Party, Tanz und Diskurs: "Chombotrope" von The Jitta Collective bei Shifting Perspectives. Foto (c) © Martin Rottenkolber

Diversity Is Our Buzzword

Das Theatertreffen feierte unter der Woche Bergfest – mit Shifting Perspectives. Die letztes Jahr ins Leben gerufene Plattform für internationale Gastspiele machte ihren Namen zum Programm – und brachte neues Publikum ins Haus.

Valerie Göhring

Valerie Göhring

Valerie Göhring studiert Theaterwissenschaften und Urbanistik in Leipzig. 2014 Teilnahme am Forum junger Theaterkritiker der Theaterbiennale in Wiesbaden. 2015 Stipendiatin des Theatertreffen-Blog. Anschließend Dramaturgieassistentin am Schauspiel Frankfurt und berufsbegleitendes Studium „Kuratieren in den szenischen Künsten“. 2017/18 arbeitet sie in der Dramaturgie des Berliner Ensembles. Ab der Spielzeit 2018/19 ist sie Dramaturgin an den Münchner Kammerspielen.

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Perspektiven schaffen, das bedeutet vor allem ein permanentes Daranarbeiten, von allen möglichen Seiten. Es bedeutet aber auch: Privilegien hinterfragen, Sichtweisen revidieren, andere Geschichten zulassen. Shifting Perspectives ist darum neben künstlerischen Fragestellungen und Auseinandersetzungen gerahmt von zahlreichen Diskurs-Veranstaltungen, die unter dem Titel „Unlearning“ auf dem Programm stehen. Ein Konzept mit dem zuletzt Documenta-Leiter Adam Szymczyk und sein Team auf starken Gegenwind gestoßen sind. Beim Theatertreffen weht der Wind aber erst mal aus einer ganz anderen Richtung und die ist weiblich. Bei der Veranstaltung „Unlearning Patriarchat“ wird fortgesetzt, was die „Burning Issues“-Konferenz in Bonn dieses Jahr angestoßen hat: Gemeinsam die exkludierenden Strukturen des Theaters hinterfragen, um sie auch gemeinsam zu ändern. Oder neu zu erfinden. Das wäre die eine Seite. Aber wie sieht es mit den unterschiedlichen Perspektiven aus? Welche Form finden zeitgenössische Künstler*innen, um unsere Gegenwart zu hinterfragen und zu destabilisieren? Kurz: wie macht sich die Theorie des Verlernen in der Praxis?

Chiffre des schwitzenden Kolonialisten-Rückens: „Solar: A Meltdown“ bei Shifting Perspectives. Foto (c) Hideto Maezawa

In der Lecture-Performance „Solar: A Meltdown“, die den Auftakt des Programmes bildete, erzählt Ho Rui An in einer Art TED-Talk die Kulturgeschichte des schwitzenden Männerrückens. Lässt sich Kolonialismus mit Hilfe von Hollywood-Filmen erklären? Ho Rui An zieht überraschende Verbindungen zwischen oberkörperfreien Männern, nie-schwitzenden Frauen und einer mobilen Unterschicht, auf deren schwitzenden Rücken die Welt sich weiterdreht und uns, die wir im Utopia der supergekühlten Shoppingmalls versuchen, dem Schwitzen zu entkommen.

Können wir den Schmerz des Anderen spüren?

Die zweite Performance „Preto“ der companhia brasileira de teatro kommt dann auch gleich mit Achille Mbembe um die Ecke: der schwarze Körper steht hier im Mittelpunkt und mit ihm alle Vorurteile und Rassismen, denen er täglich ausgesetzt ist. Schwarzsein als Zivilisationsform. Geschichte wird hier verhandelt als eine Geschichte des Schmerzes und der Marginalisierung. Mechanismen von Ausgrenzung werden spürbar gemacht und ihnen wird mit einer maximal menschlichen Geste geantwortet: Der Suche nach Dialog. So startet die Performance erst, nachdem das Publikum das Bühnenbild gemeinsam mit den Performer*innen in Position gebracht hat. Standing Ovations. Schon hier wird deutlich, wie nah die diesjährige Zehnerauswahl in Teilen den Gedanken und Versuchen der Plattform ist. Mit Anta Helena Reckes Inszenierung „Mittelreich“ wird die Frage nach der Repräsentation von schwarzen Schauspieler*innen in den Mittelpunkt gestellt, aber auch gefragt, wie Geschichten anderes wahrgenommen oder gehört werden, wenn sie von nicht-weißen Schauspieler*innen erzählt werden. Oder auch zu Karin Henkels Geschichtserweiterung „Beute Frauen Krieg“, in der den allbekannten Antike-Erzählungen eine bisher nicht-erzählte weibliche Perspektive hinzugefügt wird – und somit ebenfalls versucht wird, Geschichte (so, wie wir sie kennen) zu verlernen.

Shifting Perspectives sucht und findet den Dialog. Jetzt kann man sich nur wünschen, dass er in den nächsten Jahren dort geführt wird, wo er hingehört. Auf der großen Bühne und nicht im Seitenfoyer!

Von einer Veranstaltung geht es zur nächsten. Man muss auswählen, denn das Programm ist eng gestrickt. Je später der Abend, desto lauter die Performance. Nach der Fashion-Show-Party-Tanz-Performance „Chombotrope“ des Jitta Collectives führt Antje Schupps „Pink Money“ ins Herz der Berliner Festspiele – direkt auf die Unterbühne. Und hier schlägt ein Herz (zumindest an diesem Abend) für Party, Protest, Politik und Spaß. Immer wieder wird das Partysetting durch spielerische Einschübe unterbrochen, die deutlich machen, das seit Orlando (und davor) auch ein Club kein Safe-Space mehr ist. Gleichzeitig lassen die Performer*innen keinen Zweifel aufkommen, dass sie weiter feiern werden. Eine spannende Intervention im dominanzkulturellen Raum.

Keine Safe-Spaces mehr: Club-Performance „Pink Money“ bei Shifting Perspectives. Foto (c) Suzy Bernstein

Kuratorische Arbeit steuert die Erzeugung von Bedeutung auf der einen und Wert auf der anderen Seite. Sie kann herkömmliche Vorstellungen von Kunst und Kultur hinterfragen. Die Herstellung von Räumen, in denen marginalisierte Perspektiven im Kontext mit etablierten Perspektiven stehen und im besten Falle eine Herausforderung eben dieser Sehweisen sind, ist die Kernaufgabe einer kritischen kuratorischen Praxis. Shifting Perspectives sucht und findet den Dialog. Jetzt kann man sich nur wünschen, dass er in den nächsten Jahren dort geführt wird, wo er hingehört. Auf der großen Bühne und nicht im Seitenfoyer! Die diesjährige 10er-Auswahl der Jury macht dahingehend Hoffnung. Am Ende lässt sich sagen: Shifting Perspectives? Auftrag erfüllt!

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