Wenig an, aber dafür "einfach die geileren Texte". Das "Faust"-Ensemble. Foto (c) Thomas Aurin

Voll der Frauenfeind!

Hexen, Huren, Heilige: Die Jury stritt am letzten Tag öffentlich darüber, ob Frank Castorfs Frauenfiguren zu nackt und stereotyp seien. Eine Diskussion, die den Kern der Sache verfehlt, findet unsere Autorin.

Eva Marburg

Eva Marburg

Jahrgang 1980, studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Berlin und New York. Nach Arbeiten als freie Dramaturgin und Autorin am Theater, studierte sie Kulturjournalismus an der UdK in Berlin und ist seit 2018 Fachredakteurin für Theater bei SWR2. Außerdem schreibt sie als freie Journalistin, z.B. für den Freitag. Eva Marburg war Autorin beim Theatertreffen-Blog 2017.

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Am Eröffnungswochenende des Theatertreffens stand ich in einem Pulk männlicher Theaterkritiker, die schworen Stein und Bein, Frank Castorfs Inszenierungen seien dermaßen frauenfeindlich, das gehe nun wirklich nicht. Dazu ballten sie die Fäuste und reckten keck die Hälse. Der Vorwurf hatte mich bereits überrascht, als er erstmalig prominent auftrat. Ich glaube, das war irgendwann während des dreijährigen Dauerbombardements im Krieg um die Volksbühne, als dieses Geschütz – wahrscheinlich der Vollständigkeit halber – auch noch in Stellung gebracht wurde. Ganz verwundert war man da plötzlich, sah strampelnde Frauen auf der Bühne, rieb sich die Augen, fragte, warum da „all die Jahre“ eigentlich „keiner was gesagt“ hätte und war erschüttert.

Die angebliche Frauenfeindlichkeit von Castorfs Inszenierungen ruft kurioser Weise seit einiger Zeit vor allem Männer auf den Plan.“

Sich ein Urteil zu bilden, schreibt Kierkegaard, bedeutet immer auch, so zu denken „als ob die ganze Welt einem entgegendächte“, was bedeutet, die eigene Haltung gegen die Widerstände von außen zu verteidigen. Das ist selten einfach. Da reichen, wie in diesem Fall, schon vier Männer, die einem das Gegenteil erzählen. Ich war sofort verunsichert. Hatte ich irgendetwas nicht mitbekommen? Was sehen Männer, was ich als Frau nicht sehe? Wie sieht es überhaupt grundsätzlich aus mit dem Frauenbild auf der Bühne? Was bedeutet es, dass eine Schauspielerin in einer Diskussion der Theatertreffen Kontext-Reihe bei „Unlearning Patriarchat“ aufsteht und fordert, dass der Kanon „aufhören müsse“, weil dessen Frauenrollen „scheiße“ seien? Wie sieht es mit den Frauenbildern der anderen eingeladenen, „bemerkenswerten“ Produktionen aus? Warum langweilt es mich, wenn in „Beute, Frauen, Krieg“ die Göttin Helena als pinke Barbie in dreifacher Ausfertigung dargestellt wird? Warum empfinde ich es als herabwürdigend, dass der Schauspieler Benny Claessens, wenn er eine Frau spielt, diese dadurch markiert, dass er sich Menstruationsblut zwischen die Beine spritzt und besonders blöd dreinblickt? Sind das die Marker für Weiblichkeit? Warum sagt da keiner was?

Knapp behost im Bällebad: Kathrin Angerer in „Baumeister Solness“ (2014) von Frank Castorf an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Foto (c) Picture Alliance

Ich denke also dagegen an: Die angebliche Frauenfeindlichkeit von Castorfs Inszenierungen ruft kurioser Weise seit einiger Zeit vor allem Männer auf den Plan. Zuletzt befand sich Rüdiger Schaper im Tagesspiegel noch im Vollbesitz seiner Beschützerinstinkte, als er zur Eröffnung des Theatertreffens über das „Unangenehme, Abstossende“ Castorf‘scher Inszenierungen schrieb und anmahnte: „Frank Castorf zeigt Frauen immerzu als Prellbock und Prügelobjekt, als schrille, halbnackte, den reichlich fiesen und hässlichen Kerlen zugeneigt ohne echten Widerstand. Sicher: seine Schauspielerinnen machen das mit und auch gern, aber das ändert nichts daran, dass es lange schon unerträglich ist.“

„Pathologischer Schmuddelfink“ und „Dröhndödel“

Das Statement fasst den allgemeinen Vorwurf schön zusammen. Schreiende Frauen in Unterwäsche oder in mit Pailletten besetzten Negligés stolpern in High Heels über die Bühne – gespielt von willigen Schauspielerinnen, die sich (typisch Frau!) offenbar jedem Regie-Sadisten allzeitbereit an den Hals schmeißen. Schlimm ist das.

Blickt man in den stolzen und umfangreichen Katalog der Titulierungen, mit denen man Frank Castorf in seiner ein Vierteljahrhundert dauernden Intendanz bedacht hat („Stückezertrümmerer“„Altterrorist“, „Linker Ayatollah“, „Pathologischer Schmuddelfink“, „Urschrei-Therapeut“, „Dröhndödel“ usw.), dann ist „frauenfeindlich“ vielleicht einfach nur eines der letzten noch übrig gebliebenen Attribute auf der Liste der noch nicht abgearbeiteten Vorwürfe. Ein Vorwurf, der ja, das sollte man erwähnen, auch dem bequemen Umstand geschuldet ist, dass sich dank #metoo urplötzlich alle Welt um die Frauen sorgt, was ja zuvor auf ganz natürliche Weise niemandem in den Sinn gekommen war.

Allein die Mutmaßung, ‚Castorfs Schauspielerinnen‘ würden gerne dabei ‚mitmachen‘, Frauen als ‚Prügelobjekt‘ zu zeigen, offenbart einen bodenlosen Sexismus auf Seiten der männlich geprägten Theaterkritik.“

Die Liste ist darüber hinaus ein schönes Zeugnis für die rhetorisch kreativen Höhenflüge, zu denen sich die Journalisten im Angesicht der Volksbühne haben hinreißen lassen, denn zu welchem Theater fallen einem heute noch so Zungenhäppchen ein wie: „Straflager der Schwitz- und Schreikrampfkunst“, „Dilettanten-Paradies“, „Postsozialistische Spielhölle“, „Mördersandkasten und Massenabdeckerei“ oder auch „Blut- und Hodentempel“? Vor der Jahrtausendwende hatte Castorf offenbar seine Männerhass-Phase. Ständig mussten die männlichen Schauspieler ihr Geschlechtsteil entblößen, doch zum Glück hat da wenigstens gleich mal einer was gesagt. Zur diesbezüglichen Recherche empfehle ich den Bildband „Schöne Bilder vom hässlichen Leben – Castorfs Volksbühne“ von Hans-Dieter Schütt und Kirsten Hehmeyer – da sind alle Hoden der 90er abgebildet.

Doch weg von den Hoden: Allein die Mutmaßung, „Castorfs Schauspielerinnen“ würden gerne dabei „mitmachen“, Frauen als „Prügelobjekt“ zu zeigen, offenbart einen bodenlosen Sexismus auf Seiten der männlich geprägten Theaterkritik. Nicht nur, dass wir als Kritiker*innen diesseits des Hörensagens nichts über die konkreten Probenprozesse wissen können, es stellt den Künstler*innen auf schockierende Weise ihre Autonomie und Integrität in Abrede und wirft sie zurück auf eine hinterwäldlerische Vorstellung einer unterwürfig gearteten „Schauspieler*innennatur“.

Volksbühnen-Legende Sophie Rois (r.) in „Die Kabale der Scheinheiligen“ von Frank Castorf. Foto (c) Thomas Aurin

Diese Mutmaßung wird umso verdrehter, ja umso lächerlicher, wenn man sich die Liste der weiblichen Persönlichkeiten vor Augen führt, die in den ganzen Jahren Castorfs Inszenierungen ihr dominantes Siegel aufgeprägt haben: Frauen wie Astrid Meyerfeld, Sylvia Rieger, Jeanette Spassova, Kathrin Angerer, Birgit Minichmayr, Bärbel Bolle, Laura Tonke, Martha Fessehatzion, Jeanne Balibar, Margarita Breitkreiz, Thelma Buabeng, Lilith Stangenberg, Valerie Tscheplanowa und, natürlich, Sophie Rois, die sich selbst kürzlich als „Zumutung für einen Intendanten“ beschrieben hat, weil sie eben „keinen Service“ biete, sich eben für einen Spielplan „nicht zur Verfügung stellen“ würde – dieselbe Sophie Rois, die bei der Entgegennahme des Eysoldt-Rings davon sprach, dass man an der Volksbühne „nicht Frauen auf der Bühne schlug, um Kritik an der Gewalt gegen Frauen zu üben“, sondern dass man als Frau „einfach die geilen Texte bekam“, statt wie sonst auf den Bühnen als Schauspielerin humorlos mit der „Bratpfanne in der Ecke zu stehen“.

Margarete macht den Deckel drauf    

Ein einzigartiges, vor Individualität strotzendes Frauenheer also, das in seiner Wirkung auf der Bühne für mich immer gefährlich war, unberechenbar, raumnehmend, ausufernd und wahrhaftig. Nie habe ich auf der Bühne Frauen mehr bewundert. Nie habe ich das historische Schicksal der Frauen mehr begriffen, mehr erfasst als in der Szene in „Les Misérables“, wenn Valerie Tscheplanowa sich als Fantine aus Armut die Haare und Zähne herausreisst, um sie zu verkaufen, eine Szene in der sie sich mit Blut das Gesicht wäscht und sagt: „Man sagt, die Sklaverei sei aus der europäischen Kultur verschwunden, aber sie besteht fort, weiter fort auf den Schultern der Frauen.“ Nie habe ich eine Lesart von „Faust“ auf der Bühne gesehen, in der Margarete die bedeutendste Männerfreundschaft des deutschen Patriarchalbürgertums dadurch beendet, dass sie Faust und Mephisto in einen Sarg sperrt und endlich den Deckel auf diese beiden „Dröhndödel“ draufknallt. Eine unendliche Erleichterung.

Noch nie wurde ich überhaupt im Theater mehr dazu angeregt, über die tiefgreifenden Verschränkungen von Kapitalismus, Körperpolitik, Macht und Gewalt nachzudenken, als in diesen frauenfeindlichen Inszenierungen von Frank Castorf.

Noch nie sah ich die Ur-Szene des „Schönes Fräulein, dürft ich’s wagen…“ als das entblößt, was sie tatsächlich ist – als sexistische, jämmerliche Anmache in einer U-Bahn, auf die Gretchen autonom antworten darf: „Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleit‘ nach Hause gehn. Im Übrigen möchte ich nicht von Ihnen angesprochen werden!“ Nie hörte ich Margarete in eigenständiger Selbstbefreiung sagen „Ich bin gerettet.“ anstatt gerettet werden zu müssen. Noch nie sah ich Homunculus in „Faust“ als eine von zwei Männern fabrizierte Frau, eingewickelt in Plastik wie eine Schaufensterpuppe; ein Bild, dass das ganze Drama der Frau als Marktprodukt männlicher Obsessionen offenbart. (Der Urgrund dieser Obsession, die Frau möge zur Puppe werden, ist kulturhistorisch gesehen der Pygmalion-Mythos, dessen dunkelste Spielvariante, das zutiefst frauenverachtende Musical „My Fair Lady“, den deutschsprachigen Theatern vor drei Spielzeiten landauf landab den größten Publikumszulauf und die schönsten Einnahmen bescherte. Niemand hat sich daran gestört: Ich glaub‘, jetzt hat sie’s!) Noch nie wurde ich überhaupt im Theater mehr dazu angeregt, über die tiefgreifenden Verschränkungen von Kapitalismus, Körperpolitik, Macht und Gewalt nachzudenken, als in diesen frauenfeindlichen Inszenierungen von Frank Castorf.

Halt dich an deiner Liebe fest

Die Verwertung und Sexualisierung von Frauenkörpern als bedeutendste und gewinnbringendste Währung des Kapitalismus hat die Feministin Laurie Penny mit ihrem Buch „Fleischmarkt“ auf den Begriff gebracht. Ich glaube, dass es Castorf interessiert, genau das aufzuzeigen. Dass Frauen in allen Lebenslagen letztlich „halbnackt“ dastehen, dem sexualisierten Blick ausgeliefert sind, „nur“ als Körper wahrgenommen und bewertet werden. Darin liegt eben die Ambivalenz „seiner“ Frauenfiguren: Als autonome Subjekte, die sie eigentlich sind – die handeln, verändern, ganze kanonische Werke transformieren und umschmeißen – bleiben sie im männlichen Blick als reiner Körper zurück, an die Fesseln der Sexualität gekettet.

„Autonome Subjekte, die ganze kanonische Werke transformieren und umschmeißen.“ Valerie Tscheplanowa und Martin Wuttke in „Faust“. Foto (c) Thomas Aurin

Der männliche Theaterkritiker, der sich über die spärlich bekleideten Schauspielerinnen echauffiert, entkommt dabei seinem eigenen Blick nicht. Er hört die Frau nicht, die am Ende von „Faust“ mit freigelegtem Busen einen intellektuellen Diskurs mit den beiden Männern führt. Er kann die Schauspielerin hier nur als Körper sehen, zensiert sein Begehren und wittert dabei Frauenfeindlichkeit. Das ist der Zwiespalt, in dem Frauen sich bewegen müssen, in dem sie sich Gehör verschaffen müssen, wo alle männlichen Ohren taub sind. Ich kenne kein eindrücklicheres Bild, diesen ewigen Widerspruch weiblicher Realität zu zeigen.

Als ich am Eröffnungswochenende zwischen den männlichen Theaterkritikern stand, wollte mich einer wegen Castorf, der ja jetzt frauenfeindlich war, trösten: „Entschuldige, ich weiß du vergötterst ihn.“ Nein, lieber Kritikerpulk, ich „vergöttere“ ihn nicht, das ist nur so eine männliche Idee, dass an Männern was Göttliches sein muss. (Bisher ist mir kein solcher Mann begegnet, aber vielleicht kommt das ja noch. Im Alter.) Aber wie sang Kathrin Angerer einst so schön in der Volksbühne: „Halt dich an deiner Liebe fest“. Und für einen Menschen, dessen Kunst mich seit 15 Jahren begleitet, bin ich bereit, genau das zu tun.

3 Kommentare

  1. Ja, DANKE!
    Selbständiges Denken und ‚Dagegenandenken‘ könnten Voraussetzungen sein.

  2. Andreas Badstübner

    ich komm‘ in ein Alter, indem ich solch einen Text dankbar vergöttere.

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