hat, habe ich tatsächlich während der Musik auch sehr viel die Zuschauer beobachtet.

Birte Schnöink: Das hätte ich auch gerne gemacht, aber das habe ich mich nicht getraut.

Rafael Stachowiak: Ich habe das die ganze Zeit gemacht. Das war vielleicht ein bisschen frech. Aber es war wirklich wunderschön: diese Musik, zusammen mit den Menschen, die da sitzen.

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