Welt? Burg? Dorf?

Unser Autor denkt aus Wiener Perspektive über das Theatertreffen nach – und trägt sich selbst drei Leitfragen für den Weg durchs Festival auf.

Karl Kraus soll einmal mal gesagt haben: „Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Wien. Da passiert alles zwanzig Jahre später.“ Wenn es stimmt, dass hier sogar der Weltuntergang Verspätung hat, gilt das erst recht fürs Wiener Theater. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass das Theater hier mit angezogener Handbremse fährt. Das meiste Geld wird in die großen Institutionen investiert, die behäbig vor sich hin werkeln und die Touristen und das Wiener Bürger*innentum unterhalten. Über der Wiener Theaterlandschaft thront die Burg, die viele aber wohl eher an Kafkas Schloss erinnert. Gerne wird dort oft vom Weltuntergang erzählt, der aber meistens schon stattgefunden hat oder gerade bei den Anderen stattfindet. Im Programmheft gibt es Werbung für den neuen Audi A5 Coupé und die wohligen Samtsessel halten der Schauerlichkeit der Theatergeschichten gerade so die Waage. Mir fehlen an den großen Wiener Häusern der Mut, das Risiko und das Wagnis.

Es ist darum vielleicht auch kein Zufall, dass dieses Jahr keine Wiener Produktion zum Theatertreffen eingeladen wurde. Grund genug für mich im Mai nach Berlin zu fahren, um einen Überblick über die gegenwärtigen Reformationen und Revolutionen des deutschsprachigen Sprechtheaters zu bekommen. Aber das Programm des Treffens ist so reichhaltig, dass ich unmöglich alle Produktionen und Lesungen, Diskussionen und Installationen, Partys und Foyergespräche miterleben kann. Zur Orientierung nehme ich mir darum drei Fragen mit, die drei Wege durch das Festival vorzeichnen:

1. Kann aus dem Theater eine transnationale Institution werden?

Gestritten wird am Fall der Volksbühne und der Münchner Kammerspiele über das Verhältnis von lokaler Verwurzelung und globaler Anschlussfähigkeit. Herbert Fritschs Produktion „Pfusch“ wird den Kulturkampf um die Volksbühne mitten ins Theatertreffen tragen und dieser Streit spitzt sich auch in der Frage zu, ob ein lokal verwurzeltes Ensembletheater einem Theater als internationaler Plattform freier Gruppen vorzuziehen sei. Ein transnationales Theater könnte einen Ausweg bieten, der eine neoliberale Internationalisierung oder nationale Lokalität vermeiden würde. Dafür könnte sich ein transnationales Theater an den internationalen Netzwerken orientieren, die in den vielen Diaspora sowieso schon gelebt werden, ganz alltäglich und von unten. Die internationale Plattform „shifting perspectives“ des Theatertreffens wird die Chancen internationaler Theaterproduktionen sicherlich kontrovers diskutieren.

2. Was wäre ein Theater als Kontaktzone?

In der Städteforschung wird die Stadt als Kontaktzone beschrieben, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinander treffen und in denen sich darum an den Konfliktlinien von Rasse, Klasse and Geschlecht politische, soziale und künstlerische Kämpfe entfachen. Das Stadttheater könnte der prädestinierte Ort für eine künstlerische Aushandlung der städtischen Konflikte sein. „The Art of Democracy“ heißt bezeichnenderweise die Konferenz am zweiten Wochenende des Theatertreffens. Eine „Kunst der Demokratie“ könnte das Theater werden, wenn es als städtische Kontaktzone agiert, Konflikte aufnimmt, reflektiert und heterogene Gruppen zusammenbringt. Anstatt die Milieus je nach Stück und Theater aneinander vorbei zu führen, wären Produktionen interessant, die Begegnung und Konflikt ermöglichen. Passend dazu entwerfen Studierende der UdK und Bewohner*innen einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im Kunstprojekt „FutureLeaks“ gemeinsam die Zukunft.

3. Wo liegen die Sollbruchstellen zwischen Schauspiel und Performance?

Die Frage ist ein alter Hut, aber sie beunruhigt immer noch mehrere eingeladene Produktionen: Milo Rau stellt die Frage auf spektakuläre Art, wenn er Kinder mit dem Leben und den Verbrechen Marc Dutrouxs konfrontiert. (Five Easy Pieces) Deutlich kühler und distanzierter begleitet die Frage nach der Realität des Schauspiels und der Authentizität der Performance auch die Produktion „Real Magic“ von Forced Entertainment. Demgegenüber wirbelt die überwältigende Installation „Die Borderline Prozession“ von Kay Voges die künstlerischen Gattungen wild durcheinander und vermischt Film-, Musik-, Kunst- und Theaterperformance.

Die drei Fragen adressieren gegenwärtige und mögliche Konfliktlinien im Sprechtheater. Die damit verbundenen Kämpfe werden auch in Wien ankommen und vielleicht werden sie die Theaterlandschaft hier dramatisch umgestalten. Wie könnten die großen Wiener Theater in zwanzig Jahren aussehen? Vielleicht wird sich das altehrwürdige Wiener Burgtheater der bildenden Kunst, der Performance und der freien Szene öffnen und seine Prachtfassade neonpink streichen. Vielleicht entdeckt das Volkstheater die Bevölkerung und erobert sich den öffentlichen Raum der Wiener Märkte mit transnationalem Stadttheater. Vielleicht etabliert sich das Brut als performatives Treibhaus, vom dem aus hybride Mischungen aus Musik, Literatur, bildender Kunst, Tanz und Schauspiel durch die Straßen ranken wie die prächtige Wiener Weihnachtsbeleuchtung. Vielleicht werden Akademietheater und Schauspielhaus transnationale Kontaktzonen, in denen ein heterogenes Publikum in postdramatischen Installationen aufeinander trifft. Und vielleicht bleibt die Josefstadt einfach die Josefstadt. Gegen exzellentes Schauspiel ist ja auch nichts einzuwenden.

Kategorie Kommentar & Debatte
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1987, Philosoph, Autor, Wien. Arbeitet an Formaten, die Philosophie, Kunst und Politik verbinden: Redakteur bei der Zeitschrift für politisch-philosophische Einmischungen engagée, Teil des Kollektivs philosophy unbound, Kritiken für die nachtkritik. Er schreibt an der Universität der bildenden Künste Wien an seiner Promotion "Philosophie der Flucht" und unterrichtet politische Theorie an der Universität Wien.

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