Synchrone Strudel verinnerlichen besser

Nächtliches Schwimmen im Freibad: „89/90“. Foto (c) Rolf Arnold.

Die Regisseurin Claudia Bauer bringt mit „89/90“ aus Leipzig einen Abend über die Wendezeit nach Berlin. Unsere Autorin sah viel Pflicht – aber auch schönste Kür.

Schwimmen ist ein tolles Freiheitsgefühl. Erlangen das Zusammenspiel mit der Musik und die exakt aufeinander abgestimmten Bewegungen mehrerer Schwimmer oberste Priorität, heißt das Synchronschwimmen. Bei dieser Sportart kommt zuerst die Pflicht, dann die Kür.

Pflicht und Kür werden auf der Bühne von einem höchst konzentrierten, 26-köpfigen Chor verkörpert. Claudia Bauers Inszenierung „89/90“ verzichtet darauf, die Figuren aus Peter Richters Wenderoman als Charaktere darzustellen. Das Team aus Leipzig hat ein eigenes Prinzip entwickelt, mit dem fußnotenversehenen, 400-seitigen Bewusstseinsstrom des Autors umzugehen: Musik (Peer Baierlein) und Choreographie sind die Hauptakteure des Abends – Worte werden in Bewegung übersetzt und zu Tanz formiert.

Marschmusik bis Punkrock

An Pflicht muss einiges abgesessen werden, beispielsweise die Schulstunden mit unangekündigten Leistungskontrollen. Die von Anna Keil packend gespielte Lehrerin trichtert ihren Schülern Choreographien ein: Die Worte Arbeitnehmer und -geber seien „im Westen so ideologisch irreführend“. Bei „Geben“ streckt sie die Arme aus, das „Nehmen“ wird mit einem Klatschen auf die Brust versehen. Die Schüler tanzen mit, durch Bewegung verinnerlicht es sich besser.

Die Musik verändert sich vom braven Chor zur Marschmusik im Wehrlager bis hin zum grungigen Punkrock-Heavy Metal. Dabei vertrauen die Chorsänger ihrem Chorleiter (Daniel Barke) blind. Zurecht, denn er versteht sein Handwerk meisterhaft. Großartig, wie er mal auf der Bühne vorne, mal von ganz hinten aus – auf die Sekunde genau – dirigiert und sich vom braven Chorleiter zum Papier in die Luft schleudernden Revoluzzer transformiert.

Die Sänger sitzen konform auf ihren Stühlen, ihre schwarzen Chormappen über dem Schoß haltend. Die Kleidung ist faltenfrei, die Herren in gemusterten Hemden und Krawatten, die Damen in Blumenkleidern. „Wir woll’n immer artig sein, denn nur so hat man uns gerne“. Aber vereinzelte Personen singen nicht: Der junge Protagonist (Wenzel Banneyer) oder der stotternd-zitternde Till (Tilo Krügel), der aufpassen muss, immer pünktlich in der Fabrik zu erscheinen, damit sie ihn „nicht wieder drankriegen“. Es gibt sie also: Diejenigen, die nicht ganz in der Masse aufgehen. Aus dem synchronen Chor schälen sich mit fortschreitender Zeit einige skizzenhaft angedeutete Individuen heraus und tanzen aus der Reihe. Ein extrem schlaues Prinzip, um das Verhältnis der Masse zum Einzelnen auf vorrangig ästhetische Art zu transponieren.

In der Traumabewältigungskabine

Die Wendejahre sind ein geschichtlicher Strudel von Ereignissen, bis zur Öffnung der Berliner Mauer wird ab September 1989 montags demonstriert. Wir-sind-das-Volk rufende DDR-Bürger fordern Reisefreiheit und die Abschaffung der Staatssicherheit, einen Monat später tritt Erich Honecker zurück. Die Jugendlichen werden durch diesen Strudel gespült, sie haben kaum Zeit, Luft zu schnappen und das System, in dem sie aufwuchsen, bricht unter ihren Füßen weg. Auf einer zentral positionierten Hinterbühne betrachten die Figuren in einer Art Traumabewältigungskabine (die einem Stasi-Büro gar nicht so unähnlich sieht) Fotos und lassen die Jahre 89/90 Revue passieren. Dabei werden sie groß an die Leinwand projiziert: „Ich will nicht in die Bank reingehen“, heult L. (Bettina Schmidt), in die der Erzähler ziemlich verknallt ist. Begrüßungsgeld in Westberlin abzuholen, ist für sie als waschechte Kommunistin Scham pur. Andere, wie Freund S. (Roman Kanonik) nehmen das gerne an, verlieren den Hundertmarkschein aber und heulen deswegen.

Ein wenig mehr Kür ist nur im nächtlichen Freibad zu finden. Anderswo existiert kein Ort, der losgelöstes Schwimmen erlaubt. Die Schauspieler tragen dazu große Masken und obwohl sie gefilmt werden, bekommt das Publikum diese Aufnahmen nie zu sehen. Trotz des aufkeimenden Freiheitsgefühls sind auch diese traumartigen Szenen im Vordergrund der Bühne durchchoreografiert: mit Handtuch, in der Reihe und auf den Oberschenkel klatschend.

Die Wiedervereinigung kommt durch einen ballett-tanzenden Helmut Kohl im luftaufgepumpten Kostüm. Die zweite Hälfte nach der Wende zeigt weniger Synchronität (sehr publikumswirksam!), dafür mehr stilisiertes West-Fernsehen auf verpixelter Großleinwand. Die Schwimmbad-Figuren beobachten das unter Schock: „Es wurde Beton in unsere Landschaften gegossen […] Das Unheil naht.“ Ist das nun die ersehnte Freiheit, das offene Meer? Ach nein, ein anderes Pflicht-Kürprogramm, auf der Bühne formiert vom Chor in gelben Trainingsanzügen und aufgenähten Glamour-Glitzer-Rosen.

 

89/90
Nach dem Roman von Peter Richter
Für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Huber
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Andreas Auerbach, Kostüme: Andreas Auerbach, Doreen Winkler, Komposition und musikalische Leitung: Peer Baierlein, Chorleitung: Daniel Barke, Dramaturgie: Matthias Huber. Mit: Anna Keil, Annett Sawallisch, Bettina Schmidt, Wenzel Banneyer, Andreas Dyszewski, Roman Kanonik, Tilo Krügel, Denis Petkovic, Chor.
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

http://www.schauspiel-leipzig.de

Kategorie 89/90, Die 10 Inszenierungen
Corinna von Bodisco

Erzählt Geschichten am liebsten so, dass jemand gerne zuhört oder weiterliest. Dafür verschränkt sie Ton-, Bild- und Textelemente, widmet sich der Bearbeitung von Audio Tracks am längsten und platziert das Ergebnis online. Mit Fokus auf akustisches Erzählen betreibt sie das Blog tonspur.blog. Absolvierte Studien in Französisch, Theater- und Angewandter Literaturwissenschaft in Berlin und Québec. Aktuell ist sie als freie Redakteurin tätig und begleitet medienpädagogische Blog-Projekte.

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