Nicht alles muss funktionieren

Jury-Mitglied Christian Rakow im Oberen Foyer des Hauses der Berliner Festspiele. Illustration (c) Alexandra Klobouk.

Christian Rakow ist Redakteur bei nachtkritik.de und in diesem Jahr erstmals Mitglied der Theatertreffen-Jury. Im Interview spricht er über Reisestress, die Frauenquote und seine 11. Inszenierung.

TT-Blog: Christian Rakow, offensichtlich ist das Leben als Juror, das Sie nun seit Februar 2016 führen, ganz schön Heute hier morgen dort. Sind Hotels wirklich so traurige Orte?

Christian Rakow: Ich habe viel davon gehört, dass man die Zeit in tristen Hotels und auf verschneiten Bahnhöfen zubringt. Entweder dieses war ein gutes Jahr oder die Erzählungen sind ein wenig aufgebauscht – bei mir war das eigentlich nicht der Fall. In der Regel kann man in sehr passablen Unterkünften unterkommen im Rahmen des Bundesreisekostengesetzes. Und das Heute hier morgen dort, das intensiviert sich natürlich gegen Ende des Zeitraums. Am Anfang, im März, April waren es eher entspannte Reisen; man versucht, Entdeckungen zu machen. Und dann, wenn sich die Voten der Kolleg*innen verdichten; man sich zuruft, wo wichtige Arbeiten passiert sind, dann wird die Reisetätigkeit zunehmend intensiv.

TT-Blog: Nun befinden wir uns mitten im Ergebnis der Arbeit des letzten Jahres. Die zehn „bemerkenswertesten“ Inszenierungen wurden eingeladen. Erklären Sie uns nochmal den Unterschied zwischen „sehr gut“ und „bemerkenswert“?

Christian Rakow: In der Tat ist es in jeder Jury umstritten, wie der Begriff „bemerkenswert“ zu füllen ist. Ich glaube, dass gute Inszenierungen – von denen man tatsächlich viele sieht – erzählerische Standards des Theaters in einer vertrauten und verhältnismäßig schnell lesbaren Weise realisieren. Ein guter Theaterabend ist einer, an dem man sich abgeholt fühlt – der konzentriert an seinen Erzählungen bleibt. Das Bemerkenswerte demgegenüber stellt an bestimmten Punkten Abweichungen her. Das sind Momente, die unsere Sehgewohnheiten punktuell über den Haufen werfen, die dann möglicherweise adaptiert werden von anderen Künstler*innen. Insofern hat das Theatertreffen nach wie vor die Funktion, zu zeigen, was an Theatersprachen ausprobiert wird. Nicht alles davon muss funktionieren, nicht alles davon hat Nachhall. Aber die Kolleg*innen, die hier beim Festival sind, können sehen, wo gerade etwas geschaffen wird, zu dem sie sich in Beziehung setzen können.

Eine Frage der Produktionsbedingungen

TT-Blog: …und wirklich nur eine Frau in der deutschen Theaterlandschaft, die bemerkenswert inszeniert?

Christian Rakow: Die Frage ist natürlich eine der wichtigen an diese Auswahl. Ich glaube, es gibt zwei verschiedene Gründe für dieses Problem. Wir haben eine ganze Reihe von sehr bemerkenswerten Regisseurinnen! Aus der Jury-Perspektive gesprochen ist das Theatertreffen kein kuratiertes Festival und es denkt nicht an das Tableau. Wie viele große Arbeiten haben wir? Wie viele für die Nebenbühne? Wie viele queere Theatermacher*innen, wie viele Frauen, wie viele Männer, wie viele postmigrantische Positionen haben wir? Diese Fragen stehen nicht im Vordergrund, weil die Einzelarbeiten diskutiert werden. Das kann also im nächsten Jahr wieder anders aussehen.

Der zweite Aspekt ist kritischer: Unsere Theaterlandschaft hat nur ca. 30 Prozent Regisseurinnen. Das hat sich seit 2011, als Theater heute einen großen Themenschwerpunkt über Frauen in Theatern publizierte, nicht wirklich geändert. In den Hauptstadttheatern sind die Quoten teilweise noch herber, viele Regisseurinnen kommen innerhalb der Häuser eher auf den Nebenbühnen zum Zuge. Claudia Bauer hat das gerade im Deutschlandfunk gesagt: Unter den jungen Regisseur*innen ist das Verhältnis noch einigermaßen ausbalanciert – später geht das verloren, es setzen sich weniger Frauen durch als Männer. Die Diskussion um gesamtgesellschaftliche und szeneinterne Gründe dafür muss geführt, Modelle zur Veränderung in stärkerem Maße diskutiert und realisiert werden. Dieser Diskurs ist bis jetzt nur angerissen. Die Kritik nehmen wir als Jury an, aber die Frage ist nicht nur auf der Ebene des Repräsentationsfensters, welches das Festival darstellt, zu klären, sondern auf der Ebene der Produktionsbedingungen.

TT-Blog: Gibt es eine Inszenierung, bei der es Sie schmerzt, dass sie nicht eingeladen wurde?

Christian Rakow: Ja, Yael Ronens „Point Of No Return“ an den Münchner Kammerspielen. Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Amoklauf von David S. in München im letzten Jahr. Sie beginnt mit der Frage wie soziale Medien Hysterie und Angst befeuern (in besagter Nacht entstand der Eindruck, dass München Ziel eines organisierten terroristischen Angriffs sei). Dann arbeitet sie sich aus der Münchner Situation heraus, blickt nach Israel, nimmt schließlich die globale Perspektive ein. Sie schafft ein starkes Theater der Haltung, das sagt: Schaut in die Welt! Nur 2,6 Prozent aller Terroranschläge gelten überhaupt der westlichen Welt! Sie fordert auf, die eigene Sichtweise zu relativieren um eine besonnene politische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen zu finden. Der Abend ist mir wirklich wichtig. Wir von nachtkritik.de haben ihn für die Konferenz „Theater und Netz“ eingeladen, er lief beim Heidelberger Stückemarkt und wird bei den Autorentheatertagen in Berlin zu sehen sein. Es ist beruhigend, dass es zahlreiche Kanäle gibt, die herausragende Arbeiten sichtbar machen.

Das Jury-Prinzip hat großen Wert

TT-Blog: Sie sprachen gerade von der Konferenz „Theater und Netz“, die sich mit den ersten Tagen des Theatertreffens überschnitt. Gehören Theater und Netz zusammen?

Christian Rakow: Alle, die nach 1985 geboren sind, sind mit den Auswirkungen der digitalen Revolution groß geworden und das Netz verändert unsere Sichtweisen. Ich glaube, dass ein Abend wie die „Borderline Prozession“ mit dieser Vielzahl an simultan geöffneten Fenstern (mehrere Leinwände, mehrere reale Räume, in die hineingeschaut wird) ohne unsere Einübung in Benutzeroberflächen wie Windows gar nicht lesbar wäre. Ein Kollege von mir, Jan Fischer, hat das Theater mal die „Medienfressmaschine“ genannt: Das Theater absorbiert immer die jeweils neuesten Medien und verändert dadurch seine eigene Sprache. Der Zug hin zu installativen Theaterabenden mit souveräneren Zuschauer*innen ist groß. Die partizipativ eingerichteten Kunstformen sagen: Greif auf das zu, was du brauchst; schau auf den Bildschirm, der dich interessiert; setz dich auf die Seite, die du aktuell für relevanter hältst, zum Beispiel eben in Kay Voges‘ „Borderline Prozession“. Das Theater ist lange schon beeinflusst worden durch das Digitale und es wird in den nächsten Jahren noch stärker beeinflusst werden. Das heißt nicht, dass das die andere Form ablösen wird. Ich glaube auch nicht, dass lineares Erzählen an sein Ende gekommen ist. Es ist kein Entweder – Oder. Ich glaube aber, dass noch sehr viel Neues auf uns zukommt und das Theater auch seinerseits Prozesse beeinflusst und beispielsweise die Virtual Reality im Gegenzug mit neuer Semantik aufladen kann.

TT-Blog: Digitale Welt, Partizipation, Zeitenwende: Wird die Jury abgeschafft?

Christian Rakow: Ich hoffe nicht. Ich glaube, das Theatertreffen ist darin, eine externe, also betriebsunabhängige Jury zu berufen, eigen und es steckt ein großer Wert darin. Einerseits die Unabhängigkeit gegenüber dem Betrieb und den Produktionsbedingungen und zum zweiten die forcierte Perspektive eines Zuschauers, denn zunächst sitze ich als Kritiker ja im Parkett. Wir schauen die Kunst von der Rezeptionsseite her an. Von Betriebsprofis kuratierte Festivals haben einen anderen Blick, der auch Aspekte der Machbarkeit abprüfen muss, was ja dieses Jahr Thema ist bei unserem Theatertreffen. Der Kritiker ist ein Vertreter der aufgeklärten Öffentlichkeit. Es stimmt, dass diese sich diversifiziert und dass es mittlerweile ganz andere Formen gibt, über die sie sich ausdrücken kann. Trotzdem merken wir bei nachtkritik.de, welches ja ein sehr partizipatives Medium ist, dass die Kritik alten Typus‘ (beschreiben – analysieren – interpretieren – urteilen) sehr gewünscht ist.

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