Mit Adorno im Dschungelcamp

„Real Magic“ mit Richard Lowdon, Jerry Killick und Claire Marshall. Foto (c) Hugo Glendinning.

Forced Entertainment entwerfen bei ihrer ersten Theatertreffen-Einladung einen Quizshow-Loop mit Beifang aus der Hochkultur. Anläufe einer Deutung.

  1. Electricity: „Real Magic“ ist ein Fest schauspielerischer Virtuosität.

Forced Entertainment hat den Schauspieler*innen Jerry Killick, Richard Lowdon und Claire Marshall einen bestechend einfachen Loop gebaut, in dem sie ihre ganze schauspielerische Vielfältigkeit befreit ausspielen. Etwas bedröppelt schlappen die drei zu Beginn noch zum Kunstrasenstück in die Mitte der Bühne. „Jerry“ gibt den Showmaster, der „Richard“ erklärt, er müsse nun erraten, welches englische Wort sich „Claire“ gerade denke. Was so mutlos und aussichtslos beginnt, kann nicht gelingen. „Richards“ drei Versuche, „electricity“, „hole“ und „money“, sind falsch. Die drei wechseln darauf die Rollen und beginnen von vorne, immer wieder und wieder.

Das klingt nach unfassbarer Langeweile, entfaltet sich aber in 80 kurzweiligen Minuten zu einer emotionalen Farbpalette des Scheiterns: Einmal zuckt „Richards“ linker Mundwinkel leicht, wie in der Dünung sanfter Depressionen. Mal ziert „Jerrys“ Gesicht ein so schadenfreudiges Grinsen, als ob er als Clown geschminkt wäre. „Claire“ will gleichzeitig so fiebernd nicht und unbedingt wissen, ob sie richtig geraten hat, wie sich sechsjährige Kinder an Weihnachten fragen, ob es das Christkind wirklich gibt. Es wird verschmitzt, spontan, in Mantren und bis zum wahnsinnigen Herumkrabbeln gedacht. Das Denken wird aber immer enttäuscht, in immer neuen, trotzigen, ernsten, leisen und unterdrückten, tränenreichen und widerspenstigen Enttäuschungen.

Wirklich? Warum werden diese Emotionen dann ständig von nervtötenden Einspielungen unterbrochen und nur selten ausgespielt? Warum wird kein Klischeebild ausgelassen: Am Kopf kratzen, die Schultern hängen lassen, an den Nägeln kauen und die Finger überkreuzen? „Real Magic“ ist eben keine Feier der schauspielerischen Virtuosität, denn:

  1. Hole: „Real Magic“ ist die längst überfällige Reflexion des Theaters auf die Quizshow.

Das Stück nimmt Formen des Vorabend-Fernsehens auf: Immer wieder wird Retorten-Gelächter eingespielt, aufputschende Showmusik und ein stressendes Ticken. Dazu scheinen sechs grelle Neonröhren ins Publikum. Das zusammen erzeugt diese penetrante Wachheit, die einen auch Stunden vor dem Fernseher verbringen lässt: erzwungene Unterhaltung eben.

Das Publikum wird zugeballert mit billigen Fernsehtricks, um zu zeigen, dass der Fernseher ein alles vernichtendes schwarzes Loch ist. Das Scheitern der Anderen wird darin ausgestellt und wir werden zu Dschungelcamp-Voyeuren, die das Leid der Anderen konsumieren. Die Sehnsucht nach einer einfachen Welt, wie sie uns die Quizshows suggerieren, ist schlecht. Es gibt eben nicht nur wahr oder falsch, gewinnen oder verlieren: Die Welt besteht aus all den Schattierungen dazwischen, die von den Schauspieler*innen im Stück ja auch öfter gezeigt würden, wenn sie nicht ständig von den Quizshow-Elementen weggebügelt würden.

Wirklich? Ich brauche doch nicht Forced Entertainment, um zu wissen, dass Quizshows kein angemessenes Bild der Welt sind. Und überhaupt: Gibt es Quizshows überhaupt noch? Und wer schaut in Zeiten von Serien und Internet eigentlich noch fern? „Real Magic“ ist darum nicht die Reflexion des Theaters auf die Quizshow. Es ist nämlich viel tiefgründiger:

  1. Money: „Real Magic“ ist ein Spiel mit dem Abgrund existentiellen Scheiterns.

Es gibt diesen unfassbar erleichternden Moment, in dem die drei Schauspieler*innen sich in der Aufzählung von Löchern verheddern: „rabbit hole, bullet hole, hole in the fabric of time…“. Obwohl schnell klar ist, dass sie damit nicht aus ihrem Quizshow-Loop ausbrechen können, scheint doch die Möglichkeit einer Veränderung auf. Mitten im Scheitern ist da für einen Augenblick eine Ahnung von Utopie. Dieser Moment lässt einen die Oberflächlichkeit des technisch und massenmedial gestellten Lebens, das so ausgwegslos wie eine ewige Quizshow ist, nur noch tiefer empfinden.

Die drei falschen Antworten des Scheiterns im Loop sind nämlich nicht willkürlich gewählt. Sie erzählen die Geschichte der modernen, menschlichen Existenz: Die Moderne (electricity) ist eine unendliche Leere (hole), die das entfremdete Leben (money) nie füllen kann. Real Magic ist nämlich die Pointe des philosophischen Witzes: „Treffen sich Theodor W. Adorno und Samuel Beckett bei Günther Jauch…“

Wirklich? Diese großen Deutungen erscheinen doch unangemessen und überzeichnen das Plätschern des Abends zu einem existentiellen Wasserfall. Natürlich ist das Leben absurd, aber nicht wie die Vorabendgemütlichkeit einer Quizshow, sondern eher wie der Krisenlivestream des Internets.

Zwischen electricity, hole und money, schauspielerischer Virtuosität, Fernsehkritik und existentieller Tiefendimension verliert sich der Abend unter einigen Lachern, etwas Klamauk und vagen Gedanken zu Beckett und Adorno. Stand da überhaupt etwas auf dem Spiel?

 

Real Magic
Idee, Konzept: Forced Entertainment
Künstlerische Leitung: Tim Etchells, Bühne: Richard Lowdon, Licht-Design: Jim Harrison, Electronics/Sound Editing: John Avery, Loops: Tim Etchells, Produktionsmanagement: Jim Harrison.
Mit: Jerry Killick, Richard Lowdon, Claire Marshall.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.pact-zollverein.de 
www.hebbel-am-ufer.de

Kategorie Die 10 Inszenierungen, Real Magic
Johannes Siegmund

1987, Philosoph, Autor, Wien. Arbeitet an Formaten, die Philosophie, Kunst und Politik verbinden: Redakteur bei der Zeitschrift für politisch-philosophische Einmischungen engagée, Teil des Kollektivs philosophy unbound, Kritiken für die nachtkritik. Er schreibt an der Universität der bildenden Künste Wien an seiner Promotion "Philosophie der Flucht" und unterrichtet politische Theorie an der Universität Wien.

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