In vielen Dramaturg*innen-Zimmern zu finden: Die gelbe Wand

Die Kritik hört nicht auf

Das Theatertreffen-Blog war für viele Journalisten ein Sprungbrett. Unser Autor schrieb lange für renommierte Zeitungen – und ging dann doch ans Theater. Warum er den Kritikern ihre Verrisse trotzdem nicht nachträgt, erzählt er hier.

Vasco Boenisch

Vasco Boenisch

Vasco Boenisch war Mitglied der Gründungsredaktion der „tt festivalzeitung“ 2005 und arbeitete seitdem als freier Theaterkritiker, u. a. der Süddeutschen Zeitung, und war Mitglied der Jury des Theatertreffens 2011 bis 2013. Seit 2014 ist er als Dramaturg tätig, zunächst bei der Ruhrtriennale und ab der Spielzeit 2018/2019 als Chefdramaturg am Schauspielhaus Bochum.

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Die Premierennacht endete im Rausch. Nach Monaten der Vorbereitung, des Zweifels und Kampfes mit diesem Stück, das kein Stück war, sondern eine Romanadaption, zusammen mit meinem Dramaturgenkollegen erarbeitet, nach wirklich nervenaufreibenden Proben, da schien sich nun all das plötzlich aufzulösen. Der Schlussapplaus war gut, der extra aus dem Ausland angereiste Autor gerührt, und so machte Erschöpfung Stolz Platz, dem Schulterklopfen, dem Geraune, was dieser oder jener wichtige Theatermensch über den Abend Lobendes gesagt habe, und da wurden tatsächlich Superlative ausgepackt. Unsere eigene Unsicherheit – betäubt, einen schönen Abend lang. Freunde prosteten, sagten Nettes oder nichts, und auch befreundete Kritiker*innen waren angereist, aber im Trubel natürlich mit zu wenig Zeit für ernsthafte Gespräche. Die erste Radiorezension, noch in der Nacht, war positiv. Nachtkritik.de auch weitestgehend. Aber dann.

„Wenn genau das abgewatscht wird, was der Kern der Arbeit von Monaten war, dann sollte das doch wenigstens von einem Menschen kommen, den man eh nicht mag oder zumindest nicht persönlich kennt. Oder?“

Am Tag danach ein Komplett-Verriss bei „Spiegel Online“, Breitseite. Auch explizit gegen die Dramaturgie: „Was genau ist die Aussage dieses Abends? Hätte es irgendetwas geändert, wenn ein böser Kobold das Textbuch einmal in die Luft geschleudert und die Szenenabfolge neu gemischt hätte?“ Das saß. Tat weh. Machte wütend. Gefühl des Unverstandenseins (und des Verständnisunvermögens seitens der Kritik). Vor allem war da die Autorenzeile: Die Rezensentin war eine Freundin.

Verrissen zu werden, muss man aushalten. Das habe ich früher anderen gesagt, jetzt sage ich es mir. Kunst ist immer Versuch und Wahrnehmung. Aber wenn genau das abgewatscht wird, scheinbar ignorant, was der Kern der Arbeit von Monaten war, dann… ja, dann sollte das doch wenigstens von einem Menschen kommen, den man eh nicht mag oder zumindest nicht persönlich kennt. Oder? Kritikfähigkeit. Die kann man wirklich trainieren, wenn man ans Theater geht. Und zwar nach beiden Seiten: Umgang mit externer Kritik – und Kritikkultur im Inneren.

Die Codes der Premierenfeierkommunikation

Wie gut hat es der Rezensent: Er verlässt eine Premiere wütend, gelangweilt, kopfschüttelnd und muss sich vor niemandem verantworten als seinem eigenen Gewissen. (Sehr selten, dass mal ein*e Leser*in oder ein*e Künstler*in persönlich Rechenschaft verlangt.) Aber wieviel delikater ist es, jemandem, den man schätzt oder mit dem man zusammenarbeitet, eine wahrhaftige kritische Meinung zu sagen?

Es gehört zum Ethos mancher Kritiker*innen, auch öffentliche Premierenfeiern zu meiden (was ich im Übrigen übertrieben finde; denn Theater sind gesellschaftliche Kommunikationsorte, selbst für Rezensent*innen, und ein Dialog über das gerade Gesehene sollte nicht die Unabhängigkeit beeinträchtigen). Aber was Journalist*innen gelinde übergehen können, gehört für alle am Theater unabdingbar zum Einmaleins: die Codes der Premierenfeierkommunikation.

Nicht nur für Kritiker schwieriges Terrain: Die Premierenfeiern, hier von „der die mann“ beim Theatertreffen 2016. Foto (c) Judith Buss / Theatertreffen Blog 2016

Ein freudestrahlendes „Gratulation!“, jedoch ohne konkretisierenden Anschlusssatz, kann man auch als diplomatische Version von „Ich fand’s furchtbar“ verstehen. Folgt wenigstens eine innige Umarmung, kann es heißen: „Aber ich mag dich trotzdem.“ Ein vertraulicher Augenaufschlag dazu: „Ich kann mir vorstellen, wie du gelitten hast.“ Es hilft, wenn man zumindest Details der Inszenierung lobend herauspicken kann. Damit lässt sich einige Zeit überbrücken, ohne das Gesicht zu verlieren. Denn: Nur die wenigsten Theatermenschen sind so masochistisch (oder zynisch) eingestellt, auf ihrer eigenen Premierenfeier mit Kritik konfrontiert werden zu wollen. Es ist ja nicht nur eine Premiere, sondern auch eine Feier. Und das zu respektieren, bleibt das oberste Kolleg*innengebot.

„Theater ist permanente Selbstbestimmung, wo man steht und wofür. Wir brauchen Raum, Zeit und Sensibilität für eine lebendige Kritikkultur.“

Entscheidend ist, wie es dann weitergeht, nach ein paar Tagen Abstand, oder Wochen. Gibt es ein internes Klima, in dem offen und fair diskutiert werden kann? Ohne Angst? Von außen betrachtet, aus der Perspektive des ehemaligen Journalisten, mag das doch nicht so schwierig sein. Professionalität! Aber wo Künstler*innen ihre Persönlichkeit mit in die Waagschale werfen, lassen sich Urteile nicht so leicht abstrahieren. Kritik an Kunst trifft persönlich. Das macht es so schwer, sie kollegial zu formulieren.

Welche Formen und Foren lassen sich schaffen, in denen miteinander diskutiert, auch gestritten, werden kann – innerhalb des Theaters? Nichts erscheint mir unkonstruktiver, und damit letztlich auch unkreativer, als ein verschwiegenes Immer-weiter-so. Theater ist permanente Selbstbestimmung, wo man steht und wofür. Wir brauchen Raum, Zeit und Sensibilität für eine lebendige Kritikkultur. Dabei spielen analytische, rationale Kriterien ebenso eine Rolle wie Geschmack. „Über Geschmack kann man nicht streiten“, sagt der Volksmund. „Über Geschmack muss man streiten“, sagt Johan Simons. Damit hat er Recht.

Zwei Wochen Enttäuschung als Abnabelungsprozess

Kritikempfangen und Kritiküben – damit setzt man sich als Kritiker weniger auseinander als als Dramaturg. Das klingt paradox, aber das denke ich heute. Heißt nicht, dass man als Rezensent nicht verantwortungsvoll seine Worte wägt. Aber Kritiker*innen müssen frei ihr Urteil formulieren können dürfen. So wie das Publikum auch nicht mitbedenken muss, ob ein „Buh“, ein Türknallen, ein Keine-Karte-Kaufen jemanden enttäuscht.

Der Journalist hat Verantwortung für sein Urteil. Und für das Renommee der Zeitung, für die er schreibt. Das ist vergleichsweise überschaubar. Im Zweifelsfall – im Fall des Zweifels an der eigenen Meinung – tröstet man sich damit, dass ein paar Tage später die Kritik vergessen und schon der nächste Text zu schreiben ist und sowieso ja (hoffentlich) nicht nur eine Rezension pro Aufführung erscheint.

War richtig teuer: Der Volksbühnen-„Faust“ als Wiederaufnahme beim Theatertreffen 2018. Foto (c) Thomas Aurin

Der Dramaturg dagegen trägt (mit) Verantwortung für: mehrere Dutzend Kolleg*innen, für zigtausende, manchmal hunderttausende von Euro – für eine ganze Theateraufführung, die nach sechs, acht, zehn Wochen Probenzeit die bestmögliche Version ihrer selbst sein soll. Abwägungen unentwegt: welche Themen, Stoffe, Stücke, welche Künstler*innen, welche Texte, Sätze, Worte, welche Blicke, Gesten, Gänge auf der Bühne – ist es so besser oder so? Was denkst du? Sag mal was! Urteile unentwegt. Entscheidungen mit Folgen, die während des Prozesses nie ganz absehbar sind. Die sieht man dann am Premierenabend. Und in der Kritik. Spiegel dessen, was gewollt wurde, ob es erreicht wurde.

Theater braucht Theaterkritik

Noch mal zurück zur Eingangsszene. Zwei Wochen hielt damals meine Enttäuschung an. Es kamen noch andere negative Rezensionen dazu (bezeichnenderweise lehnte die SZ im Detail ab, was die FAZ im Detail lobte und umgekehrt, es war also durchaus alles etwas widersprüchlich, aber am Ende überwog die Kritik an der Inszenierung). Zwei Wochen als Prozess. Als Abnabelung von privater Identifikation hin zu so etwas wie kritischer Distanz.

Es hilft wohl, dass ich mal auf der anderen Seite stand. Ich weiß, wie ernst die Besten ihres Fachs, und mit einigen von ihnen konnte ich jahrelang zusammenarbeiten, ihren Beruf nehmen. Und genauso weiß ich, wie diese Texte manchmal entstehen (müssen), welche Zwänge herrschen, wie sich auch die Arbeitsbedingungen entwickelt haben. Ich ärgere mich über gedankliche Schlampigkeit (aber das tat ich früher auch schon), und ich bedauere fehlende Seherfahrung, wo sie strukturell bedingt ist. Aber ich verteidige ehemalige Kolleg*innen gegen Verschwörungstheorien, nicht zuletzt, weil ich selbst solcher Verschwörungen bezichtigt worden bin. Theater brauchen Theaterkritik. Daran hat sich für mich nichts geändert. Und schlechte Verlierer im Theater sind mir immer noch unsympathisch. Man darf zornig, verletzt, auch traurig sein. Aber nicht nachtragend. Oder? Fragen Sie die Kollegin vom „Spiegel“.

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