Kindermund tut Schrecken kund

Ensemble aus „Five Easy Pieces“. Foto (c) Phile Deprez.

Milo Raus „Five Easy Pieces“ versucht das Unmögliche: Die Morde des Belgiers Marc Dutroux auf die Bühne zu bringen. Mit Kinderdarstellern. Ein großer Abend.

Versuchsanordnungen bevölkern wie kleine Inseln die Bühne: Hier soll Theater gespielt werden! Eine kleine Wohnzimmer-, eine kleine Arbeitszimmer-Kulisse. In der Mitte fünf aufgereihte Stühle. „Das erste Kind, bitte!“, tönt eine strenge Stimme auf Flämisch. Übermenschlich groß wird das Gesicht von Peter Seynaeve, der am beleuchteten Schreibtisch am hinteren Bühnenrand sitzt, auf die Leinwand übertragen. Eins nach dem anderen ruft er die Kinder zur Befragung. Der erste Stuhl ist für Elle Liza Tayou. Wo ihre Familie herkomme? Was sie für Musik möge? – Rihanna – naja. Viel besser: John Lennon. Das Mädchen gibt den Klassiker „Imagine“ zum Besten und wird in ihrem Gesang vom über die Kinder wachenden Interviewer unterbrochen. Im Verlauf des Stückes sind Erik Saties „Gymnopédien“ zu hören – die erste Anspielung auf die Omnipräsenz nackter Kinderkörper.

Von links nach rechts füllt sich die Stuhlreihe mit Kindern. Flämisch klingt lustig und existentialistische Kinderantworten funktionieren sowieso immer beim Publikum. Aber darüber hinaus passiert noch etwas anderes.

Theater ist Puppenspiel mit echten Menschen

„Stell dir vor, dein Kind stirbt“ – ebenso wie die Schauspieler*innen auf der Bühne wird auch das Publikum langsam an das herangeführt, was alle hier schon als viel diskutierten Gegenstand des Abends kennen: Die Ermordung von vier Mädchen durch den Belgier Marc Dutroux. Die Antworten der Kinder werden wir später verstehen: Lieber vor der Kamera als auf der Bühne. Am schwierigsten zu spielen ist der Tod. Theater ist Puppenspiel mit echten Menschen.

Ein Foto von Marc Dutroux. Immer wieder unterbricht Peter Seynaeve schroff die blubbernden Gespräche der Kinder: Konzentration! Er verkörpert den Erwachsenen. Den Erwachsenen, der über die Antworten der Kinder auf seine Fragen nur lachen kann, da sie so überraschend wie ehrlich sind. Auch die überzogene Stimme des Erzählers verkörpert den Erwachsenen. Was Erwachsensein gegenüber Kindern noch alles beinhalten kann, bleibt unausgesprochen. Die Kinder spielen, wie sie zu dem Erwachsenen aufschauen. Sie spielen mit unglaublicher Feinheit und Akribie. Jede Pause stimmt, jede Kameraeinstellung. Die Möbel entsprechen so perfekt den Größenverhältnissen, dass es fast schon Effekthascherei ist. Immer wieder erfährt die Zuschauer*in: Hier wird Theater gespielt. Gut zu wissen für später.

Ernstes Spiel

Über mehrfache Ebenen abgehoben von jeglichem realen Geschehen beginnt das erste der fünf „leichten Stücke“. Die Erzählstimme berichtet, wie der Kongo 1960 unabhängig von Belgien wurde, damit kennt sich Milo Rau ja sowieso aus. Aber nein, rein zufällig ist es nicht: Maurice Leerman, der gerade noch sagte, er wünsche sich, einen Alten und Kranken zu spielen, spielt nun den Vater von Marc Dutroux, dessen Geschichte mit der des Kongo verwoben ist. Vielmehr zur Geschichte, wie im Ankündigungstext versprochen, erfahren wir dann allerdings nicht. Durch die perfide Live-Regie von Peter Seynaeve lernen die Kinder, die längst abstrahieren können, was Schauspielen ist; spielen einen Prozess, welcher der ihrige sein könnte. Zu sehen ist eine Ernsthaftigkeit im Spiel, die alle kennen, die mal Kind waren.

Es gibt den Moment, wenn die neunjährige Rachel Dedain die vierte Wand durchbricht. Sie richtet eine Frage an die Zuschauer*innen und es wird klar, dass die Wand längst gefallen ist. Enthoben und fühlbar geschützt spielt sie in der anschließenden Szene das Mädchen Sabine, welches von Dutroux gefangen gehalten wurde. Auf die Leinwand blickt ein Publikum, das sich selbst entlarvt und davon erschrocken Kenntnis nimmt.

Grenzen im Umgang

Dieser Theaterabend lässt viel erkennen, viel erahnen. Was Milo Rau auf die Bühne bringt, ist auf subtile Art und Weise verwoben. Wir sehen, dass Marc Dutroux ein Mensch ist. Er ist im selben Maße ein Mensch wie Winne Vanacker, der als er gerade geboren war, die Leber von einem toten Baby implantiert bekommen hat.

Wir sehen die kaum in Worte zu fassende Eigenheit von Kindern, die Kinder bleiben, ob sie nun schauspielen oder in einem Kellerverließ festgehalten werden. Für das Publikum werden die Hierarchien in der Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern in den Blick genommen: dass Erwachsene immer Gefahr laufen, Kinder so zu behandeln wie sie es nicht dürfen. Und, überwältigende Erkenntnis, dies trifft auf jegliche Beziehungen mit ungleichen Machtverhältnissen zu. Je früher Menschen diese Grenzen im Umgang miteinander kennenlernen, desto besser. Ein Abend, der zurecht als bemerkenswert bezeichnet wird.

 

Five Easy Pieces
von Milo Rau und Ensemble
Regie: Milo Rau, Bühne und Kostüm: Anton Lukas, Video und Sound: Sam Verhaert, Dramaturgie: Stefan Bläske.
Von und mit: Rachel Dedain, Maurice Leerman, Pepijn Loobuyck, Willem Loobuyck, Polly Persyn, Peter Seynaeve, Elle Liza Tayou, Winne Vanacker.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.campo.nuwww.kfda.be

5 Kommentare

  1. Der Text enthält viele feine Beobachtungen, die eher en passant eingestreut sind. Insgesamt klebt er zu sehr an der Chronologie der Aufführung und verliert sich etwas in der szenischen Beschreibung (seltsamerweise wird dann aber die Frage, die Rachel ans Publikum richtet, verschwiegen). Daran wäre zu arbeiten, aber die Mühe könnte sich lohnen.

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