Schwingt sich noch einmal auf: Frank Castorfs epische "Faust"-Inszenierung. Foto (c) Thomas Aurin

Heimspiel unter Flutlicht

Heute eröffnet das 55. Theatertreffen mit Frank Castorfs Volksbühnen-„Faust“. Doch auch sonst muss Berlin trotz eines stürmischen Jahres bei der großen Leistungsschau nicht um seine Ehre fürchten. Ein Lagebericht aus der Hauptstadt.

Sophie Diesselhorst

Sophie Diesselhorst

Jahrgang 1982, hat Philosophie und Kulturjournalismus studiert. Seit 2005 ist sie von Berlin aus als freie Autorin und Redakteurin für verschiedene Print- und Online-Medien tätig. Sie ist Redakteurin bei nachtkritik.de und war Mentorin beim Theatertreffen-Blog 2011.

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Berliner Produktionen beim Theatertreffen sind auch deshalb praktisch für die Berliner Festspiele, weil das billiger ist als Große-Bühne-Gastspiele vom Burgtheater herzutransportieren – normalerweise. Denn die Kosten senkt der hohe Berlin-Anteil an den zehn Einladungen dieses Jahr ja nicht, im Gegenteil: Der Umzug von Frank Castorfs „Faust“ auf die Festspielebühne macht die Produktion zu einem der teuersten Gastspiele in der Geschichte des Theatertreffens. Immerhin fällt dafür das Gastspiel der anderen superaufwändigen Berliner Produktion, die die Jury eingeladen hat, „aus terminlichen Gründen“ (leider! leider!) aus: das „Nationaltheater Reinickendorf“ von Vegard Vinge und Ida Müller.

Rituelle Verabschiedung des Körpers

Die Entscheidung der TT-Jury fürs „Nationaltheater Reinickendorf“ führte dazu, dass die Berliner Festspiele sich de facto selbst einluden – die Produktion kam im Sommer 2017 im Rahmen ihres ersten „Immersion“-Festivals heraus. Aber sie haben Vinge/Müller nicht für Berlin und die deutschsprachige Theaterwelt entdeckt: Das war die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, in deren Prater im Herbst 2011 „John Gabriel Borkman“ Premiere hatte, die Produktion wurde zum Theatertreffen 2012 eingeladen und war dort die mutmaßlich Meistbeachtete und -diskutierte.

„Wir sind in BERlin, wir haben einen Ruf zu verteidigen als Geldverschwender.“

Ja, die Volksbühne, man kann ihr (auch hier) nicht aus dem Weg gehen. Schon gar nicht, wenn man sich fragen möchte, inwiefern die diesjährigen Theatertreffen-Einladungen das Berliner Theatergeschehen des letzten Jahres widerspiegeln – schließlich prägt die Diskussion um das Schicksal des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz seit geschlagenen drei Jahren das Theater-, ja Kulturleben der Stadt und reißt natürlich auch nach Chris Dercons abruptem Abgang nicht ab. Den bombastischen Umzug von Castorfs „Faust“ ins Haus der Berliner Festspiele hätte es nunmehr eigentlich nicht gebraucht, die Volksbühne ist wieder frei, aber gut: Wir sind in BERlin, wir haben einen Ruf zu verteidigen als Geldverschwender.

Theatertreffen ohne Tortenwurf: Das „Nationaltheater Reinickendorf“ kann nicht gezeigt werden. Foto (c) Julian Röder / Berliner Festspiele Blog

#IronieOff: Mit ihrer Einladung des „Faust“ (und indirekt eben auch mit der Entscheidung fürs „Nationaltheater Reinickendorf“) – wohl beide unbestrittene Highlights des letzten Berliner Theaterjahrs – hat die Theatertreffen-Jury also die überregional prägende Rolle der „alten Volksbühne“ noch einmal hervorgehoben. Aber sie hat auch eine Produktion aus Dercons umstrittenem Programm diskutiert: Susanne Kennedys „Women in Trouble“ stand in ihrer rituellen Verabschiedung des Körpers hochsymbolisch für die Austreibung des Castorf-Theaters aus der Volksbühne – und lässt sich für hartgesottene Fans der Meta-Dialektik übrigens am Theatertreffen-Eröffnungswochenende ebendort besichtigen: Ganz zufällig (?) steht „Women in Trouble“ am 5. und 6. Mai auf dem Volksbühnen-Spielplan.

Inkubator eines neuen Volkstheaters

Die Volksbühne ist Brennpunkt verschiedenster ästhetischer, politischer und stadtgesellschaftlicher Diskurse – wieviel hier zusammenläuft, wurde sichtbar während eines Wochenendes im September 2017, als Aktivist*innen das Haus besetzten, auch wenn ihre „transmediale Theaterinszenierung“ letzten Endes in banales Gefeier ausartete. Über das Theater AUF der Volksbühne wurde hingegen im vergangenen Jahr nicht wirklich gestritten; im ersten Halbjahr 2017 wurde Castorfs Abschied immer frenetischer gefeiert, im zweiten Halbjahr blieb Dercon das Publikum weg, und die Diskussion entzündete sich weniger an seinem ästhetischen Programm als an der Frage, ob es – über die Ahnung hinaus, die „Women in Trouble“ vermittelte – überhaupt eins gibt, das ernstzunehmen sein könnte.

„Das Gorki scheint nach seinem sensationellem Start unter Shermin Langhoffs Intendanz an überregionaler Strahlkraft eingebüßt zu haben.“

Kontinuierlicher mit seriöser Aufmerksamkeit von Kritik und Publikum konnten die Abende rechnen, die in den anderen Berliner Häusern über die Bühne gingen: Vor allem das Maxim Gorki Theater legte wieder stark vor und war auch gleich mit drei Inszenierungen in der Diskussion der Theatertreffen-Jury, „Winterreise“ und „Roma Armee“ von Yael Ronen und „Verräter“ von Falk Richter. Aber keine der drei ist eingeladen. Das Gorki scheint nach seinem sensationellem Start unter Shermin Langhoffs Intendanz an überregionaler Strahlkraft eingebüßt zu haben, war letztes Jahr schon nicht mehr beim Theatertreffen zu Gast.

Dabei wirkt es als Inkubator eines neuen Volkstheaters mit integrativer Kraft für die diverse Großstadtgesellschaft in Berlin weiterhin inspirierend und ist, alles andere als erfolgsgesättigt, von einem experimentellen Geist durchweht, der sich zum Beispiel in gewagten Arbeiten mit dem Exil Ensemble zeigt. Aber auch darin, dass die Gorki-Produktionen durchsprenkelt sind von Auseinandersetzungen der Schauspieler*innen, Autor*innen und Regisseur*innen mit dem Schaffen ihrer Kolleg*innen. Etwa dann, wenn Sivan Ben Yishais von Marianna Salzmann inszenierter Monolog „vom Leben und Sterben des Juppi Ja Jey Juden“ in einer kritischen Reflektion der „Flüchtlinge Fressen“-Aktion des Zentrums für politische Schönheit kulminiert – ebenfalls hosted by Gorki.

Die Hohepriesterin des Schaubühnen-Naturalismus

Von den von der TT-Jury diskutierten Gorki-Arbeiten ist mindestens Yael Ronens „Roma Armee“ in jeder Hinsicht knalliger geraten als die dritte Berliner Theatertreffen-Einladung, Thomas Ostermeiers Eribon-Inszenierung „Rückkehr nach Reims“. Ja, Ostermeier gibt mit dem Abend eine sehr schön gestaltete Visitenkarte als politischer Theatermacher mit ironisch gefilterter Verpflichtung zur Selbstreflektion ab und die auratische Nina Hoss zieht als Hohepriesterin des Schaubühnen-Naturalismus mit, so dass man sich – mal wieder – fühlt, als säße man nicht im Theater, sondern sei privilegierte*r Beobachter*in bei den Dreharbeiten zu einem neuen Film starring La Hoss.

Superstar-Theater: Nina Hoss in „Rückkehr nach Reims“ an der Berliner Schaubühne. Foto (c) Arno Declair

In Berlin kommt dieses Theater super an, die Schaubühne ist sehr gut ausgelastet und hat ein junges Publikum, das mit Ostermeiers Theater mehr anfangen kann als mit Sebastian Hartmanns die Kritiker*innenherzen erfreuendem, regietheaterndem „Ulysses“ am Deutschen Theater (auch diese Inszenierung war in der TT-Jurydiskussion). Insofern ist es, von Berlin aus gesehen, nur fair, dass die Schaubühne als äußerst erfolgreiches Großstadttheater mal wieder mitspielen darf bei den „bemerkenswertesten zehn“, wenn eine Einladung zum Theatertreffen 2017 mit Ostermeiers starkem „Professor Bernhardi“ auch wesentlich sinnfälliger gewesen wäre, und „Rückkehr nach Reims“  nicht wirklich eine klare Haltung zu Didier Eribons in linksdiskursiven Kreisen geradezu kultisch verehrtem Buch entwickelt.

Anders als die Nominierungen von „Faust“ und „Nationaltheater Reinickendorf“ dürfte die Entscheidung der TT-Jury für „Rückkehr nach Reims“ das Gros des Berliner Theaterlebens eher überrascht haben. Aber das ist ja das Schöne am Theatertreffen, dass auch das hochnäsige Berlin sich auf einmal überregional messen muss, wenn schon die Berliner Arbeiten den Heimvorteil haben, dass sie sich nicht der bangen Frage stellen müssen „Wie komme ich in Berlin an?“ – So müssen eben Berliner Kritiker*innen und Zuschauer*innen ihre Urteilskriterien und Sehgewohnheiten überprüfen. Dürfen. Sollten! Wollen?

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