Örtchen, wechsle dich!

Labyrinthisches allerorten...

Unsere Gastautorin blickt auf das Theatertreffen zurück und wundert sich über all die Räume und Orte, die dabei zu besichtigen waren: Nomadisches Umherziehen oder nicht doch eher privilegiertes Durchschreiten?

Dieses Jahr gab es zwei Arten von Menschen beim Theatertreffen: solche, die sich auf dem Weg zum nächsten Event pendelnden Schrittes durch das Pressholzlabyrinth auf dem Vorplatz schlängelten und solche, die diesem Umweg aus dem Weg gegangen sind. Irgendwie ist’s ja auch toll, dass man zum Theatertreffen nicht einfach nur hingeht, um sich Stücke anzugucken. Manche gehen da ja auch hin, um an einem Ort zu sein wo das Theater in den Speck seiner ästhetischen, politischen und formellen Auswüchse gezwackt wird. Die Festivalleitung hatte sich zum ganz intensiven Zwacken ein neues Format, das „Forschungs- und Erlebnislabor“ Shifting Perspectives ausgedacht. Die zahme Verlangsamungsintervention „You Are Here“ von Diana Weser direkt nach dem Auftakt dieses neuen Formates sollte den Umherwandernden das Ankommen am neuen Ort ermöglichen. Und das war vielleicht auch arg nötig, denn die Shifting Perspectives umschrieben nicht nur das gewünschte Bewegen von Ideen und Meinungen. Sie schienen vor allem auch namentlich einzustehen für ein voranschreitendes Experimentieren mit Theaterpraktiken und Diskursformen, die sich ganz einfacher Verortung verweigerten. Kurzum, es wimmelte dieses Jahr von unsteten Örtchen.

Noch mehr Pressholz

Da gab es natürlich anfangs Simon Stones „Drei Schwestern“. Darin wurde Tschechows familienstiftendes und -brechendes Haus in eine Hygge-strotzende Ferienangelegenheit verwandelt. Die Flüchtigkeit von Orten wurde damit in das Bühnenbild (noch mehr Pressholz) der Eröffnungsaufführung eingeritzt. Dann, mit der heiß erwarteten und sich überschwänglich selbst überschreibenden „Borderline Prozession“, nahm sich Kay Voges unheimlich viel Raum im ehemaligen VEB Transformatorenwerk “Karl Liebknecht” in Oberschöneweide. Leider wusste diese medien- und theatertheoretische Versuchsanordnung nicht so recht wohin mit den ganzen angesammelten und verschachtelten Räumen, die sie sich selbst heraufbeschworen hatte. Unheimliches Großstadtflimmern vor der Trinkhalle, Kriegswirren am Grenzposten, kitschige Geisterphantasien der Erlösung erschöpften sich in einem karnevalesken Wiederholungsreigen bei dem selbst space man Major Tom ein wenig verloren aus der Wäsche schaute. Viel radikaler war es da bei der Eröffnung des Stückemarktes durch das Frankfurter Kollektiv „Swoosh Lieu“, wo der Repräsentationsraum Theater museal-aktivistisch und filmisch-utopisch genutzt wurde, um eine feministische Care-Revolution heraufzubeschwören.

Für eine andere Zukunft

Überlagernde Erzählräume, intervenierende Erlebnisräume, diskutierende Demokratieräume, unbequeme Aushandlungsräume (sprich Sofas, für die wir uns im nächsten Jahr mehr Gemütlichkeitsfaktor wünschen), virtuelle Realitätsräume, dekonstruierte Kolonialräume und selbst gurgelnde Mageninnenräume – bei all diesen Örtchen, mit ihren digitalen Ersetzungen und den viel diskutierten Loops, verwischten so manche etabliert geglaubte Grundfeste. In seiner anekdotischen Lecture III über die Geschichte des Sheffielder Performancekollektivs Forced Entertainment sprach der Spieler Robin Arthur gar von der befreienden Wirkung wenn man mal rituell sein Set abfackeln darf.

Das Theatertreffen hatte sich vor allem ein Inspizieren der Beziehung von Kunst und Demokratie auf die Flyer geschrieben. In seiner Bemühung, Räumlichkeiten zu öffnen und zu verwischen, lud es die Zuschauer zum Nachempfinden von nomadischen Daseinsformen ein. Aber das Nomade-sein beim Theatertreffen war, wie so oft, eine privilegierte Form der Raumdurchschreitung. Deshalb ergab sich nicht nur eine Vorliebe, sondern gar eine Pflicht zum Umweg über die Pressholzplatten und vorbei an dem Mondiale-Projekt FutureLeaks von UDK-Studierenden und Bewohner*innen des AWO-Refugiums am Kaiserdamm. Dort wurde eine andere Zukunft nicht nur erträumt, sondern ganz konkret in eine hoffnungsvolle Heterotopie übersetzt.

 

Annegret Maerten ist Theaterkritikerin in London und war 2015 Teil der Theatertreffen-Blog-Redaktion. Sie arbeitet derzeit an der Humboldt-Uni Berlin und dem King’s College London an ihrer Doktorarbeit zu monströsen Kreaturen in der neuen Deutschen Literatur.

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