Steinwurf im Glashaus

Fensterscheiben wie im Trump-Tower: „Drei Schwestern“ aus Basel. Foto (c) Sandra Then.

Premierenfrei beim Theatertreffen. Zeit also, noch ein letztes Mal über die Eröffnungsinszenierung aus Basel zu streiten. Ein Gastbeitrag mit Extra-Schmäh.

Berlin ist nicht Moskau. Sowieso nicht, aber unter den Bedingungen von Simon Stones „Drei Schwestern“-Neuschreibung noch viel weniger nicht. „Nach Moskau!“, sagt Irina bei Tschechow und verspricht sich dort ein besseres Leben. Nur was die Umsetzung des Umzugs angeht, da hapert’s bekanntlich dann. Für die in zeitgenössische Umstände projizierte Irina der Neuschreibung ist die Umsetzung nicht das Problem. Schnell mal aus offenbar wohl situierten schweizerischen Verhältnissen nach Berlin ziehen: sowieso. „Nach Berlin!“, sagt Irina bei Stone aber nicht. Zukunft, Veränderung, das Versprechen vom besseren Leben – alles eine ironische Floskel. Quasi: Berlin ist auch nicht mehr das, was es mal war.

Trotzdem bin ich hingefahren. Habe ein Wochenende bei der „Theater und Netz“-Konferenz in der Heinrich-Böll-Stiftung verbracht. Habe außerdem – die Bloggerin kehrt stets zum Theatertreffen zurück – eine Vorstellung der aus Basel eingeladenen „Drei Schwestern“-Produktion besucht. Habe also nach zwei Tagen Vorträgen und Gesprächen zum Thema „Behauptungsmaschinen: Fake, Fakten und Fiktionen“ im Haus der Berliner Festspiele dem Drehen der Drehbühne zugeschaut. Hier vergeht Zeit!, insinuiert der Mechanismus. Macht auch auf das ungerichtete Um-Sich-Selbst-Kreisen der Figuren aufmerksam und erlaubt Perspektivitäts-Verschiebungen als Überschwappen von einer Konversation zur nächsten bei Erzeugung des Eindrucks von Gleichzeitigkeit. Trotzdem: Hier vergeht Zeit! Vergehen zumindest Jahreszeiten, wie sich an Kostümen und Kunstschnee ablesen lässt.

Fensterscheiben wie beim Trump-Tower

Nur die „fernen Enkel“ fehlen. Denen möge bei Tschechow das Glück zuteil werden. In der Textfassung von Stone ist davon nicht die Rede. Keine Enkel, kein Glück, keine Ferne. Unter den Möglichkeiten von Globalisierung, Vernetzung und Mobilität bleibt alles gleichmäßig gegenwärtig. Quasi: Die Geschichte ist aus und Berlin wird sowieso nicht das gewesen sein werden, was es nie war. Insofern haben die Figuren kein positives Selbstverständnis als handlungsfähige Personen. Ihr Bewusstsein der grausam-gleichmäßigen Gegenwart ist dafür einfach zu groß, zu informiert. Vielfach pointiert ausgesprochen in allerlei ironischen Floskeln.

Trotzdem dreht sich die Bühne und trotzdem vergeht Zeit. Das ist der Widerspruch, den die Inszenierung beackert. Die Synchronität, in der sich die Figuren bewegen, steht dem diachronen Weltgeschehen gegenüber. Über diesen Widerspruch wird zwar gesprochen, aber in sich wiederholenden, ungerichteten Floskeln, die den Widerspruch nur umso deutlicher hervorrufen. Insofern liefert die Inszenierung ihre Figuren der Lächerlichkeit aus. Das Publikum weiß: Ihre Wohlstandsverwahrlosung führt selbstverständlich ins Verderben. Im zweiten Akt kommt’s zum Showdown, also zur Moral von der Geschicht. Natascha, dann Ex-Frau von Andrej, hat das Ferienhaus gekauft, um es abzureißen und an selber Stelle was Neues, was Größeres, was mit goldenen Fensterscheiben „so wie beim Trump-Tower“ zu bauen.

Ein um sich selbst kreisender Untergang

Was ist hier das Framing?, frage ich mich und stelle die Theatererfahrung in den Kontext von Elisabeth Wehlings Eröffnungsvortrag „Die Macht der Sprachbilder – Politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung“ bei der Konferenz in der Böll-Stiftung. Denke, dass wer im Glashaus der wohl situierten, wohl informierten Gesellschaft sitzt, nicht mit Steinen wirft. Und dass wer im Glashaus nur geduldet, nicht gewünscht ist, das ganze Ferienhaus irgendwann abreißen wird. Denke außerdem an den Abschlussvortrag von Stefan Niggemeier, der als Voraussetzung für das Erzählen von aufklärenden Geschichten, also solchen, die am Ende lehrreiche Konsequenzen zeigen, das Interesse an den genauen Umständen und Zusammenhängen hervorgehoben hat. Verlasse die Theateraufführung in bis zum Grant gelangweilter Stimmung. Trotz aller technischer Perfektion verdankt die Inszenierung ihren Witz dem Umstand, dass ich als Zuschauerin immer schon Bescheid weiß darüber, dass das permanente Bescheid-Wissen der Figuren auf der Bühne sie untergehen lassen wird. Interesse an den genauen Umständen oder Zusammenhängen dieses Untergangs ist für das Verstehen dieses eindeutigen und von vornherein feststehenden Witzes nicht nötig. Wieso also, ließe sich vielleicht mit Wehling fragen, sollte mein Bescheid-Wissen über die Problematik des Bescheid-Wissens irgendwo anders hin führen als in die konsequenzenlose Langeweile des Bescheid-Wissens, also: Den um sich selbst kreisenden Untergang?

Wenn abgebrühte Welt- und Sprachbilder für eine Dramaturgie des Lehrreichen herhalten sollen, und seien die Theatervorgänge noch so kohärent und stimmungsvoll gedacht, dann haben wir uns nicht für Nataschas Potential interessiert. Übrigens auch nicht für Irinas. „Nach Berlin!“, denke ich. Und komme nächstes Jahr wieder.

Theresa Luise Gindlstrasser hat Philosophie und Kunstwissenschaft studiert. Ist freie Autorin für nachtkritik.de, Falter, Wiener Zeitung, Theater der Zeit und andere. Ist Jury-Mitglied bei Stella – Preis im Bereich Theater für junges Publikum in Österreich. Lebt in Wien. Mag Berlin aber auch. Im Jahr 2015 war sie Autorin beim Theatertreffen-Blog.

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