Ein kleines Metropol-Theater: Das Wiener Metropol. Foto (c) Lalo Jodlbauer

Das erste Häuschen am Platz

Wien, Berlin, Hamburg, München: Das Theatertreffen 2018 ist eines der Metropolen und klangvollen Etiketten. Dabei stehen die wirklich wichtigen Häuser doch eigentlich in der Provinz, findet unsere Autorin.

Theresa Luise Gindlstrasser

Theresa Luise Gindlstrasser

Theresa Luise Gindlstrasser hat Philosophie und Kunstwissenschaft studiert. Ist freie Autorin für nachtkritik.de, Falter, Wiener Zeitung, Theater der Zeit und andere. Ist Jury-Mitglied bei Stella – Preis im Bereich Theater für junges Publikum in Österreich. Lebt in Wien. Mag Berlin aber auch. Theresa Luise Gindlstrasser war 2015 Autorin beim Theatertreffen-Blog.

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„Die Metropol-Theater waren so stark in diesem Jahr“, erklärt Jurorin Shirin Sojitrawalla im nachtkritik.de-Videointerview. Die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen beim Theatertreffen 2018 kommen aus Berlin, Berlin, Berlin, Wien, Hamburg, Hamburg, München, München. Und: Zürich und Basel. „So viel Schweiz ist Anlass zur Freude“, freut sich die Neue Zürcher Zeitung. Insgesamt wurde in 54 Städten gesichtet, Inszenierungen aus 14 Städten kamen in die Diskussion. Bochum, Düsseldorf, Duisburg, Graz, Mannheim, Münster, Salzburg und Stuttgart stehen auf der Shortlist, tauchen aber in der Auswahl nicht mehr auf. Während 2017 zehn Inszenierungen aus neun verschiedenen Städten eingeladen waren, kommen die zehn Inszenierungen 2018 aus nur sechs Städten.

„Die Schweiz gehört im deutschsprachigen Theaterraum nicht zu den Platzhirschen.“

Und was für Städte! Das sind doch keine Städte mehr, das sind doch Metropolen. „Mētropolis („Mutterstadt“) nannten die antiken Griechen die Stadt, von der aus eine zugehörige Kolonie gegründet worden war“, steht auf Wikipedia zu lesen. Metropole und Kolonie, aber wie heißt das auf Theatersprech? Mehr so Zentrum und Peripherie, das klingt so theoretisch, oder eben: Metropole und Provinz. Das Theatertreffen 2018 versammelt Inszenierungen von Metropol-Theatern aus Theater-Metropolen. „Die Provinz kommt nicht vor“, konstatiert folgerichtig Susanne Burkhardt für Deutschlandfunk Kultur. Oder, von Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung als Anklage formuliert: „Die Provinz ist erst gar nicht vertreten“. Mathematisch korrekt analysiert, twittert Falk Schreiber von der „Provinzquote 0%“.

Zurück zum Anfang: „So viel Schweiz ist Anlass zur Freude“, freut sich die Neue Zürcher Zeitung über Zürich und Basel. So ein Satz, der impliziert doch irgendwas. Dass zweimal Schweiz im Verhältnis zu einmal Österreich und siebenmal Deutschland „so viel“ ist. Dass das „so viel“ ein „Anlass zur Freude“ und mithin keine Normalität ist. Dass also die „Schweiz“  im deutschsprachigen Theaterraum nicht zu den Platzhirschen gehört. 

Spitzenreiter aus der theaterästhetischen Provinz

Seit 1964, also seit dem ersten Theatertreffen, ergingen insgesamt 49 Einladungen an Produktionen aus der Schweiz. Die Stadt Berlin war mit verschiedenen Häusern am aller-, aller-, allerhäufigsten, nämlich 125 Mal vertreten. Dabei liegt die Schaubühne, 2018 zum ersten Mal seit 2006 wieder dabei, mit 36 Einladungen an der Spitze vor der Volksbühne mit 24. Andererseits steht das Theater mit den meisten Einladungen überhaupt, das Burgtheater Wien, nicht in Berlin, eben noch nicht mal in Deutschland. Wiederum andererseits entfallen von den insgesamt 60 Einladungen an Produktionen aus Österreich nur zwei an Häuser außerhalb von Wien.

Was sich mit diesen Zahlen denken lässt? Dass das Konzept von Metropole und Provinz nicht standortgebunden ist. Es besteht nicht nur ein Zentrum und dann überall Peripherie. Die Übergänge sind fließend und veränderlich, die Verhältnisse stellen sich je nach Perspektive anders dar. So wie es einerseits Provinz-Metropolen gibt, gibt es andererseits Metropol-Theater in der Provinz. Selbst das Burgtheater wird schließlich von Berlin aus gerne als theaterästhetische Provinz verstanden. 

Gar nicht provinziell: Joachim Meyerhoff in „Die Welt im Rücken“ vom Wiener Burgtheater. Foto (c) Reinhard Werner

 

„Das Theater“, also das jeweilige Theaterhaus, hat in einer „Provinz-Stadt“ eine völlig andere Stellung als ein Theater in einer „Metropole“.  Es steht dort nämlich, oft als Mehrsparten-Haus, im Zentrum, ist nicht das erste, sondern vielleicht das einzige Haus am Platz. Größere Städte und somit insgesamt mehr potentielles Publikum erlauben den verschiedenen Häusern und Häuschen differenzierte Programmierungen, Spezialisierungen und theaterästhetische Schwerpunkte im Hinblick auf die eigene Zielgruppe.

„Es hat ja überhaupt keinen Sinn, in die Provinz zu gehen…“

Also nochmal zurück zum Anfang: „Die Metropol-Theater waren so stark in diesem Jahr.“. Von den zehn Inszenierungen 2018 kommen sechs von den fünf Theaterhäusern mit den meisten Einladungen zum Theatertreffen überhaupt. Das sind das Burgtheater Wien, die Münchner Kammerspiele, das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, die Schaubühne am Lehniner Platz und das Thalia Theater Hamburg.

Dass diese „Metropol-Theater“ 2018 „so stark“ waren, lässt sich als Verweis auf das gesamte Sichtungsfeld verstehen. Impliziert wird einerseits, dass jemand stärker, nämlich „so stark“ war und andererseits, dass es auch hätte anders sein können, dass es „in diesem Jahr“ aber „so“ ist. Aber so ein „so“, das kommt ja immer irgendwie zustande. Durch Personen, die in eine Jury geladen werden, Erfahrungen, Erwartungen, Entscheidungsprozesse, durch Personen, die an ein Theater berufen werden, durch Produktionsbedingungen, finanzielle Möglichkeiten, Tradition und Kanon, Freundschaften, Freunderlwirtschaften und alle möglichen sonstigen Verhältnisse.

Metropol-Theater, fußläufig erreichbar

Ein irgendwie zustande gekommenes „so“ lässt sich immer auch vielfach hinterfragen. Sehen wir vom Zentrum aus überhaupt die Peripherie? Und schauen wir hin? Und was macht das mit unserem Blick? Ist die Provinzlosigkeit die Schuld eines „verengten Metropolenblicks“? Das twitterte ebenfalls Falk Schreiber und mahnt damit an Till Brieglebs Aussage, als dieser 2015 noch Juror war: „Es hat ja überhaupt keinen Sinn, in die Provinz zu gehen…“

In der Auswahl 2018 finden sich dafür aber gleich mehrere Arbeiten, die sich unter anderem oder in bestimmter Hinsicht mit „Peripherie“ auseinandersetzen. Mit den toten Winkeln des Denkens, mit den blinden Flecken der Wahrnehmung. Daraus herausgepickt sei kurz und abschließend Thomas Ostermeiers „Rückkehr nach Reims“ nach Didier Eribons 2009 in Frankreich publiziertem, autobiographischen Langessay. Die „Rückkehr nach Reims“ ist nicht nur eine Reise in die geographische Provinz, sie ist auch eine Annäherung ans „provinzielle“ Denken.

Zum Ende ein letztes Mal zurück zum Anfang: Die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen beim Theatertreffen 2018 kommen aus Berlin, Berlin, Berlin, Wien, Hamburg, Hamburg, München, München, Zürich und Basel. Ich lebe übrigens in Wien. In fünf Minuten Gehweg Entfernung zu einer Bühne, die heißt „Metropol“. Dort war ich noch nie.

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