Unisex-Toilette in den USA. Foto (c) Ted Eytan / taedc / Flickr (Creative Commons License)

Hosen runter!

Ein halbes Leben lang war unser Autor in den meisten wichtigen Dingen nur unter Männern – ob beim Fußball, am Theater oder auf der Toilette. Jetzt begreift er sich als Feminist. Eine Befreiung.

Matthias Weigel

Matthias Weigel

Matthias Weigel war 2009 im ersten Blog-Jahrgang und von 2012 bis 2015 Redakteur bei nachtkritik.de. Er wuchs in der oberfränkischen Provinz auf, wo er zwischen Bierfest und Blasorchester unterschiedlichste Männlichkeitsbilder kennenlernte – so auch beim anschließenden Studium der Theater- und Medienwissenschaft sowie nach dem Wechsel in die TV-Showbranche. Seit 2018 Creative Producer der TV-Produktionsfirma Weltrecorder (u.a. Streetphilosophy, Arte).

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Wir müssen häufiger über Klos sprechen. Wie weit eine Gesellschaft ist, das zeigt sich an den Toiletten. Deshalb können wir eigentlich gar nicht genug darüber reden. Und auch wie weit ich selbst bin, hat sich mir auf Toiletten gezeigt – genauer gesagt auf den Toiletten der Sophiensaele in Berlin.

Es war während des feministischen Festivals „The future is female“, als ein sich für einigermaßen aufgeklärt haltender Feminist benutzte ich überzeugt die neuen Unisex-Toiletten: Gut, dass non-binäre oder Trans-Personen nun nicht mehr ausgeschlossen werden. Ich öffne die Außentür und stehe schon mitten im Raum – mit den herkömmlichen, halboffenen Kabinen in spardeutscher Leichtbauweise. Ich stelle mich in die Schlange. Und warte. Zwischen Frauen, kaum Männern und den Kabinen. Hm… Wo schaue ich hin? Aufs Smartphone, wie sonst immer. – Nein, blöde Idee, das hat ja eine Kamera. Ok, an die Decke. Und wo höre ich hin? Keine Wahl. Verhalte ich mich bereits merkwürdig? Sollte ich wirklich hier sein? Reagiere ich über? Oder verletze ich nicht gerade einen Safe Space? War ein Toilettengang schon jemals so anstrengend?

„Würden alle Menschen gleichermaßen benachteiligt, könnte man schlicht nicht von Diskriminierung sprechen. Sie entsteht immer nur in der Differenz.“

Wie viele andere Männer auch bin ich damit aufgewachsen, auf der Toilette nur unter Männern zu sein, genauso wie im Sportunterricht, in Jungsbanden, bei Junggesellenabschieden, Fußballspielen und so weiter. Immer wenn es intim wird, zur Sache geht, sind da nur andere Männer. Ohne sich je bewusst dafür entschieden zu haben, wird von klein an dieses erleichternde Gefühl angelegt, „unter sich“ zu sein. Kein Wunder, dass es in Unternehmensvorständen, Parteien und Funktionärsverbänden oft so weiter geht. Fühlt es sich so an, wenn man in einer Sekte ist? Nur dass es in diesem Falle die wohl weltgrößte Sekte ist?

Niemand ist „neutral“ auf dieser Welt

Wenn es um Diskriminierungsfragen geht, an Theaterbetrieben oder anderswo, ist der komplizierteste und heikelste Teil, Diskriminierung überhaupt erst zu erkennen: Niemand fordert lauthals Ungerechtigkeiten, wenige diskriminieren absichtlich. Aber wie Peggy McIntosh bereits 1988 schrieb, kann man es nicht nur als das Problem der Diskriminierten sehen: Immer dort, wo jemand benachteiligt wird, hat automatisch jemand anderes einen Vorteil. Würden alle Menschen gleichermaßen benachteiligt, könnte man schlicht nicht von Diskriminierung sprechen. Sie entsteht immer nur in der Differenz. Und sowohl beim Sexismus als auch beim Rassismus bin die Differenz: Ich. Ich bin auf unserer Welt nicht neutral. Keiner ist es. Weder mein Weißsein noch mein Mannsein ist „neutral“, sondern mit vielen Konsequenzen verbunden.

„Wie zur Hölle kann mir selbst ein Wildfremder das Gefühl geben, ihm in den Rücken zu fallen, indem ich nicht bei seinem Sexismus mitmache?

Wie tief das steckt, traf mich noch krasser beim Ausgehen mit meiner Partnerin und zwei Freundinnen. In einem abgetrennten Rauchervorraum mit ein paar Versprengten kommt ein Mann mit einer der Freundinnen ins Gespräch, fragt, was wir noch vor haben. Als wir wieder zurück gehen wollen, wendet er sich plötzlich an mich, zwinkert mir vielsagend und geschmacklos zu: „Viel Spaß noch mit deinen drei Frauen… könntest mir ja mal eine abgeben.“ Viel verstörender als der aggressive Akt, die Frauen (sogar in ihrer Anwesenheit) zu objektivieren und zu erniedrigen, war für mich: Ich habe ganz kurz den Impuls gespürt, nachzugeben und zu sagen: Danke, werde ich haben, höhö. Für eine Hundertstelsekunde stand für mich die Option im Raum, meine Freundinnen zu verraten – nur damit ich als Mann den anderen Mann nicht enttäusche oder gar verärgere, indem ich nicht einsteige. (Reagiert habe ich dann zum Glück anders.) Aber wie zur Hölle kann mir selbst ein Wildfremder das Gefühl geben, ihm in den Rücken zu fallen, indem ich nicht bei seinem Sexismus mitmache?

„The Future is Female“. Grafik (c) Sophiensaele Berlin.

Der Begriff für diesen negativen Druck, den Männer in sich selbst erzeugen oder indirekt von anderen Männer erfahren, ist „toxische Männlichkeit“, im Sinne von: vergiftend. Das können Gruppendynamiken sein, dauernder Wettbewerbsdrang, die Verdrängung von Gefühlen; dass man denkt, Risiken eingehen zu müssen oder gewaltsame Auseinandersetzungen. Wer denkt, er sei frei davon, der möge sich mal vorstellen, wie es ist, als Pubertierender Querflöte zu lernen oder statt zum Fußball lieber zur rhythmischen Sportgymnastik zu gehen. Und selbst als über 30-Jähriger konnte ich bei einem früheren Arbeitgeber in der Medien-Branche nicht mit in die Arbeits-Yoga-Gruppe gehen, ohne dafür in „harmlosen“ Reaktionen und Kommentaren von männlichen Kollegen gespiegelt zu bekommen, dass es irgendwie doch nicht ok ist.

Feministisches Bewusstsein als Befreiung erleben

Es gibt zwar einige Privilegien, die man als Mann (auch wenn man sie oft nicht einmal wahrnimmt) aufgeben muss: Ich muss mich nicht fürchten, weniger Geld zu verdienen als Kolleg*innen eines anderen Geschlechts. Ich kann bei formellen Empfängen einfach immer im Anzug erscheinen, ohne dass mein Äußeres zum Thema wird. Wenn mich jemand vom anderen Geschlecht auf einer Premierenparty zu einem Drink einladen will, muss ich mir keine Gedanken über spätere Gegenforderungen machen. Ich werde nicht aufgefordert, zu lächeln oder gut drauf zu sein. Als männlicher Schauspieler wird man eher auch nach „Typ“, und nicht nur nach perfekter Model-Schönheit besetzt. Bezeichnungen für meine Geschlechtsteile werden nicht als Schimpfwörter benutzt. Übergewicht ist für mein Geschlecht weitgehend akzeptiert. Und zynischerweise bin ich sogar insofern privilegiert, dass mir nicht Hysterie oder sexuelle Verbitterung vorgeworfen werden, wenn ich auf Sexismus hinweise. Und so weiter.

„Es gibt einige Privilegien, die man als Mann aufgeben muss.“ Grafik (c) istockphoto

Aber ein feministisches Bewusstsein empfinde ich vor allem als – extrem befreiend. Denn erst das Verstehen macht es möglich, sich selbst als eine Figur in einem Geflecht zu betrachten, die nicht alles bisher Geschehene verteidigen muss, die vieles nicht aktiv entschieden hat – sondern der eben auch in ihrer gesellschaftliche Rolle Dinge passiert sind. Erst daraus erwächst die Möglichkeit zur Selbstermächtigung: Als Individuum kann man dieser gesellschaftlichen Rolle jetzt aktiv entgegensteuern, man wird nicht länger nur geprägt, sondern kann auch die Gesellschaft prägen. Ich würde sogar sagen: Wer die Zusammenhänge in ihrer vollen Tragweite begreift, kann gar nicht anders, als zu handeln. Damit geht auch einen weiteres Umdenken einher: Nämlich sich von dem Gedanken zu verabschieden, dass man bisher gelebt hat, ohne zu diskriminieren oder sexistisch oder rassistisch zu handeln. Fast immer handelt man unbeabsichtigt oder unbewusst diskriminierend – verwerflich ist nur, kategorisch eigene Fehler auszuschließen oder nicht bereit zu sein, etwas zu verändern.

„Man arbeitet nicht an einem Diskriminierungsproblem, indem man es in Arbeitskreise auslagert.“

Sich als Theaterintendant, Bühnenvereinsvorstand, Geschäftsführer oder sonstiger Funktionär gegen Sexismus auszusprechen, schadet zwar nichts, tastet den entscheidenen Schritt des Erkennens und Benennens aber noch nicht an (ähnlich wie die Say no to racism-Kampagne der UEFA). Produktiver ist es doch, als Mann erstmal zu sammeln und zu benennen: Was sind meine Privilegien? Ganz konkret? Wo spüre ich Patriarchat in mir? Wo sind die Männerbanden um mich herum? Wenn beim diesjährigen Theatertreffen die Intendant*innen der nach Berlin eingeladenen Stücke über Gleichstellungsfragen sprechen werden, ist das nicht zuletzt eine Möglichkeit, sich als beispielhafte Führungskräfte zu zeigen und nicht bloß PR in eigener Sache zu machen, indem man „Maßnahmen“ aufzählt oder gar bei der Frage hängen bleibt, ob es denn nun Sexismus am eigenen Theater gebe. Wer sich wirklich damit beschäftigen will, könnte einfach damit anfangen, Männergemeinschaften und Privilegien zu suchen und zu benennen. Man arbeitet nicht an einem Diskriminierungsproblem, indem man es in Arbeitskreise auslagert – siehe WDR und Tom Buhrow. Eigentlich kann man nur bei sich selbst anfangen. Ein bisschen Risiko muss schon sein. Also: Hosen runter! Und natürlich: Her mit den Unisex-Toiletten!

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