Thalias finstre Schwester

Darstellung der Melpomene durch Edward Simmons in der Library of Congress, Washington D.C. (1896)

Zwei Musen wachen über die Theater dieser Welt. Die eine freundlich, die andere grimmig. Welche wird wohl die Hand über das Theatertreffen 2017 halten?

Innigst erwünscht, auch am Theater: Muße haben und Muse sein. Zum Glück gibt es da gleich zwei verantwortliche Musen: Die meisten kennen Thalia, sind doch bekannte Theaterspielstätten nach ihr benannt, auf dass sie sie schützen möge; außerdem, da ihr Metier auch die literarischen Kleinformen umfasst, eine Buchhandelskette. Ihr Name kommt vom griechischen Wort „thallein“, was „üppig wachsen“ (besonders von Obstbäumen) bedeutet. Alles, was mit Fruchtbarkeit zu tun hat, ist ihr Gebiet, sie liebt das festliche, fröhliche, ländliche Gelage. Die leichte Muse ist Schützerin der Komödie und erkennbar an der komischen Theatermaske. Als zart und gelehrt wird sie vom römischen Dichter Vergil bezeichnet, von seinem Kollegen Horaz als Grazie.

Die Muse mit der Keule

Weniger bekannt ist die zweite Theatermuse: Melpomene. Im Gegensatz zu Thalia ist sie die Patronin der Tragödie, insbesondere der großen, tragischen, lyrischen Chorpartien. Als Attribut trägt sie die tragische Theatermaske in der einen, eine Keule in der anderen Hand! Laut Horaz ist sie die erhabenste der Musen, Inspiratorin großer Totenklagen, weil sie extrem viel Leid und Schlechtes gesehen hat.
Wen wohl welche Muse küsste im Vorfeld des diesjährigen Theatertreffens? Ob die Musen mal in unserem Redaktionsbüro vorbeikommen? Diese und ein paar andere Fragen habe ich jetzt schon: Wer gewinnt bei Grazie vs. Keule? Und geht es überhaupt ums Gewinnen? Sind es die Musen, die uns inspirieren? Und: Lieben Musen wirklich Wurstbrote?

Kategorie Kommentar & Debatte
Avatar
Autor*in

Marie Lemser

Jahrgang 1989, lebt in Leipzig und Bielefeld und schreibt über ganz alte und ganz neue Sachen. Hat Klassische Antike studiert und darüber zum Theater gefunden. Nach einer Dramaturgieassistenz an einem Istanbuler Theater nun Doktorandin, freischaffende Dramaturgin und Autorin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.