Tapsig voran ins Neuland

Fleisch und Blut nur hinter der Leinwand: „EXPLORER / Prometheus Unbound“. Foto (c) Jochem Jurgens.

Wo beginnt das Neue? Die Frage treibt das Theatertreffen auch in diesem Jahr um. Vielleicht ja beim ersten Virtual-Reality-Theater made in Holland?

Zu später Stunde finden sich Nachtschwärmer vor der Seitenbühne des Berliner Festspielhauses ein. Das Publikum ist durchschnittlich um die 30 und „es gibt Ohrenstöpsel“, merkt die Kartenabreißerin an. Im Saal wird es voll, ein bisschen wie in einem Berliner Techno Club. Nur ganz so spät ist es an diesem Dienstagabend noch nicht – nicht einmal Mitternacht.

Bis alle sich installiert haben, schreitet ein etwa zwei Meter großer Mann (Eric Joris) bedächtig das in der Mitte installierte Podest ab. Dabei hält er einen Dreizack ähnelnden Stab in der Hand, den er in ruhigen, kreisenden Bewegungen über seinem Kopf schwingt und auch weiter nach unten, Richtung Boden. Es sieht aus, als würde der Raum mit einem Weihrauchfass eingeschwenkt werden. Sollte es nicht um 3D-Technik auf der Bühne gehen?

An diesem Prometheus knabbert kein Adler

Das Rotterdamer Performancekollektiv Urland und der Virtual-Reality-Künstler Eric Joris zeigen „EXPLORER/ Prometheus unbound“, die erste Theaterproduktion – so ist es jedenfalls angekündigt –, die „Motion-Capture-3D-Technik“ auf der Bühne einsetzt. Das klingt zwar imponierend, hinter der Technik verbirgt sich aber ein Sensorprinzip, das zumindest im Videospiel-Sektor nicht gänzlich unbekannt ist. Auch Wii Konsolen übersetzen Bewegungen des Spielers in ein virtuelles Signal und erlauben so beispielsweise das Fliegen.

Einen fliegenden Adler gibt es in dieser Produktion zwar nicht direkt, akustisch erinnern aber ein Raubtiervogelschrei und harmloses Vogelgezwitscher wiederholt an die mythologische Referenz, in der ein Adler dem gebundenen Prometheus qualvoll die Leber aus dem Fleisch hackt. Fleisch und Blut sind ununterbrochen auf der Bühne anwesend: Zwei in schwarze Ganzkörperanzüge gekleidete Schauspieler bereiten die Geschichte des Abends vor und leihen den Spielfiguren ihre Körper. Ihre Bewegungen werden gespeichert (man sagt hier: getrackt) und dienen als Muster für die virtuellen Spielfiguren.

Einfach mal ganz Couch sein

Die Spielfiguren, das sind Bridget und Deacon, die mal klein, mal beeindruckend groß auf eine transparente Leinwand zwischen Zuschauer und Bühne projiziert werden. Sie spielen eine belanglose Liebesgeschichte, die aber nur als Platzhalter dient. Es geht um Trennung, Wiederannäherung, aber eigentlich um Verschwinden und Wiedererscheinen als Transformation. Einmal geht ein Bein Bridgets’ in die Couch über, dann wird sie vollständig Couch: Die Figuren entdecken völlig neue Weltengesetze und dringen dabei, tapsig wie Kinder, in andere Realitätsschichten vor: Mal ein spärlich eingerichtetes Wohnzimmer mit gelb-gemusterter Tapete, mal fliegen sie zu einer abgelegenen Insel. Sie fangen ganz neu an und erforschen beständig ihre Umgebung. Und sie reden darüber: Bridgets Stimmfarbe erinnert an R2D2 aus Star Wars, eigentlich ist es aber die Erzählerstimme von Thomas Dudkiewicz (Urland), der hinter dem Mischpult sitzend beide Spielfiguren spricht und sich dabei sichtlich amüsiert. Auch die Schauspieler, deren Bewegungen aufgezeichnet werden, haben ihren Spaß. Und das Publikum?

Zur höheren Ehre des Cyberspace

Mit einem „Look at these lovely faces!“ nimmt Bridget Kontakt zu den Zuschauern auf, ihr schimmernder, glattpolierter Kopf füllt nun die ganze Leinwand aus. Ein Moment, den sich jeder schon mal vorgestellt hat: Gleich kriecht sie aus dem Bildschirm! Tut sie aber nicht, die Bereiche bleiben klar abgetrennt und abgesehen von diesen komischen Momenten und solchen der phantasievollen Figurentransformation (sie werden zu weißen Bällen und Figuren, die denen aus dem Science-Fiction-Film „Prometheus – Dunkle Zeichen“ (Ridley Scott, 2012) auf’s Haar genau gleichen), langweilen die Spielfiguren umso mehr.

Die Forscherreise endet in einem wabernden Techno-Klangteppich – also doch Club, obwohl es erst Mitternacht ist. Das Perfomancekollektiv, das sich bislang hinter dem Mischpult versteckte, kommt jetzt auch auf die Bühne und stellt die zu anfangs eingeführte, sakrale Stimmung wieder her. In einem Video aus dem chinesischen Fernsehen besingt ein Chor die Ära des Cyberspace und die Glorie des Internets. Urland und Eric Joris im überdimensionierten weißen Plüschtier-Kostüm schließen mit einem wilden rauschhaften Tanz um eine Art Totempfahl an diese Glorifizierung an. „Seek new levels of reality. An eagle-free state. The final reality. Don’t fear it. Join it!“, ruft Thomas beschwörend ins Publikum, wobei unklar bleibt, ob er das nun ernst meint. Hoffentlich nicht.

 

EXPLORER / Prometheus Unbound
Eine Produktion von URLAND, CREW und Theater Rotterdam
Unterstützt von Fonds Podiumkunsten, Fonds 21, Beste Buren, Prins Bernhard Cultuurfonds
In Zusammenarbeit mit BUDA Kunstencentrum, EDM (Expertisecentrum voor digitale media), Dreamspace (FP7 ICT samenwerkingsproject), Universiteit Hasselt – iMinds en Natural Point – Optitrack

Dauer: 1h 20, keine Pause
http://theaterrotterdam.nl/

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