Glossar der Gleichzeitigkeiten

Die Borderline Prozession. Theaterkritik von Katharina AlsenImmer alles im Blick: „Die Borderline Prozession“. Foto (c) Birgit Hupfeld.

Für das multimediale Dauergewitter der Dortmunder „Borderline Prozession“ wurde eine eigene Spielstätte errichtet. Berechtigter Aufwand für ein neues Totaltheater?

Ein erstes Briefing findet noch vor dem Eintritt in die lichtscheue Szene statt: „Liebes Publikum!“, so die verheißungsvolle Anrede auf den Monitoren am Eingang, „es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben!“. Aha, ein gebrochenes Credo neoliberaler Erlebnisindustrien. Das sitzt. Die Bildschirme listen auf: Ja, es darf permament getrunken werden (wenn auch aus Plastikbechern), der Zuschauer darf seine Perspektive wechseln, ist räumlich mobil (wenn auch nur nach Aufforderung durch die Regie), um andächtige Stille im Auditorium wird gebeten (denn schließlich ist das Ritual der Prozession titelgebend).

Die Zweischneidigkeit aller Anordnungen zieht sich konsequent durch den Abend. Nicht nur das Publikum verteilt sich auf zwei Tribünen, auch das Bühnenbild ist dualistisch organisiert. Das szenographische Modell eines Kiez- und Häuserkomplexes, der voyeuristische Einblicke in offene, ihrer vierten Wand beraubten Zimmer gewährt, zeigt auf der einen Seite eine opulente Fassade gutbürgerlichen Wohnens inklusive Dachterrasse, Swimmingpool und Fitnessraum. Auf der anderen eine dunkle, graue Plattenbaukulisse, die auf urbane Provisorien und prekäre Existenzen verweist. Das Rotlichtmilieu grenzt an einen bewachten Metallzaun, den nur Anwohner passieren dürfen und der auf die Seite des Reichtums führt. Auf dichtem Raum materialisieren sich gesellschaftspolitische Stigmata der Ausgrenzung und des „Anderen“: Borderlines werden fassbar als Beton und Stacheldraht gewordene Psychopathologie.

Unablässige Zitatschleifen

Doch viel Zeit zur kontemplativen Betrachtung des Ganzen bleibt dem Publikum nicht: Im Gestus eines kognitiven wie affektiven Exzesses wird es bombadiert mit einem Loop aus Musik-Samples, skandierten Texten aus dem Off, projizierten Zitaten und Zitatreferenzen, sowie nicht zuletzt mit der medialen Dopppelung der Schauspieler und ihrer filmischen Abbilder auf den Großleinwänden, die über dem Bühnenbild thronen. DJ-ing the theatre, ja, das gefällt sicher auch Diedrich Diederichsen ganz gut. Es ist das Genre des theatralen Live-Films, das Kay Voges und sein Team seit der Spielzeit 2009/10 am Theater Dortmund entwickelt haben, und das in der „Borderline Prozession“ eine virtuose Fortführung findet.

Ein Dolly Grip mit Kamera kreist unablässig um die Szenerie, ermöglicht temporäre Einblicke in Bühnenräume, die dem fragmentierten Direktblick des Zuschauers verborgen sind. Von „Gleichzeitigkeitsterror“ spricht Dorothea Marcus aus der Theatertreffen-Jury im Vorfeld, um den bemerkenswerten Charakter der Inszenierung zu begründen. Von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichen“ in digitalen Informationsgewittern spricht der Regisseur selbst. Simultane Bilderwelten, unablässige Zitatschleifen aus der tagespolitischen Nachrichten- und der historischen Philosophenwelt verbinden sich an diesem Theaterabend zu einem kulturpessimistischen Abgesang auf die europäische Idee, die sich allerdings noch einmal ordentlich aufbäumt. (Vielen Dank auch für die realpolitischen Einbrüche und den Liveticker zum französischen Wahlsieg!)

Was ist nun das Spefizische an der Voges’schen Ästhetik? Denn die formalen Setzungen klingen doch seltsam vertraut: Der sich verfertigende Live-Film auf der Bühne, der die Prozesse kinematographischer Illusionserzeugung ausstellt – that’s Katie Mitchell. Das verzückte Kamerabild, das die Ko-Präsenz von Schauspielern und Zuschauern zugunsten popkulturell verkleideter Repräsentationskritik herausfordert, ist das nicht der frühe René Pollesch? Und das Theater als jetzt-zeitige Textbearbeitungsmaschine im endlosen Nachrichtenstrom – daran hat sich doch auch schon Nicolas Stemann in der „Kommune der Wahrheit“ versucht.

Parodie der „Totalst-Ästhetik“?

Kay Voges und sein Team agieren zwar frei nach dem Prinzip des Samples und dem Motto „Mehr ist Mehr!“ – jedoch nicht im Modus wahlloser Akkumulation postdramatischer Mittel und popkultureller Zugänge, sondern konzeptionell erweitert: Voges‘ Arbeiten beschränken sich nicht auf die Raum-Zeit der Aufführungen, sondern werden durch kuratorische Rahmungen ergänzt, schaffen sich ihre Diskurse und Kontexte selbst: Da sind die immersiven Virtual-Reality-Versionen des Bühnenraums, die separat gezeigt und vermarktet werden. Da ist der pseudo-wissenschaftliche Glossar zu Kernbegriffen der „Borderline Prozession“. Oder die emphatische Genre-Ausrufung des Theater-Live-Films durch das Manifest „Dogma 20_13“, das als Nachfolge für das (gescheiterte) dänische Vorbild „Dogma 95“ rund um Thomas Vinterberg und Lars von Trier entworfen wurde. Die kritische Nachfrage, „ob es Live-Regie ist, wenn der Regisseur hundert Mal um ein Haus läuft“, ist dabei durchaus berechtigt. Dass Kay Voges durch die multimodale Augmentierung des Theatererlebnisses jedoch ästhetisches Neuland betritt, ist hingegen unbestreitbar.

Eine selbstreflexive Kritik wird im dritten und letzten Teil des Theaterabends übrigens gleich mitgeliefert: Wenn man für eine „Totalst-Ästhetik“ zwangsläufig auf Thesen von Jonathan Meese zurückgreifen muss, so kann es zum einen mit „Totalst-Ansprüchen“ jenseits der Parodie nicht weit her sein, zum anderen bleibt so noch Luft nach oben für kommende Arbeiten aus Dortmund.

 

Die Borderline Prozession. Ein Loop um das, was uns trennt
von Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin, Theater Dortmund.

Regie: Kay Voges, Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Kostüme: Mona Ulrich, Director of Photography: Voxi Bärenklau, Komposition/Live-Musik: T.D. Finck von Finckenstein, Video-Art: Mario Simon, Live-Kamera: Jonas Schmieter, Dramaturgie: Dirk Baumann, Alexander Kerlin, Live-Texting: Alexander Kerlin, Live-Sampling: Joscha Richard.
Mit: Andreas Beck, Ekkehard Freye, Frank Genser, Caroline Hanke, Marlena Keil, Bettina Lieder, Eva Verena Müller, Peer Oscar Musinowski, Uwe Rohbeck, Uwe Schmieder, Julia Schubert, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth sowie Paulina Alpen, Amelie Barth, Carl Bruchhäuser, Thomas Kaschel, Nils Kretschmer, Anja Kunzmann, Lorenz Nolting, David Vormweg, Michael Wischniowski, Raafat Daboul.
Dauer: 3 Stunden, zwei Pausen

www.theaterdo.de

13 Kommentare

  1. Jan Müller

    Haha … Der frühe Pollesch!? Den die Autorin als Kind selbst gesehen hat? Wirklich ein eitler, aufgeblähter Text … Warum nicht beschreiben, Kontexte ohne Wertung ziehen?

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