Grandioses Sprechtheater: Christopher Rüpings Inszenierung von "Trommeln in der Nacht" an den Münchner Kammerspielen. Foto (c) Julian Baumann

Eine Dosis Revolution

Heute hat mit „Trommeln in der Nacht“ die erste von zwei Inszenierungen der Münchner Kammerspiele TT-Premiere. Trotzdem muss Intendant Matthias Lilienthal 2020 gehen. Über unerwiderte Revolutionsgefühle an der Isar.

Willibald Spatz

Willibald Spatz

Jahrgang 1977, studierte Biologie in Würzburg und Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Lebt bei Augsburg, schreibt (Kriminal-)Romane und ist Autor für die Süddeutsche Zeitung (Münchner Kultur), nachtkritik.de und Theater der Zeit. Willibald Spatz war Autor für die Festivalzeitung 2005.

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Theater muss sich verändern. Die Welt und die Gesellschaft verändern sich ja schließlich auch. Aber Veränderung ist nur erkennbar im Vergleich zu dem, was es vorher schon gab. Deswegen kann man auch anders sein, ohne etwas Neues zu erfinden. Hauptsache das, was man macht, ist anders als alles, was es dort schon gibt, wo man das Andere versucht. Oder wie es der Münchner Karl Valentin ausgedrückt hat: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“

Warum die heutigen Münchner und der momentane Intendant der Münchner Kammerspiele nicht mit einander auskommen, ist umso verzwickter, je länger man versucht, dem Problem auf den Grund zu gehen. Zunächst waren die Münchner aufgeschlossen. Am Anfang stand gleich mal kein Theaterstück, sondern eine Übernachtung. In provisorischen Hütten, die für maximal 250 Euro Materialeinsatz errichtet worden waren, sogenannten „Shabbyshabby Apartments“, konnte man die erste Nacht verbringen. Eine freundliche Art für einen Berliner, sich der Stadt München anzunähern. Was ist jenseits von Bayern über München bekannt? Dass das Wohnen hier absurd kostspielig ist. Bloß: Will sich das hier noch jemand erzählen lassen, wenn er eh schon unter den teuren Verhältnissen leidet?

Irritation zum Intendanzstart: „Shabbyshabby Apartments“ in München. Foto (c) Jakob Schoof

Zu Beginn hatte man noch Geduld mit dem Fremden, der es hier probiert. Er bemühte sich, immerhin. Matthias Lilienthal war ein greifbarer Intendant, der sich sehen ließ in seinem Haus und auch in anderen Theatern. Irgendwann jedoch riss der lokalen Großkritik der Geduldsfaden. Konkreter Anlass war der Abgang einiger lieb gewonnener Ensemblemitglieder wie Brigitte Hobmeier, Katja Bürkle und Anna Drexler. Die fühlten sich nicht mehr zuhause in den Kammerspielen. Auf einer ganzen Seite im Feuilleton der Süddeutschen wurde uns erklärt, warum das nichts ist und auch nichts mehr werden kann unter Lilienthal: Kein solides Sprechtheater mehr, kein sauberes Schauspielhandwerk mehr, nur noch Performances und Kochkurse auf der Bühne. Das beste Ensemble Deutschlands, vielleicht sogar der Welt, vernichtet wie ein Schneemann in der Frühlingssonne. Katastrophe.

Kammerspiele, das bedeutete: Qualität

Immerhin ist da auf der anderen Straßenseite noch das äußerst sprechtheaterfreundliche Residenztheater, eine Theatermaschine mit einem immensem Ausstoß an Premieren aller Art: klassisch, originell, ordinär, modern, post-modern. Und vor allem mit einem immer tolleren Ensemble, nachdem einige der von den Kammerspielen Abgewanderten im Residenztheater bei Martin Kušej unterkamen. Nur eins war man hier eben nie: revolutionär.

Ein bisschen Revolution hätten die Münchner dann eben doch ganz gern. Und die richtige Dosis Revolution hatte man auch noch nach Ansicht vieler in der Ära Baumbauer mit Inszenierungen wie dem „Othello“ Luk Percevals oder mit Andreas Kriegenburgs „Nibelungen“, die beim Theatertreffen 2005 abräumten und sogar in Berlin die Zuschauer enthusiasmierten. Oder Heiner Müllers „Anatomie Titus“, das der spätere Intendant Johan Simons parallel zu einem „Titus Andronicus“ im Residenztheater herausbrachte. Während im Bayerischen Staatsschauspiel literweise Theaterblut floss und lebensecht Gliedmaßen abgetrennt wurden, konnte man an den Kammerspielen sehen, wie fein das Ensemble zusammenwirkte.

„Das Blöde ist: Die Motzerei läuft schon allein deswegen ins Leere, weil in den Kammerspielen eben doch richtig Theater gespielt wird.“

Johan Simons als Intendant wiederum arbeitete konsequent an eines Internationalisierung des Hauses, im Ensemble fanden sich neue Publikumslieblinge. Die Münchner Theaterwelt blieb in Ordnung. Man wusste weiterhin, was man bekam und man wusste, dass es Qualität war, weil es ja die Kammerspiele waren.

Und genau das weiß man jetzt unter Lilienthal eben nicht mehr. Man weiß noch nicht mal, ob das revolutionär ist, was man da zurzeit geboten bekommt oder ein Scheiß, den man in Berlin schon hunderttausend Mal gesehen hat und hier halt neu und abgefahren findet, weil man so wenig weiß oder so naiv ist, sich in ein Theater reinzusetzen und einfach mal abzuwarten, wie das, was da auf einen zukommt, wirkt.

Mehr Theater war unter Baumbauer und Simons auch nicht

Immerhin erkennt ein Großteil der Kritiker mittlerweile an, dass all die theatralen Maßnahmen respektive Theateraufführungen ein anderes Publikum in die Kammer locken konnten: Jüngere, Menschen mit Migrationshintergrund, eher Bildungsferne et cetera. Der Preis sei allerdings geistige Schlichtheit, bemängeln manche. Die bloße Erkenntnis, dass man ein bisschen netter zueinander sein solle, reiche halt nicht, werfen die ein, für die die Menge an Erkenntnisgewinn ein zuverlässiges Qualitätsmerkmal für ein Theatererlebnis ist. Mit fröhlichem Halbwissen bildet man sich schnell eine Meinung. Die CSU-Fraktion jedenfalls hat beschlossen, einer Vertragsverlängerung mit Matthias Lilienthal nicht mehr zuzustimmen. Das heißt, er muss 2020 gehen. Matthias Lilienthal nahm’s äußerlich gelassen hin.

Theatrale Überschreibung: Anta Helena Reckes Inszenierung „Mittelreich“, die zweite Kammerspiele-Inszenierung beim Theatertreffen 2018. Foto (c) Judith Buss

Das Blöde ist: Die Motzerei läuft schon allein deswegen ins Leere, weil in den Kammerspielen eben doch richtig Theater gespielt wird. Bestes Beispiel ist Christopher Rüpings „Trommeln in der Nacht“. Man kann über diesen Umgang mit einem Brecht-Text diskutieren, doch zweifellos wissen hier alle Beteiligten, wie sie ihre Theatermittel einsetzen, um Wirkung zu erzielen. Diese Inszenierung ist großartiges Sprechtheater mit herausragenden Schauspielern, eine Einladung, über das Stück und seine Umsetzung zu streiten. Mehr Theater war unter Baumbauer und Simons auch nicht.

Aber auch andere grandiose Abende wie die „Mittelreich“-Überschreibung von Anta Helena Recke, Ersan Mondtags Auseinandersetzung mit dem NSU-Prozess in „Das Erbe“, „No Sex“ von Toshiki Okada oder Christopher Rüpings Adaption von Miranda Julys „Der erste fiese Typ“ beweisen, wie wichtig es ist, dass sich das Theater radikal zu seiner Subjektivität bekennt, um einen Hauch von Objektivität und damit Relevanz zu besitzen.

Die Kammerspiele sind im Moment wild, streitbar, experimentierfreudig, bewusstseinserweiternd. Die CSU will übrigens nicht mehr schuld sein. Lilienthal hätte ja um seine Verlängerung kämpfen können. Jetzt stehen die Politiker vor der schrecklichen Aufgabe, einen neuen Intendanten zu finden, der auf jeden Fall langweiliger ist als der vorherige. Karl Valentin hatte Recht: „Die Zukunft war früher auch besser.“

8 Kommentare

  1. nikolaus merck

    Ihr Lieben,
    drittletzter Absatz: „Man kann über diesen Umgang mit einem Brecht-Text diskutieren, doch zweifelhaft wissen hier alle Beteiligten, wie sie ihre Theatermittel einsetzen, um Wirkung zu erzielen. “
    Nicht „zweifelhaft“, sondern „zweifellos“.
    Gruß

    • Janis El-Bira
      Janis El-Bira

      Vielen Dank für den Hinweis! Ist bereits korrigiert.
      Herzliche Grüße!

  2. Jeanette Schirrmann

    Ich habe nur die zweite Version gesehen,
    doch finde ich es schade um das schöne Stück.
    Bin spontan in das Stück gegenagen ohne Vorkritiken und
    als Bühnenbildnerin habe ich mich viel mit Brecht auseinandergesetzt .
    Es ist Zeitlos und kann auf heute inhaltlich übertragen werden und schade
    das die Form einen Stil durchgehend ……

    Ich liebe Stummfilme und alte Aufführungen in der konservativen Modernen….bei Castorf war durchgehen durchgearbeitet ,auch wenn ich den Inhalt von Faust aus der Perspektive als Frau-Mutter und Geschiedene betrachte und keine Unterhaltsflüchtlinge vertrete-die Frauen dafür verachten….hat castorf Stilbrüche fliesend kombiniert mit moderne zeitgenössische Formen…..das fehlte mir in Trommeln in der Nacht und Musik mit diesen komischen Seit(F)ensspreche altmodische 80/90 Romazenmusik ,hat nun wahrlich alles zersetz und war aufgesetzt.Zum Schluss die Fassbinderlampen mit beleuchteten Zuschauerraum die Performance hat das Publikum mich mit seiner Revolution wahrlich nicht erreicht…..ich selbst bin Straßentheater aufgestellt im Wahlkampf-und natürlich als Hausbesetzer-Kind wurde Privates und Politik nie getrennt…..

    Politik fängt am Küchentisch an und kann in Krieg auf allen Ebenen enden……es gibt viele Gesichter vom Krieg-hier in deutschland pflegt man die Wohlfahrts-Psycho-mafia mit ihren Pharmabomben-Drogenkartelle…….so alt ist Brecht noch nicht.

    • Janis El-Bira
      Janis El-Bira

      So sehr ich mich auch bemühe, verstehe ich erneut doch nur sehr partiell, was Sie meinen…

      • Jeanette Schirrmann

        es tut mir leid ,für Sie und jede Kunst hat sein Publikum und dies Kunst ist nicht mein und Ihr Publikum.

        Vielleicht verstehen sie das und ich verstehe die Münchner, als West Berlin.

        Traditionelles Theater in Kontext zu heute fehlt mir in der Theaterlandschaft und ich besuche die Berliner Bühnen wie Hebel“Hau“ und co nicht mehr und schaue mir lieber Rotkäppchen im Kasperletheater an,wenn es gut durchgearbeitet ist.

        Man kann alles machen, doch das durchgelutschte rattatabum ohne Faden ist nicht meins .Vielleicht bin ich auch zu doof dazu.

        Ich gebe mir Mühe in mein Theater und sie sind bestimmt auch nicht mein Publikum .Ich verstehe das Stück schon und wenn ich von der Brechtfamilie wäre hätte das nicht zu gelassen.Schade um das Stück und Zwei Enden doppelt betrachtet selbts ohne Ticket ,hätte ich mir nicht angetan im Gegensatz zur Castor 7 Stunden hätte ich mit Genus gesehen.

  3. Jeanette Schirrmann

    es tut mir leid ,für Sie und jede Kunst hat sein Publikum und dies Kunst ist nicht mein und Ihr Publikum.

    Vielleicht verstehen sie das und ich verstehe die Münchner, als West Berlin.

    Traditionelles Theater in Kontext zu heute fehlt mir in der Theaterlandschaft und ich besuche die Berliner Bühnen wie Hebel“Hau“ und co nicht mehr und schaue mir lieber Rotkäppchen im Kasperletheater an,wenn es gut durchgearbeitet ist.

    Man kann alles machen, doch das durchgelutschte rattatabum ohne Faden ist nicht meins .Vielleicht bin ich auch zu doof dazu.

    Ich gebe mir Mühe in mein Theater und sie sind bestimmt auch nicht mein Publikum .Ich verstehe das Stück schon und wenn ich von der Brechtfamilie wäre hätte das nicht zu gelassen.Schade um das Stück und Zwei Enden doppelt betrachtet selbts ohne Ticket ,hätte ich mir nicht angetan im Gegensatz zur Castor 7 Stunden hätte ich mit Genus gesehen.

    • Jeanette Schirrmann

      schade das dass theatertreffen nicht mehr sowie früher ist und viele Diskurse und mitmachbühne wegfällt-das theatertreffen war mal aus Protest entstanden und ich bin damit aufgewachsen.vielleicht sollten wir eines neues gründen von und für uns West Berliner im Austausch-früher gab es eine große Theaterfestivalwiese für viele freie Theater……..ich muss halt ein eigenes gründen und bin dabei .

      Vielfalt ist eine Bereicherung für unsere Stadt und jede Kunst hat ihr Publikum.
      Jetzt werde ich meine Kostbare Zeit nicht mehr verschenken für solche Stücke und bin froh das ich in Königsweg keine Karte mehr bekommen habe und mir lieber Blumen zum Muttertag schenken lassen habe.

  4. Jeanette Schirrmann

    soviele Tippfehler…..und war einfach genervt und die Spaltung der Gesellschaft sieht besonders in den Theaterhäusern-der Spiegel-das Publikum bestand aus vielen Grünen SPDler und co .
    Es wäre schön wenn alle Platz hätten in der Welt und die unterschiedlichen Perspektiven-Brecht ist noch nicht alt -was mir aufgefallen ist,das es keine Videoprojektion gab und das muss ich doch wohl loben….hat man heute nur in Opernhäuser.
    Was nicht verstand wurde-Bildlich-es gibt verschiedene Formen vom Krieg und zu Zeit ist es nicht der Spartakusaufstand-sondern kurz davor und mit Drogenkartellen und Wirtschaftskrieg vergleichbar.Nur ganz anders schlimm ,damals waren die Bürger gegen Staatsgewalt und heute sind die Bürger untereinander- verstorkt mit Trittbrettfahrer.Die Hassreden gegen Andersdenkenkende gehen mir auf den nerv und das unreflektierte-ich habe einfach nur geantwortet im Publikum das ich die Popmusik nicht gut fand und es das Stück kaputt gemacht hat-die ästhetische Form. Ich hoffe das ist jetzt verständlicher und ich war ja wohl auch nicht die einzigste und habe einige zustimmung erhalten und auch wenn ich die einzigste war-auch gut-Am Freitag werde ich vorbeikommen und mal sehen ob ich mich noch traue was zu sagen-das finde ich schlimm und Schaft Spaltung-so gewinnen die Rechten noch mehr Publikum-das finde ich auch nicht gut.Die andere Seite verhält sich auch nicht besser und bleibt sich gleich.Schlimm ist,wenn die Menschen bevormunden und andere sich nicht mehr trauen was zu sagen.Dafür ist Theater da -doch auch die Nazis und die Borschiwisten-DDR und co benutzen Theater als Volkspädagogik -Erziehung-nach Brecht.

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